22.05.2014

„Wir müssen darüber nachdenken, wie wir leben wollen, damit alle leben können“

Nach siebenjähriger Pause hatten die Waldbreitbacher Franziskanerinnen wieder zu den Waldbreitbacher Impulsen eingeladen

Schwester Edith-Maria Magar, die Generaloberin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen (rechts), begrüßte die Referenten der Waldbreitbacher Impulse: Schwester Dr. Dr. hc Lea Ackermann, die Gründerin und Vorsitzende von Solwodi (Mitte), Annegret Kramp-Karrenbauer, die saarländische Ministerpräsidentin (2. von rechts), und Monsignore Pirmin Spiegel, der Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor (2. von links). Klaus Hamburger (links) moderierte die Veranstaltung. Foto: Andrea Schulze

Waldbreitbach. Unser Lebensstil hat Auswirkungen und Konsequenzen für die ganze Welt. Und wenn wir mehr Frieden und Gerechtigkeit erreichen wollen, müssen wir uns ändern. Das war eine der zentralen Aussagen der Referenten bei den Waldbreitbacher Impulsen zum Thema Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung Mitte Mai im Forum Antoniuskirche. Nach siebenjähriger Pause hatten die Waldbreitbacher Franziskanerinnen wieder zu dieser Vortrags- und Diskussionsveranstaltung eingeladen, „um Impulse zu geben und diese in die Welt zu senden“, wie die Generaloberin Schwester Edith-Maria Magar in ihrer Begrüßung formulierte. Diese Impulse setzten Schwester Lea Ackermann, die Gründerin und Vorsitzende von Solwodi (der Hilfsorganisation Solidarity with women in distress), Annegret Kramp-Karrenbauer, die saarländische Ministerpräsidentin, und Monsignore Pirmin Spiegel, der Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor.

 

Frieden und Gerechtigkeit seien Werte, so Schwester Lea Ackermann in ihrem Vortrag, für die Menschen einst gekämpft haben. Heute stünden diese Werte eher im Hintergrund. An ihre Stelle seien Wachstum und Gewinnmaximierung getreten. Und das habe Folgen für die Gesellschaft, „denn unsere Werte bestimmen, wie wir mit anderen Menschen und der Welt umgehen“, ist die Ordensfrau überzeugt. Vor allem die maßlose Gier, die sie zunehmend beobachtet, führe zu Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Und vor diesem Hintergrund könnten auch in Deutschland Menschenhandel, Zwangsprostitution und Organhandel gedeihen.

Sie kritisierte vor allem die Gesetzesänderung, mit der vor rund zehn Jahren die Prostitution in Deutschland legalisiert wurde. Die Folgen seien gravierend: Die Lebensbedingungen von Frauen in der Prostitution seien schlimmer denn je und der Handel mit Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, sei dramatisch gestiegen. Mit ihrer Organisation Solwodi kümmert sich Schwester Lea unter anderem um Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen.

Tiefgreifende, echte Veränderung sei notwendig, und die beginne bei jedem Einzelnen. Sie rief auf, tätig zu werden, denn „Worte werden unglaubhaft, wenn keine Taten folgen“, so Schwester Lea.

Auch Pirmin Spiegel forderte in seinem Statement Veränderungen. Das Ziel sei ein gutes Leben für alle, gerade für die Armen und für zukünftige Generationen in einer intakten Natur. Spiegel nennt es „Welt-Gemeinwohl“. Und das erfordere zwingend eine Änderung des Lebensstils. „Die Welt wird es nämlich nicht aushalten, wenn alle so konsumieren wie die Menschen in der westlichen Welt“, ist er überzeugt. Die Erde werde ausgebeutet, aber nicht, um Hungernde satt zu machen, sondern um Konsum und Gewinn zu steigern. Und so erkläre es sich, dass häufig gerade in den Ländern, die über viele Rohstoffe verfügen, besonders viele arme Menschen leben.

Er sieht die Grenzen unseres Wohlstandsmodells und ist davon überzeugt, dass der Hunger auf der Welt menschengemacht ist. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir leben wollen, damit alle leben können“, so Spiegel. Der Weg dahin gehe nur über Veränderungen, über Selbstverpflichtung und Konsumverweigerung. Es gebe immer Möglichkeiten umzukehren, sowohl für jeden persönlich als auch politisch.

„Auch wenn wir versuchen möglichst viel Gerechtigkeit herzustellen, so wird es dennoch immer Ungerechtigkeit und Unterschiede geben“, davon ist Annegret Kramp-Karrenbauer überzeugt. „Wir werden die Konsequenzen unseres Lebens und der weltweiten Ungerechtigkeit spüren.“ Schon heute kämen viele Menschen in die reichen westlichen Länder, weil in ihren Heimatländern die Lebensgrundlage zerstört wurde. Annegret Kramp-Karrenbauer plädierte dafür, Technik und Forschung zu nutzen, um intelligente, ressourcenschonende Lösungen zu entwickeln, die dazu beitragen, dass die Menschen in ihren Ländern gut leben können und eine Zukunft haben.

Zudem wünscht sie sich Impulse von Vereinen, Organisationen und Kirchengemeinden in die Politik hinein und Engagement vor Ort. So könne Menschen geholfen und mehr Gerechtigkeit geschaffen werden. Die Politik müsse dafür die Rahmenbedingungen schaffen. Die Arbeit an einer gerechteren Welt sei die wichtigste Aufgabe, nur so sei ein gutes Leben für alle Menschen möglich.

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch