Auslegung des Evangeliums von Generaloberin Schwester Edith-Maria Magar zum 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mt 25,1-13

 
Geschlafen haben sie alle, liebe Schwestern und Brüder.

Alle zehn Jungfrauen sind eingeschlafen.
Die Anspannung, das lange Warten hat alle zehn gleichermaßen ermüdet und so hat der Schlaf sie übermannt.
Sicher wird auch die gleiche Sehnsucht und die Vorfreude sie zum gemeinsamen Aufbruch bewegt haben, dem Bräutigam entgegen.
Und alle zehn haben ihre Lampen mitgenommen.
Dumm nur, dass fünf von ihnen nicht daran gedacht haben, genügend Öl-Reserven mit zunehmen, die anderen fünf wohl.
Das macht den Unterschied. Jesus nennt die einen klug, die anderen töricht.
Und weil die Klugen ihr Öl nicht mit den Törichten teilen wollen (denn dann reicht es ja für alle nicht), ziehen die los, um Öl zu kaufen.
Und verpassen den Anschluss.

Die endzeitlichen Reden Jesu mahnen zur Wachheit, zur stetigen Bereitschaft, weil ja niemand den Tag und die Stunde kennt, wann der Herr kommt.
All zu gerne versetze ich mich da in die Lage derer, die auf Nummer sicher gehen und in weiser Voraussicht genug Vorrat mitnehmen, um beim Fest dabei zu sein.
An mir soll es schließlich nicht liegen, den Herrn zu verpassen, also…
Doch - kommt es wirklich darauf an?
Kommt es wirklich darauf an, dass ich alles tue, um dabei zu sein, mir gleichsam „den Himmel verdiene“ und daraus dann einen Anspruch ableite, eingelassen zu werden, weil ich ja so gut vorgesorgt habe?

Liegt das wirklich in meiner Hand?
Vielleicht meint der Herr mit der gebotenen Wachsamkeit mehr als das?

Ein mittelalterliches Fresko in Südtirol lädt zu einem Perspektivwechsel ein.
In der Kapelle der Burg Hocheppan in der Nähe von Bozen sind eindrucksvolle Fresken aus dem 13. Jahrhundert zu bestaunen.

Ein Fresko zeigt auf der linken Seite der Mittelapsis die klugen Jungfrauen in schlichten Gewändern mit vollen Ölgefäßen dargestellt.
Man kann erkennen, wie sich Christus ihnen segnend zuwendet.

Die törichten Jungfrauen auf der rechten Seite, gekleidet in edle höfische Gewänder, aber mit leeren Gefäßen, sie stehen vor einer auf den ersten Blick verschlossenen Tür.
Doch wenn man genauer hinschaut, so stellt man fest, dass die Tür gar nicht verschlossen ist, sondern noch einen Spalt breit offen steht.
Dieser Spalt lässt aufmerken.
Dieser Spalt ist entscheidend.
Dieser Spalt hat’s in sich, denn er symbolisiert die bedingungslose Liebe unseres Gottes, der niemanden verloren gibt, auch die nicht, denen das Öl ausgegangen ist.
Seine Tür, sein Herz, steht offen für alle.

Und wir?
Nehmen wir solche mit, die nicht, wie wir, gut vorbereitet sind? Die nicht in unser Schema passen?
Lassen wir sie nicht eher zurück, nach dem Motto: selber schuld, dumm gelaufen?
Wie wach, wie achtsam sind wir in einem solchen Augenblick für die Bitte der anderen: gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus?

Was wäre wohl gewesen, wenn die Klugen diese Not der anderen an sich herangelassen hätten? Wenn sie die Törichten an die Hand genommen hätten, wenn sie sie mitgenommen hätten?
Was wäre geschehen, wenn sie enger zusammengerückt und beieinander geblieben wären?

Das Öl hätte für alle gereicht.
Und: Hand aufs Herz -  bin ich nicht auch auf das Öl der anderen angewiesen?
Wenn meine Lampe auszugehen droht, mein Vorrat an Glaube, Hoffnung und Liebe?
Wenn innere Leere mein Vertrauen in die bedingungslose Liebe Gottes verdrängt?

Wer kennt sie nicht, diese Arm-Seligkeit, diese Verwiesenheit auf das Getragensein von anderen, von Gemeinde und Gemeinschaft?
Wie gut ist es dann, mitgenommen zu werden und im Schein der Lampen der anderen das Zeugnis ihres Glaubens, ihrer Zuversicht zu erfahren und wieder neu darauf vertrauen zu können, dass der Herr mich liebt vor aller Leistung, trotz aller Schuld?

Und schließlich ihm mein leeres Gefäß, meine leeren Hände hinzuhalten, damit er die Leere füllt mit dem Reichtum seiner Gnade.

Diese neue Perspektive, liebe Schwestern und Brüder, sie lässt uns erahnen, was wohl geschehen wäre, wenn die mit den leeren Gefäßen geblieben wären, statt wegzugehen.
Wenn sie dem Bräutigam entgegengegangen wären, so, wie sie waren?
Wenn sie in ihrer Armseligkeit darauf vertraut hätten, dass ER sie in seiner bedingungslosen Liebe einlassen würde?
Sie hätten das Festmahl genießen können. Hoch-Zeit!

Bleiben oder weggehen –
muss erst das Licht ausgehen, damit uns ein Licht aufgeht?

Gerade jetzt, wo viele um den Zusammenhalt in Politik, Gesellschaft und Kirche bangen?

Der Türspalt lässt hoffen, hoffen auf den gemeinsamen Weg zum Fest, miteinander und mit Ihm, unserem Gott, der keinen von uns verloren gibt. 

A m e n

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch