Predigt von Richard Baus zum 1. Weihnachtsfeiertag, Lesejahr A

Joh 1, 1-5.9-14

  
Liebe Schwestern und Brüder,

während uns das Evangelium der Hl. Nacht wunderschöne Bilder gemalt hat - von Engeln und Hirten, von der Geburt im Stall, da berichtet uns das Evangelium des 1. Feiertages sehr nüchtern einfach nur: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut.

Das war‘s auch schon. Viel ist das nicht. Und stimmungsvoll überhaupt nicht.

Und dennoch - es lässt ja auch Raum, Raum für unsere eigenen Gedanken, mit denen wir diese knappen Worte etwas füllen können. Raum dafür, was das denn bedeuten könnte „unter uns zu wohnen“ - für diesen Mensch gewordenen Gott und für uns, bei denen er wohnt.

Ich bin da im Advent einem Text begegnet, der mich seitdem nicht mehr loslässt. Er versucht, diese „Lücken“ zu füllen.

Catrina Schneider, eine liebe Kollegin, hat ihn geschrieben und sie hat so formuliert:

Irgendwann
in einer dieser
sternenwachen Nächte
lässt Gott sich fallen
kopfüber
in den Schoß der Welt
nur so aus Liebe
um das Atmen zu lernen
und das Lachen
und das Leid
und uns
das Lieben zu lehren
uns, die wir uns fallen lassen
in seinen Schoß
in einer unserer
sternenwachen Nächte

Wunderschöne Gedanken, die die Autorin da formuliert:
Sie schreibt von einem Gott, der sich so Hals über Kopf in diese Welt verliebt hat, dass er sich in sie hineinfallen lässt, in den Schoß dieser Welt, um dort geboren zu werden - als Teil dieser Welt, als Mensch.

Nun, soweit haben wir das sicher schon gehört und an Weihnachten ist uns das geläufig.
Aber dann wird es spannend: Wenn dieser Gott ein Mensch wird, dann wird es ihm wohl auch ergehen wie es allen Menschen ergeht: Er muss das Mensch sein lernen. Er muss lernen zu atmen, er muss lernen, wie das geht mit dem Lachen und dem Weinen, und wie es sich anfühlt, wenn man leidet und wenn man glücklich ist.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

Gedichtzeilen, die ungewohnt sind, die aber die Menschwerdung Gottes absolut ernst nehmen. Wenn Gott Mensch wird, dann muss er das lernen. Denn so wenig wir wissen, wie es ist, Gott zu sein, so wenig wird Gott wissen, wie es ist, Mensch zu sein. Auch Gott muss erst einmal Mensch werden - und in Jesus von Nazareth hat er das getan. In Jesus von Nazaret hat Gott die Mensch-Werdung gewagt.

Und wenn wir im Johannes-Evangelium weiterblättern, dann werden wir feststellen, dass er für dieses „Lernen“ wohl 30 Jahre lang gebraucht hat. 30 Jahre lang hören wir nichts von diesem Jesus. 30 Jahre, die im „Dunkel“ bleiben. Erst 30 Jahre später, bei seiner Taufe im Jordan, erscheint der menschgewordene Gott wieder auf der Bildfläche - und jetzt kommt er, um uns zu lehren, uns das zu lehren was er gelernt hat: Die Liebe. Die Liebe, die Gott zu uns Menschen hat - und die unsere Welt verwandeln will. Damit unsere menschliche Welt göttlicher werden kann.

Und dazu erlässt Jesus nicht noch mal neue zehn Gebote. Er stellt keine Moralkataloge auf und er hält auch keine Vorlesungen, sondern er zeigt einfach, wie es geht. 

Er lebt es uns vor, damit wir es von ihm ablesen können. Er lebt uns vor, wie es sich anfühlt, wenn Gott Mensch geworden ist - und das Atmen und das Lachen und das Leiden gelernt hat.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

er zeigt uns, dass man Kranken nur hilft, wenn man sie wirklich heilt. Dass man Taube so ansprechen kann, dass sie das Hören wieder entdecken; dass man Blinden die Augen wieder öffnen kann, indem man sie lehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, mit den Augen Gottes.

Er lehrt uns, dass Sünder und Ausgestoßene zu ganz neuen Menschen werden können, wenn man sie nicht bestraft und noch weiter ausgrenzt, sondern wenn ihnen vergibt, wenn man ihnen Barmherzigkeit schenkt.

Dass man Kriege und Streit in der Welt nicht damit beendet, indem man aufrüstet und noch mehr Waffen aufeinander richtet, sondern indem man miteinander spricht und neue Anfänge wagt.

Und dass Menschen, die schon tot waren, zu neuem Leben auferstehen können, wenn man ihnen eine neue Würde schenkt, neues Ansehen - die Würde von Kindern Gottes.

Dietrich Bonhoeffer hat das so formuliert:

„Wo die Menschen sagen „verloren“ – da sagt er „gefunden“;
Wo die Menschen sagen „gerichtet“ – da sagt er „gerettet“;
Wo die Menschen sagen „nein“ – da sagt er „ja“.
Wo die Menschen ihre Blicke gleichgültig oder hochmütig wegwenden, da ist sein Blick von  einer Glut der Liebe wie nirgend sonst.

Und nicht zuletzt lehrt Jesus uns, dass die Liebe kein Spaß ist, nicht „just for fun“, sondern das sie kostet. Sie kostet mich das, was mir ein Mensch wert ist -- der Mensch, dem ich bereit bin, sie zu schenken. Und so wie er es gezeigt hat - kann sie das Leben kosten. Das Leben am Kreuz - so wie den Mensch gewordenen Gott am Ende das Leben gekostet hat, weil er nichts für sich zurückbehalten wollte, nicht einmal sein Leben, sondern der alles hingegeben hat für die Menschen, in die er sich so „kopf-über“ verliebt hat.

Weihnachten ist wohl das Fest für die, die bereit sind zu lernen, das Mensch-Werden und das Mensch-Sein zu lernen. so wie Gott bereit war, das zu lernen - unter uns - und für uns.

Möge Gott auch uns eine jener sternenwachen Nächte schenken,
in denen wir uns dann in seinen Schoß fallen lassen wollen, einfach aus Liebe.
Um dann von Ihm zu lernen, wie sich das anfühlt, ein Mensch zu sein - ein Mensch nach seinem Ebenbild
und die anderen Menschen dann auch so zu lieben.

Amen


Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch