Predigt von Richard Baus zum 2. Weihnachtsfeiertag - Fest des hl. Stephanus, Lesejahr A

Liebe Schwestern und Brüder,

wie jedes Jahr am 2. Feiertag wird die frohe und idyllische Stimmung von Weihnachten jäh unterbrochen.
Da ist nicht mehr von der Freude über die Geburt des Kindes im Stall die Rede, sondern von Verfolgung und Bedrängnis, von Mord und Totschlag. 

Ursprünglich hatte Stephanus nichts mit Weihnachten zu tun.
Denn sein Andenken und die Feier seines Gedächtnisses sind älter als das Weihnachtsfest, das bei den Christen erst viel später seine liturgische Gestalt fand. Die ersten Christen feierten Ostern - und nicht Weihnachten.

Dass die beiden Feste jedoch irgendwann zusammengewachsen sind, ist kein Zufall. Denn die Geschichte des Stephanus spiegelt den Wesenskern von Weihnachten wider: Wer dieses Kind im Stall von Betlehem annimmt und aufnimmt, wer bereit ist, sein Leben an diesem Kind auszurichten, und sein Leben nach seinen Maßstäben zu leben, dem wird es am Ende auch so ergehen wie diesem Kind, wie diesem Jesus von Nazaret - denn er stirbt am Ende am Kreuz - nicht weil er böse war, sondern weil er so gut war; 
nicht weil er nicht fromm und gläubig war, sondern weil er in einer Art und Weise fromm und gläubig war, wie es die Frommen und Gläubigen seiner Zeit nicht ertragen konnten.

Denn die wollten einen gerechten Gott - und keinen barmherzigen.
Sie wollten einen Gott, der die Bösen für ihre Schuld bestraft - und keinen Gott, der sie am Ende rettet. Sie wollten einen Gott, der ein Richter ist - und keinen Retter.

Weil Jesus das anders sah, musste er sterben. Und weil auch Stephanus das anders sah, musste auch er sterben.

Es gibt ein Lied in unserem Gotteslob, das diesen Gedanken zum Ausdruck bringt. Wir haben es gesungen: „Und wer dies Kind mit Freuden, umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel“, so hieß es da. Und weiter heißt es: „danach auch mit ihm sterben, und geistlich auferstehen, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn“ GL  236, 5+6.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

Weihnachten läßt sich nicht ohne den Karfreitag und Ostern erschließen. 
Karfreitag und Ostern sind die „Nagelprobe“ dafür, dass auch Weihnachten ein Fest der Christen ist - und nicht das Fest von Romantikern.

Deshalb dürfen wir nicht bei der Idylle von Weihnachten stehen bleiben, sondern wir müssen auch den Karfreitag und Ostern, das Leiden und die Auferstehung in den Blick nehmen.
Nur durch das Kreuz und durch Ostern hat Weihnachten Sinn.
Deshalb ist das Fest des Hl. Stephanus heute am richtigen Platz.

Er ist „Zeuge dafür, dass der Herr diejenigen, die mit ihm und für ihn leben, im Tod nicht alleine lässt“ (Eleonore Beck), sondern dass er ihnen den Himmel offen hält.
Dieser „offene Himmel“ ist noch ein Bild, ein Motiv, das Weihnachten und das Fest des Hl. Stephanus so eng miteinander verbindet: Da Weihnachten singen wir in einem unserer Lieder die Strophe:

„Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob Ehr und Preis.“

Eine wunderschöne Anspielung auf die Erzählung vom Sündenfall aus dem AT. Nachdem der Mensch gesündigt hat, indem er selbst sein wollte wie Gott und Gott ihn deshalb aus dem Paradies vertrieben hat, stellt Gott den Engel mit dem Flammenschwert an den Eingang des Paradieses, damit niemand mehr dort hineinkommt.

Weihnachten haben wir gefeiert, dass Gott das Paradies wieder geöffnet hat. Der Mensch, der in seinem Wahn sein wollte wie Gott, der hat wieder Zutritt zum Paradies - weil Gott in seiner unverbesserlichen Liebe zu uns Menschen, selbst ein Mensch werden wollte. Einer von uns.

Gott hat sich uns gleichgemacht - aus Liebe. Und damit hat er uns den Zugang zu seinem Ewigen Leben wieder geöffnet
Und in der Lesung aus der Apostelgeschichte hören wir, das Stephan im Angesicht des Todes rufen kann: Ich sehe den Himmel offen.
Ja, der Himmel steht weiter offen - für uns Menschen. Und dort findet nun der Mensch Stephanus Heimat und Geborgenheit, den die Menschen wegen seiner Liebe zu diesem Gott in ihrer Mitte nicht mehr haben wollen.

Der Himmel steht offen für alle, die eine Heimat suchen, die die Welt ihnen nicht bieten kann - und die Menschen einander oft nicht schenken wollen.
Der Himmel steht offen für alle, die von Menschen verachtet, verfolgt und kleingemacht werden - die aber von Gott angesehen und geliebt werden.
Weihnachten und Fest des Hl. Stephanus - zwei Feste, die uns den Himmel offen halten. 

  
Liebe Schwestern und Brüder,

das Fest des Stephanus will uns betroffen machen, weil im Namen Gottes bis heute Menschen getötet werden.
Christ sein, so kann man in ernstzunehmenden Medien lesen, war noch nie so gefährlich wie heute. Nie zuvor sind so viele Christen diskriminiert, bedroht und verfolgt worden. Weltweit sind bis zu 100 Millionen Christen betroffen und die Tendenz ist steigend. Christen verschiedener Konfessionen sind zwar nicht die einzige Religionsgruppe, die wegen ihres Glaubens benachteiligt wird; weltweit leiden sie aber am meisten unter religiöser Diskriminierung oder Verfolgung.

Gott sei Dank muss in unseren Breitengraden kein Christ davor Angst haben, verfolgt zu werden. Vielleicht müßten wir eher die Sorgen haben, „zu wenig Christen“ zu sein.

Aber ich bin fest davon überzeugt: auch dann ist der Herr für uns da.

Und auch dann steht sein Himmel für uns offen.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch