Predigt von Richard Baus zum 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mt  21, 33-43

 
Liebe Schwestern und Brüder,

dieses ziemlich harte Evangelium nennen unsere Theologen eine „Gerichtsrede“. Gott hält Gericht. Und das Urteil, das in diesem Gerichtsprozess gesprochen wird, lautet:

Der Weinberg wird den bisherigen Pächtern, den Führern des Volkes Israel weggenommen und anderen Pächtern übergeben, denn die alten Pächter haben nicht auf den Herrn und nicht auf seine Propheten gehört.
Sie wollten selbst die Herren des Weinberges sein. Und deshalb hören sie nicht auf das, was der Herr sagt, sondern sie leben ihren eigenen Willen.
Nicht mehr was Gott sagt, ist ihnen wichtig, sondern sie bauen auf das, was sie selbst denken und wollen. Und das, so Matthäus, straft Gott.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesem Bild vom Weinberg, den jetzt andere erhalten, drückt Matthäus das Selbstbewusstsein der jungen christlichen Gemeinde damals aus:
Sie beanspruchen jetzt, das wahre Israel zu sein. Denn sie haben doch den Sohn und Erben aufgenommen und sie werden dem Herrn des Weinberges auch die Früchte abliefern.

Eine eindeutige Absage der jungen Christen an das alte Israel.
Gott hat die Seiten gewechselt, so sagen sie. Nicht mehr Israel ist sein Volk, sein auserwähltes Volk, sondern das sind nun sie, die Christen.
Und die Wirklichkeit scheint ihnen Recht zu geben, denn dieses Christentum breitet sich aus - über die Grenzen des alten Israels hinaus und wird zur Weltkirche.

  
Aber, liebe Schwestern und Brüder,

die Theologen, die ich eben am Anfang erwähnt habe, sagen aber auch: Die Mahnung des Evangelisten an die damaligen religiösen Führer des alten Gottesvolkes, die gilt jedoch auch heute immer noch. Und sie richtet sich heute an die Führer des neuen Gottesvolkes und nicht nur an die Führer, sondern an jeden Einzelnen in diesem Volk-- denn das Evangelium gilt für alle und für alle Zeit.

Und damit stellt sich die spannende Frage: Wie ist das denn heute mit uns und bei uns? Sind wir immer noch der Weinberg Gottes - oder wollen wir selber die Herren dieses Weinberges sein?

Fragen wir wirklich jedenTag, was GOTT denn HEUTE von uns will, von unserer Kirche --- oder haben auch wir, wie die Pharisäer damals, heute unsere vorgefertigten Antworten aus dem Katechismus, unsere liebgewordene Gewohnheiten, die wir nicht aufgeben wollen und unsere Traditionen, von denen man uns sagt, sie wären heilig?

Auf gut Deutsch: Kann Christus noch selbst seine Kirche lenken, sie noch führen und leiten - oder machen das andere?

  
Liebe Schwestern und Brüder,

wenn der Herr des Weinbergs kommt – und nach den Früchten fragt – was haben wir ihm zu bieten? Früchte, die süß sind, die Freude machen und von denen man leben kann - oder haben wir nur trockene Vorschriften, die uns so wichtig sind?

Sind wir noch Seelsorger und Seelsorgerinnen, Menschen, die barmherzig sein können und liebevoll, die Verwundete heilen, Verlorene suchen und heimtragen und Frieden stiften wollen, oder sind wir am Ende nur noch Verwalter von Gesetzen?

Papst Franziskus hat unlängst irgendwo gesagt:
Wer nur die Kirche verkündet und nicht Jesus Christus, der verliert die Orientierung.

Und das heißt wohl: Woran orientieren wir uns? Am Kirchenrecht oder am Evangelium, also an der Frohen Botschaft?

Ist uns die Erfüllung des Gesetzes wichtiger als die Weisung unseres Herrn mit seiner großen Barmherzigkeit und seiner unendlichen Liebe?
Entscheiden wir, ob unsere Kirche noch „rechtgläubig“ ist daran, ob wir die sogenannten „Sünder“ von den Sakramenten ausschließen - oder ob wir sie zulassen

Aber wer ist da näher am Herrn der Kirche - der Rigorose oder der Barmherzige?
Wer ist näher bei Gott? Der, der die sogenannten „Sünder“ wegschickt vom Tisch des Herrn - oder der, der sie zum Tisch kommen lässt? Der Herr, der Herr unserer Kirche jedenfalls hat sich mit den Sündern an den Tisch gesetzt hat, um ihnen zu zeigen, dass er sie liebt.
Weil er eben nicht gekommen ist, die Welt zu richten, sondern zu retten. Und er deshalb keinen ausgeschlossen hat von seinem Erbarmen und niemanden zurückgewiesen hat, der seine Gemeinschaft gesucht hat. 
Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, so lautet seine Maxime - und das müsste doch auch unsere Maxime sein ---- zumindest wenn wir sein Volk sein wollen, sein Weinberg,

ein Weinberg, der süße Früchte bringen soll.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus Christus ist der Eckstein, so sagt das heutige Evangelium - auch wenn die Bauleute im „alten Volk Gottes“ ihn verworfen haben - weil er nicht streng genug war, sondern zu barmherzig, zu liebevoll.

Aber auf ihn baut Gott sein Reich, sein Volk.
An ihm entscheidet sich alles - an seiner Liebe und an seinem Erbarmen.
Und deshalb muss sein „wirkliches“ Volk doch auch sein wie er.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch