Predigt von Richard Baus zum 3. Adventssonntag im Lesejahr A

Mt 11,2-6  (nur 1. Teil des Evangeliums)

 
„Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ so lässt Johannes aus dem Gefängnis heraus Jesus anfragen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ist das nicht eine seltsame Frage aus dem Mund Johannes´ des Täufers? Er kennt Jesus doch.  Er ist mit ihm verwandt. Er hat Jesus im Jordan getauft und auf ihn hingewiesen als das Lamm Gottes, das die Sünde der ganzen Welt hinweg nimmt. 

Und nun eine solche Frage.

Was ist passiert, dass Johannes Jesus auf einmal so in Frage stellt?

Nun, Johannes ist wohl in eine tiefe Glaubenskrise hineingeraten. Er weiß tatsächlich nicht mehr, ob Jesus wirklich „der Richtige“ ist; ob dieser Jesus, wirklich der ist, der da kommen soll, um Israel zu retten.
Denn was Johannes da in seinem Gefängnis über Jesus  hört,  das ist so ganz anders als er es sich vorgestellt hat.

Vielleicht erinnern Sie sich an die Predigt des Johannes, die wir am vergangenen Sonntag gehört haben. Da hat Johannes den Menschen gedroht: Alles, was nicht gerade wächst und keine Frucht bringt, wird umgehauen; alle Spreu, alles, was nichts taugt, wird im ewigen Feuer verbrannt. Wer sich nicht anstrengt, nicht sichtbar umkehrt, der ist verloren.

Und dann kommt Jesus, der, auf den er hingewiesen hat - und bei ihm klingt das so ganz anders.
Wo Johannes den Tag des Zornes Gottes angekündigt hat, da verkündet Jesus auf einmal ein Gnadenjahr des Herrn.

Wo Johannes sichtbare Werke der Buße und der Umkehr gefordert hat, da heilt Jesus Kranke und befreit Menschen von ihren Krankheiten und dämonischen Abhängigkeiten, ohne dass sie auch nur irgend etwas dafür getan hätten.

Und wo Johannes den Menschen „die Hölle heiß gemacht“ hat, wo er mit nie verlöschendem Feuer gedroht hat, in dem alles verbrannt wird, was keine gute Frucht zeigt –
da tröstet Jesus und kündigt das Reich Gottes an.
Keine Drohbotschaft mehr, sondern eine Frohbotschaft – Evangelium.

Genau das verunsichert Johannes; vielleicht macht es ihm sogar Angst in seinem Gefängnis.

Denn er ist überzeugt davon: Gott lässt nicht mit sich spaßen. Gott fordert. – Und das, was  Jesus da tut und verkündigt, das ist zu wenig fordernd.
Verlangt Gott nicht mehr?
Müssten die Menschen nicht mehr tun, mehr „leisten“?
Geht das wirklich so einfach mit dem Heil?

Und so muss er seine Frage stellen: Bist du es jetzt– oder müssen wir auf einen anderen warten?

Die Antwort Jesu ist sicher auch anders als Johannes es erwartet hat: 
Keine Rechtfertigung, und keine theologische Diskussion, sondern nur der Hinweis auf die neue Wirklichkeit, die dort sichtbar und spürbar wird, wo Jesus mit den Menschen in Berührung kommt:

„Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“

Selig, wer keinen Anstoß daran nimmt, dass Gott so ganz anders ist und so ganz anders zu uns kommt, als wir Menschen uns das so vorstellen und oft so gerne hätten.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

fragen wir uns heute Morgen einmal: Wo ist unser Platz in dieser Geschichte?
Kommen wir mit diesem so „anderen“ Jesus zurecht – ohne Anstoß daran zu nehmen?
Oder sind wir da nicht manchmal doch näher bei Johannes? In einem Gefängnis -- gefangen in unseren Gottesvorstellungen?
Mal ehrlich: Warten wir im Grunde nicht auch auf „einen anderen“?

Auf einen „starken Mann“ von oben, der Ordung macht – und dann kommt Gott als Kind.
Da hoffen wir, dass Gott endlich mal dreinschlägt – und Gott ist geduldig.
Wir wollen Vergeltung und Rache, die Abrechnung für eine Schuld – und Gott ist barmherzig, gnädig und voll Liebe.

Ja, Gott ist in der Tat oft so ganz anders als wir ihn denken, ganz anders als wir ihn wollen.

Der großartige evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat über Gott einmal geschrieben:
„Wo die Menschen sagen „verloren“ – da sagt er „gefunden“;
wo die Menschen sagen „gerichtet“ – da sagt er „gerettet“;
wo die Menschen sagen „nein“ – da sagt er „ja“.
Wo die Menschen ihre Blicke gleichgültig oder hochmütig wegwenden, da ist sein Blick von  einer Glut der Liebe wie nirgend sonst.“

Aber selig, wer daran keinen Anstoß nimmt.

Ja, selig, wenn auch wir keinen Anstoß daran nehmen, dass Gott  -oft genug- so ganz anders auch in unser Leben hinein kommt als wir es uns vorstellen.

Aber wir dürfen sicher sein:
Wenn er kommt, dann immer voller Liebe
und immer, um uns zu retten und zu heilen.

Amen

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch