Predigt von Richard Baus zum 3. Fastensonntag im Lesejahr A

Joh 4,5-15.19b-26.39a.40-42   Kurzfassung

 
„Er ist wirklich der Retter (der Heiland)  der Welt.“
Liebe Schwestern und Brüder, mit diesem Satz endet unser heutiges Evangelium. Und dieser Satz ist ein Glaubensbekenntnis.

Überraschenderweise kommt dieses Glaubensbekenntnis jedoch nicht aus dem Mund der gläubigen Juden, sondern aus dem Mund der Samariter.

Und das ist schon ein Wunder, denn diese Samariter werden von den Juden verachtet – wegen ihrer anderen Religion, wegen ihrer anderen Art und Weise zu glauben und wegen der anderen heiligen Orte, an denen sie beten.

Bis es jedoch zu diesem Glaubensbekenntnis kommt, geschehen sehr ungewöhnliche Dinge dort am Brunnen, die sich aber vielleicht auf den ersten Blick hin gar nicht erschließen. Daher möchte ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, einladen zu einem zweiten Blick.

Da ist Jesus unterwegs – und zieht durch das Gebiet der Samariter. Eigentlich ziemlich gewagt, denn die Samariter gelten, wie gesagt, für Juden als Ungläubige. Und wer Land der Ungläubigen betritt, macht sich selbst auch unrein. Aber mit solchen religiösen Ansichten hat Jesus anscheinend keine Probleme.
Im Gegenteil, er bittet auch noch eine Samariterin in der Mittagshitze um einen Schluck Wasser.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

hier sind jetzt sogar ein paar „zweite Blicke“ nötig, um diese Situation richtig einzuordnen.

Dass diese Frau um die Mittagszeit zum Wasserholen geht, spricht nicht unbedingt für sie. Wasserholen war die Arbeit von Sklaven oder Mädchen. Und wegen der großen Hitze machte man das morgens früh oder am Abend.
Wenn diese Frau nun selbst kommt, dann heißt das, dass sie wohl schlecht versorgt ist;
und wenn sie am heißen Mittag kommt, dann heißt das wiederum, dass sie nicht unbedingt auf andere Leute treffen will. Sie versteckt sich. Denn Brunnen sind Begegnungsorte und Umschlagplätze für die neusten Nachrichten. Nein, Sie will niemanden aus dem Dorf treffen – sie will unangenehmen Fragen und dummen Bemerkungen aus dem Weg gehen.
Anscheinend hat sie nicht den besten Ruf.

Und wenn Jesus sie nun auch noch um einen Schluck Wasser bittet, dann ist das besonders „pikant“, denn ein „anständiger“ Rabbi und Meister spricht auf der Straße keine fremden Frauen an; das war unschicklich – vor allem wenn man bedenkt, dass auf diese Art, über das Bitten um einen Schluck Wasser, an einem Brunnen Bekanntschaften geschlossen und Ehen angebahnt wurden – denn die Mädchen waren sonst im Haus eingeschlossen. Begegnungen waren nur am Brunnen möglich.

Aber genau so, trotz dieser eigentlich unmöglichen Gegebenheiten  entwickelt sich ein Gespräch, das am Ende in ein Glaubensgespräch mündet und das Leben dieser Frau so total verändert. 

  
Liebe Schwestern und Brüder,

wo es zunächst nur um dieses abgestandene Wasser aus dem Brunnen geht, da erzählt Jesus von diesem lebendigen Wasser, das nicht nur den alltäglichen Durst des Menschen stillt, sondern auch „den Durst nach gelingendem, heilem und ewigen Leben“ (HJ Frisch).
Den Durst nach Leben, nach all dem, was diese Frau sich erwünscht und ersehnt - weil ihre Lebensgeschichte genau anders verlaufen ist.

Und behutsam kann Jesus die Frau zum Glauben führen, dass er der ist, der dieses Wasser des Lebens schenken kann. Er kann sie so ansprechen, dass sie, die sich zunächst versteckt hat wegen ihrer gescheiterten Beziehungen, am Ende aufrecht von dannen gehen kann

Eine Frau, die dieser „neue Glaube“ so erfüllt und glücklich macht, dass sie selbst zur Missionarin wird und in der ganzen Stadt davon erzählt, so dass auch andere kommen, um Jesus zu sehen und zu hören.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wie spannend: Ein Glaubensgespräch – nicht in einem geschützten Raum, nicht in einem Gotteshaus, sondern an einem Brunnen, mitten auf der Straße, mitten unter den Menschen.

Ein Glaubensgespräch, das sich für die damalige Zeit so sicher in keiner Weise gehört hat. So was war für die Frommen eine Sünde – das aber so vieles verändert und verwandelt. Ein Gespräch, das heilt,
aufrichtet.

Und man fragt sich: Was wäre wohl geschehen, wenn alle dort geblieben wären, wie es sich gehört hätte???? Die Juden bei den Juden, die Samariter bei den Samaritern, die Frauen bei den Frauen und die Männer bei den Männern?

Wohl nichts. Gar nichts! Alles wäre beim Alten geblieben, beim Status quo.

Aber Gott sei Dank ist da dieser Jesus, der alle Grenzen der Religion und des sogenannten „Anstandes“ einfach überschreitet – und damit eine ganze Welt verändert.

Ein interreligiöser Dialog - ohne Berühungs-Angst.
Glaubensvolles Handeln – nicht nach gesetzlichen Vorgaben und Bestimmungen, sondern einfach nach dem Herzen.
Nicht nach der Erlaubnis „von Oben“, sondern weil das eigene Gewissen es fordert

Handeln ohne Grenzen, gegen alle Vorschriften – und genau das bewirkt das Heil.
In der Tat anstößig und sündhaft für einen wirklich Frommen zur Zeit Jesu.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

und so etwas „Anstößiges“  steht in der Bibel, in unserer Heiligen Schrift. Ob es da nur drinsteht, damit wir es bewundern? Oder ob es drinsteht, damit wir es auch so machen?
Ich vermute ja, es ist uns aufgeschrieben, damit wir es auch so machen, damit wir es nachmachen – und zwar Jesus nachmachen. 

In den vergangenen Tagen gab es einige Berichte über die Kritiker von Papst Franziskus. Sie werfen ihm vor, dass er zu wenig festschreibt, dass er zu wenig definiert, so wie man das bisher von den Päpsten gewohnt war. Man kann es nicht ertragen, dass er „nur“ Möglichkeiten aufzeigt – und dann schweigt, ohne weitere Vor-Schriften zu machen. Man fühlt sich alleingelassen – allein mit seinem eigenen Gewissen und seiner eigenen Verantwortung.
Und wenn man nur laufen kann, wenn man an der Hand geführt wird und nicht weil man es selbst will, dann wird einen so was in der Tat verrückt machen.

Aber der Papst kennt wohl seine Hl. Schrift. Er vertraut wohl auf den Herrn der Kirche und dessen Hl. Geist, mit dessen lebendiger und liebevoller Hilfe viel mehr möglich ist als durch bloße Gesetze.

Und er weiß, dass alle Getauften Anteil haben an diesem Gottes-Geist.
Schließlich hat Gott ihn uns geschenkt – in Fülle.

Und er weiß auch, dass eine Kirche mit Beulen und Schrammen besser ist als eine, an die vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, lieber gar nichts tut, sondern alles beim Alten belässt.

Und deshalb traut Papst Franziskus wohl der Kirche zu, dass sie handelt, nicht nur nach Vorschriften und Weisungen, sondern auch nach bestem Gewissen Gott gegenüber und mit ganz viel Liebe den Menschen gegenüber -
damit Heil spürbar wird. Heute. Durch uns. Denn diese Kirche, das sind doch WIR.  Wer sonst?

 
Liebe Schwestern und Brüder,

die österliche Bußzeit lädt uns ein zur Besinnung. Und sicher auch zur Besinnung darüber, wie unser Glaube ist. Ist er wie Wasser aus der Zisterne, mit dem man grade so über-leben kann? Oder ist er wie jenes lebendige Wasser, das vom Herrn kommt, und mehr Leben möglich macht?  

Führen wir nur harmlose Gespräche über das Wetter oder trauen wir uns auch mal an ein konstruktives Glaubensgespräch? Auch mit Andersdenkenden, mit Andersgläubigen?

Sind wir einfach nur „brave“ und „ordentliche“ Christen, die niemanden stören, oder gehen schon mal andere gestärkt und aufrecht wieder von uns weg, weil unser Glaubenszeugnis hilfreich und heilsam war - so wie ein Gespräch mit Jesus am Jakobsbrunnen.

Eingeladen, zu sein und zu handeln wie der Herr, sind wir – von unserem Herrn selbst.
Und damit wir es können, hat er uns seinen Geist geschenkt.

Nur tun müssen wir es schon selbst.

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch