Predigt von Richard Baus zum 4. Fastensonntag, Lesejahr A

Joh 9,1 – 41

  
Liebe Schwestern und Brüder,

da treffen Jesus und die Jünger auf einen Mann, der seit seiner Geburt blind ist – und die erste Frage der Jünger lautet: Wer hat gesündigt?

Wer hat gesündigt, dass so etwas passieren konnte? Er selbst – oder seine Eltern? Da muss doch was dahinterstecken, dass dieser Mann blind ist. 

Ja, für sie ist es sonnenklar: Diese Behinderung, dieses Unglück, das kann nur die Strafe Gottes sein für eine Sünde.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich fürchte, dieses Denken ist uns gar nicht so fremd. Wie oft haben wir nicht auch schon gefragt: Womit habe ich das verdient? – wenn uns etwas Schweres zugestoßen ist. Was habe ich falsch gemacht, dass ich so von Gott gestraft werde?

Aber hinter so einem Denken steckt ein sehr ungutes Gottesbild. Das Bild eines Gottes, der alles genau kontrolliert und beobachtet – und der dann gleich reagiert, wenn er eine Sünde in unserem Leben entdeckt.
Ein Gott, der straft, wenn nicht alles so läuft, wie er es sich vorgestellt hat – und wenn es sein muss, so wie diese Jünger sich das denken, dann straft er auch noch die nächste Generation.

Ein wirklich schlimmes Gottesbild. Denn einem solchen Gott ist man hilflos ausgeliefert – und vor dem kann man eigentlich nur Angst haben.

Jesus sieht das anders. Für ihn geht das Denken seiner Jünger in die ganz falsche Richtung. Was diese Männer da im Kopf haben, das ist nicht sein Gott. So wie sie von Gott denken, ist das nicht sein Vater. Und so muss Jesus eingreifen. Er muss ein deutliches NEIN sagen. Nein. Weder er noch seine Eltern haben gesündigt. Hier geht es nicht um einen Zusammenhang von Tun und Ergehen, nicht um einen Zusammenhang von Sünde und Leid. Denn Gott ist ganz anders.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der lässt  doch niemanden fallen, selbst wenn er in Schuld geraten ist. Der Gott unseres Herrn Jesus Christus nimmt niemandem das Leben, selbst wenn er gesündigt hat.

Sondern der Gott, den Jesus in seinem Herzen und auf seinen Lippen trägt, der schenkt Leben.

Und um das deutlich zu machen, handelt Jesus an diesem Mann wie Gott an uns handelt: Er macht ihn heil. Er macht ihn wieder sehend.

Und die Art und Weise, wie Jesus das tut, zeigt uns, wie nahe Gott an uns herankommt.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wo Jesus ist, da ist Gott am Werk. Und wo Jesus ist, da hat das alte Vergeltungsschema, das wir in unseren Köpfen haben,  ausgedient.  Wir müssen uns davon verabschieden. 

 
Liebe Gottesdienstgemeinde,

der Ruf Jesu, der über dieser österlichen Bußzeit steht, lautet: Kehrt um! Metanoeite! wie es im griechischen Urtext heißt.
Ich bin vor wenigen Tagen auf einen Artikel gestoßen, in dem zu lesen war, die Übersetzung „Kehrt um!“ sei zwar nicht falsch, aber nicht die beste Übersetzung. Besser hieße es dort „Denkt größer!“

Denkt größer in diesen hl. 40 Tagen. Größer denken – zunächst einmal von Gott. Und dann könnte das heißen: Sich von einem kleinlichen Aufpassergott zu verabschieden, der alles sieht – und jedes Vergehen ahndet. Denn Gott ist größer; er ist liebevoller und barmherziger als wir es uns überhaupt vorstellen können.

Und Gottes Gerechtigkeit ist auch keine rückwärtsgewandte und vergeltende Gerechtigkeit, die auf Strafe aus wäre für das, was wir falsch gemacht haben, sondern eine zukunftsgewandte  Gerechtigkeit, die Raum lässt für Veränderung, für Wandlung. Wir dürfen uns verändern. Wir dürfen uns wandeln. Wir dürfen besser werden.
Denn bei Gott ist nicht wichtig, was war, sondern was sein wird und sein kann, Dann, wenn wir Gott mit seinem Heil nahe an uns heranlassen – so nahe wie dieser Blinde im Evangelium Jesus ganz nahe an sich heranließ. 
Dann ist alles möglich – weil bei Gott nichts unmöglich ist.

Und genau dazu will Jesus auch uns mit diesem Wunder die Augen öffnen: Zu einem größeren Blick auf Gott – mit mehr Liebe und mit mehr Vertrauen.

Größer denken von Gott.  

Aber auch größer denken vom Menschen, damit der auch wirklich zu dem werden darf und kann, wozu Gott ihn auserwählt und berufen hat.

Und das geht nur, wenn auch wir ihn nicht in Schubladen einsperren, aus denen er nie mehr wieder heraus darf; wenn wir ihn nicht auf seine Fehler und Schwächen festlegen, auf das, was er mal falsch gemacht hat,  sondern wenn wir ihm gestatten, sich zu verändern, etwas besser zu machen als vorher – weil Gott uns doch auch nicht festlegt und in eine Schublade sperrt, sondern uns immer eine neue Chance gibt, immer wieder einen neuen Anfang und die Möglichkeit, unser Leben zu ändern.

Papst Franziskus hat bei seiner Predigt zum Aschermittwoch den schönen Satz gesagt: Das Aschekreuz erinnert uns daran, dass wir Staub sind – aber in den liebenden Händen Gottes.

D.h.: Wir sind kein Dreck, sondern Ackerboden; die Erde, aus der Gott die Schöpfung geformt hat – und aus der er auch  heute immer noch seine Schöpfung formt – uns --- dann,  wenn wir ihm das gestatten, wenn wir uns ihm anvertrauen und uns in seine liebenden Hände hineinbegeben.

Größer denken von Gott. Und größer denken von uns Menschen.

Das könnte unsere Aufgabe sein in diesen letzten Wochen vor Ostern.

Der Herr lädt uns dazu ein.

 
Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch