Predigt von Richard Baus zum 4. Ostersonntag, dem Sonntag vom guten Hirten, im Lesejahr A

Joh 10,1-10
 

Liebe Schwestern und Brüder,

den heutigen Sonntag nennt die Kirche den Sonntag vom Guten Hirten – nach dem Evangelium des guten Hirten. Und die Kirche betet heute um geistliche Berufe, um solche guten Hirten.

Das Evangelium hat uns gerade die Kunst beschrieben, die ein Hirte beherrschen muss, damit er in seinem Beruf etwas taugt:
Drei „Künste“ sind es.

Die Erste ist:
Er muss die Tiere seiner Herde mit Namen kennen – damit er sie ansprechen und rufen kann; damit sie seine Stimme heraushören und erkennen können bei all den anderen Stimmen, die sie vielleicht hören. Nur wenn sie ihm vertrauen können, werden sie ihm auch folgen, wenn er sie ruft und herausführt.

Da ist die zweite Kunst:
Er muss sie leiten und führen können. Das heißt: Er muss ihnen vorangehen und ihnen Mut machen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich habe mir sagen lassen, dass das ein ganz wichtiger Moment ist: Wenn der Hirte seine Herde aus der Enge des Stalles hinausführt ins Weite. Das macht manchen Tieren Angst. Und ich fürchte: Manchem unserer kirchlichen Hirten auch. In der Weite, da kann so viel passieren. In der Weite können Gefahren lauern. In der Weite kann man sich verlaufen und verirren.
Aber der gute Hirte weiß: Nur in der Weite kann man wirklich leben.

Das Leben spielt sich nicht im Stall ab, sondern dort wo Weite ist.
Und der gute Hirte weiß auch, dass seine Herde nicht dumm ist. Die weiß schon, wo Gefahren lauern können. Und wenn sie Vertrauen zu ihm hat, dann wird sie hören, wenn er sie ruft.
Aber der Hirte darf selbst keine Angst haben vor der Weite – und keine Angst vor dem Leben; sondern er muss beides lieben: Das Leben und die Weite. Und er muss der Herde Mut machen, mit ihm dort hin zu gehen.

Und daraus ergibt sich die dritte Kunst:
Der Hirte muss wissen, wo die Herde Weide findet.
Denn er will ja, dass sie das Leben haben, nicht nur ein bisschen, das zum Über-Leben reicht,  sondern Leben in Fülle.

Der gute Hirte ist einer, der also nicht nach seinem eigenen Profit fragt, nach der Wolle und dem Fleisch der Tiere,  sondern nach dem Wohlergehen der Schafe.
Und er wird alles tun, damit es den Tieren gut geht – denn der gute Hirte liebt doch seine Herde.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

im Moment wird uns „die Pfarrei der Zukunft“ ans Herz gelegt, große Pfarrgebiete, Verwaltungseinheiten - und nicht mehr Lebensorte.

Und man fragt sich bang: Stimmt da das Bild, das Jesus vom Guten Hirten gezeichnet hat, noch mit unserer Realität in der Kirche überein?

In einer Zeit, in der die Herden immer größer werden, weil es immer weniger Hirten gibt --- wie wird da der Hirte jeden Einzelnen noch kennen und beim Namen rufen können?

Und wenn die Herde ihren Hirten immer seltener trifft, weil er keine Zeit mehr für sie hat – wie sollen sie seine Stimme noch kennen?

Und wenn dort steht, dass der Hirte vorangeht, die Herde führt, hat man nicht heute eher den Eindruck, dass die Hirten, weil sie keine Zeit mehr haben, an der Tür stehenbleiben, die Herde rausschicken und ihnen vielleicht noch ein paar gute Ratschläge mitgeben: „Passt gut auf euch auf! Macht nichts verkehrt! Gebt acht, dass ihr den Stallgeruch nicht verliert.......“

Und auch eines anderen Eindrucks kann ich mich nicht erwehren: Dass die Hirtensorge immer mehr zur Sorge der Herde um die Hirten wird: Kommen die Hirten überhaupt noch mit den Herden mit? Können sie noch das Tempo halten – oder haben wir die Hirten nicht irgendwann abgehängt – und die Herde verläuft sich?

Bischof Kamphaus hat in einer Predigt zum heutigen Sonntag geschrieben:

„Die Großpfarreien führen dazu, dass die Hirten ihre „Schafe“ nicht mehr kennen, deren Namen sie nur noch in der Kartei stehen haben.“
Und er fragt weiter: „Ist das nicht die Stunde, das Hirtenamt aller getaufter und gefirmten Christinnen und Christen neu zu entdecken?!“
(Franz Kamphaus, Tastender Glaube. Inspirationen zum Matthäus-Jahr).
Welch schöner Gedanke: Das Hirtenamt aller. Nicht nur der paar „Geweihten“, sondern das Hirtenamt aller Getauften und Gefirmten.
Dann wäre der Mangel auf der Stelle vorbei.

Und ob der Herr das damals nicht tatsächlich auch so gemeint hat, als er von Hirten sprach? Denn geweihte Priester, die gab es da noch gar nicht…. 

 
Liebe Schwestern und Brüder,

gute Hirten und gute Hirtinnen sind wichtig – nicht nur in der Kirche, sondern auch in einer Familie, in einem Unternehmen, Betrieben und Einrichtungen.

Gute Hirten, die fallen aber nicht vom Himmel und die wachsen auch nicht an Bäumen, sondern die kommen aus den Familien, aus der Kirche, aus den Betrieben und Einrichtungen.

Es sind die Menschen von Morgen, die aber im Heute gute Beispiele haben müssen, von denen sie lernen können. Denn wo soll Morgen etwas Gutes herkommen, wenn heute nichts Gutes da ist, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann?!

Wenn wir Morgen gute Hirten haben wollen, dann müssen wir heute in der Tat für einander gute Hirten und Hirtinnen sein –

Menschen, die bereit sind, das Verlorene wieder zu suchen und das Verirrte zurückzubringen. Die das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und die das, was stark ist, nicht kleinkriegen wollen, sondern die es behüten.

Menschen, die ihre Hirtenmacht und ihre Hirtensorge einsetzen, damit niemand unter die Räder kommt;
die niemanden abschreiben, der was falsch gemacht hat, sondern die die Schwachen stärken und aufrichten, damit sie wieder zum Leben finden.

Dann wären wir gute Hirten und Hirtinnen - Ob als Eltern, als Freunde und Freundinnen, Mitschwestern und Mitbrüder, als Nachbarn und Mitchristen in einer Gemeinde.
Menschen, die einander mit Namen kennen – und die einander helfen, in der Weite zum Leben zu finden – zum dem jeweils eigenen Leben, zu dem Leben, zu dem der Herr sie berufen hat.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch