Predigt von Richard Baus zum 5. Fastensonntag im Jahreskreis A

Joh 11, 1-45  Kurzfassung

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wenn Sie einmal zu Hause ihre Bibel aufschlagen und das heutige Evangelium suchen, dann finden sie es unter der Überschrift: »Die Auferweckung des Lazarus«.

Richtig, Lazarus steht im Mittelpunkt dieser Geschichte, Lazarus - und das Wunder seiner Auferweckung.
Aber es lohnt sich, in dieser Geschichte auch mal das „Drumherum“ in den Blick zu nehmen -- und dann vielleicht noch etwas anderes, sehr  Kostbares zu entdecken: nämlich die Rolle, die jene Marta in der Geschichte spielt, eine der beiden Schwestern  des Lazarus. 

Da ist ein Wort dieser Marta überliefert, das wir vor lauter Schauen auf das Wunder nicht überhören sollten.
Wenn Sie sich erinnern: Marta führt mit Jesus ein sehr intensives Gespräch, ein regelrechtes Glaubensgespräch. Und dieses Glaubensgespräch endet mit dem Wort: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Das ist ein Glaubensbekenntnis.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

in der theologischen Fachsprache heißt ein solches Bekenntnis ein Messiasbekenntnis. Und es besagt, dass Jesus hier als der erkannt und bekannt wird, der er wirklich ist: Der Messias, der von Gott gesandte und gesalbte Heiland, der Retter und Erlöser. Es ist der, von dem die Welt das Heil erwarten kann.

Ein Messiasbekenntnis - mitten auf der Straße.
In der Tat: Eine Kostbarkeit.

Denn solche Messiasbekenntnisse sind selten in den Evangelien. Zu solch tiefen Einsichten kommen nicht viele – Petrus kann da noch mithalten – und für sein Messiasbekenntnis bekommt er die Schlüsselgewalt, wird er zum Fels, auf den der Herr seine Kirche baut.

Aber auch wenn Marta als Frau diese Auszeichnung nicht zuteil wird,  so spricht ihr Bekenntnis von ihrem tiefen Glauben – und vor allem von ihrer großen Liebe zu diesem Jesus. Denn solche Messiasbekenntnisse, die kommen einzig und allein aus dem Herzen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

hinter diesem großartigen Glaubensbekenntnis stecken wohl die  Erfahrungen, die Marta mit diesem Jesus gemacht hat: Ja, sie kennt Jesus, und sie weiß, dass er Heil bringt;  dass das Heil über dort ist, wo er ist.
Dass allein schon seine Gegenwart Macht hat über das Unheil und dass Gottes Kraft dort Wirklichkeit wird, wo Jesus Menschen begegnet.

Marta bezeugt damit einen Jesus, der Herr des Lebens ist,
einer, der eintritt für das Leben, und zwar für das Leben schon in dieser Welt… nicht erst für das ewige Leben im Himmel.
Nein jetzt will er Leben.

Martha weiß: Er ist es, der die Kranken heilt; er ist es, der die Ausgestoßenen in die Gemeinschaft mit Gott zurückführt, weil er Leben in Fülle will. Er, der mit den Menschen Hochzeiten und Gastmähler feiert, um ihnen zu zeigen, wie lebenswert dieses Leben ist.
Und der es nicht ertragen kann, wenn der Tod stärker ist als dieses Leben. Wo er ist, das ist Leben.

Und jetzt, am Grab des Lazarus, des Freundes, macht Jesus das noch einmal wahr.
Lazarus, komm heraus, so ruft er. Und dieser Ruf ist so stark, dass Lazarus aus seinem Todesschlaf aufwachen und aus dem Grab herauskommen kann.

„Löst ihm die Binden“, so sagt Jesus weiter, „und lasst ihn gehen“.

Löst ihm die Binden. Das ist ein Wort, mit dem Jesus nun die Menschen anspricht, die wohl dabei stehen und alles beobachten.

Löst ihm die Binden! Macht ihn frei, von dem, was ihm das Leben nimmt – und lasst ihn wieder ins Leben hineingehen.

Ein schönes Wort – aber ein Wort, das zeigt, dass Jesus Menschen mit ins Boot nimmt, wenn es um Wunder geht; dass sie mithelfen sollen, dass dieses Wunder auch wirklich geschehen kann. 

Jesus macht das, was sein Part ist; das, was nur er kann: Einen Toten zum Leben erwecken.
Aber das, was die Menschen können, das sollen sie auch selber tun: Nämlich Binden lösen. Menschen befreien von dem, was am Leben hindert und gefangen hält. Menschen ins Leben hinein zu verhelfen, damit niemand auf der Strecke bleiben muss.

Löst ihm die Binden. Das ist der Auftrag Jesu an die „Umstehenden“, an die, die ihm zuhören. Löst ihr ihm die Binden.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Jesus-Wort müssen wir heute, am Misereor-Sonntag, sicher mit besonderer Aufmerksamkeit hören.
Denn es ist auch uns gesagt.
Löst ihm die Binden, helft mit, dass Menschen nicht länger gefangen sind in irgendwelchen Notsituationen und unmenschlichen Verhältnissen, nicht in Krankheiten und finanziellen Nöten.

Löst ihm die Binden und helft mit, dass Menschen ihr Leben wieder selbständig in die Hand nehmen können – weil Ihr sie unterstützt 

mit Eurem Gebet, mit Eurer Spende, dem Geld, das Ihr mit ihnen teilt,

mit dem guten Wort, das Ihr einem Menschen in Eurer Umgebung sagt, so dass er wieder Mut fasst und sich von Euch getragen weiß.

Denn wir können mithelfen, dass das Wunder einer Auferstehung sich auch heute noch ereignen kann: Nämlich dort, wo wir an Jesus, den Messias glauben – und uns von ihm in den Dienst rufen lassen, den Menschen die Fesseln zu lösen.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch