Predigt von Richard Baus zum 6. Sonntag im Jahreskreis A

Mt 5, 20. 21-11. 27-30

  
Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal ist es gut, wenn man sich die Zeit nimmt, auch noch mal neuere theologische Literatur zu lesen - und man nicht meint, man wüsste ja schon alles....

So habe ich an diesem Wochenende in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ geblättert und bin auf bemerkenswerte Gedanken von Anselm Grün zum heutigen Evangelium gestoßen.
Ein paar dieser Gedanken möchte ich heute Morgen mit Ihnen teilen.

Da schreibt Anslem Grün (sinngemäß):
Was Jesus da fordert, klingt für manche von uns sicher erschreckend. Anscheinend lauert überall das Böse. Jeder kleine Gedanke macht schon schuldig.
Ist das nicht erdrückend?
Und dann soll man sich auch noch ein Auge ausreißen oder eine Hand abhacken. Das wäre in der Tat schrecklich.

Aber, so Anselm Grün, genau so meint Jesus das nicht.
Jesus will uns nicht erdrücken, sondern er will uns helfen.
Und deshalb dürfen wir seine Worte nicht moralisch auslegen, sondern wir sollen sie bildhaft sehen.

Die Worte Jesu also bildhaft auslegen.
Was ist damit gemeint?

  
Liebe Schwestern und Brüder,

in einer bildhaften Auslegung steht die rechte Hand des Menschen für einen typischen „Macher“. Für einen Menschen, der meint, alles „machen“ zu können, was er will. Nichts kann ihn aufhalten. Und was die rechte Hand hat, das hält sie fest; da gibt es kein Entkommen mehr. Und alles nur für sich selbst.

Während die linke Hand für die Hand steht, die empfängt und die liebevoll ist; die Hand, die nicht besitzen und festhalten will, sondern die streicheln und loslassen kann. Sie kann frei-lassen und her-geben - und anderen damit Leben möglich machen.

Und mit den Augen ist es ebenso: Das rechte Auge steht für das Auge, das alles beherrschen will, das beurteilt, einordnet und vereinnahmt.
Irgendwann wird es ganz und gar gierig sein, weil es alles haben will, was es sieht - und es wird niemals zufrieden sein, weil es immer mehr sehen, und dann auch haben will.

Während das linke Auge für das Auge steht, das einfach „sein lässt“. Es sieht das Gute und das Schöne im anderen; es bewertet nicht, sondern blickt voll Liebe auf den Menschen, der in seinen Blick gerät. Keine Verdächtigungen, keine Überwachung, keine Verurteilungen und auch keine Habgier, sondern eben einfach nur Wohlwollen und Liebe.

Soweit Anselm Grün.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

links und rechts, zwei Seiten in ein und demselben Menschen.
Links und rechts, zwei Möglichkeiten, mit einem anderen Menschen und mt dem, was mir begegnet, umzugehen.
Und Jesus lässt keinen Zweifel daran: Nur eine Seite macht es richtig; nur eine Seite macht es so, wie er es sich vortellt - weil diese Seite es so macht, wie Gott es tut.
Und das ist die linke Seite, die Seite, auf der unser Herz schlägt.
Wer „mit Herz“ handelt, der wird niemandem wehtun, sondern der wird vorsichtig sein, achtsam;

und wer mit dem Herzen sieht, der wird es voll Liebe tun: niemanden übersehen, niemanden schief ansehen und niemanden falsch anschauen. Der wird um die Wahrheit bemüht sein; denn die bleibt nur dem Herzen nicht verborgen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich bin dankbar für diese Auslegung; dankbar für das „Neue“ in diesem Text, das Anselm Grün mir erschlossen hat.

Vielleicht könnten uns seine Auslegungen ja in dieser Woche begleiten. Vielleicht könnten wir ja hin und wieder einmal innehalten und uns fragen:
Welche Hand ist denn jetzt grade bei mir beschäftigt? Bin ich wieder nur am „Managen“? Meine ich wieder, ohne mich ginge es nicht und ich müsste wieder die ganze Welt retten, oder bin ich gelassen?  Kann ich mal die rechte Hand in den Schoß legen - und sie mit der linken Hand zum Gebet falten -- damit auch Gott was tun darf - in mir und für mich?

Kann ich mich von anderen auch mal beschenken lassen - und dabei entdecken, dass die ja auch was können? Vielleicht anders als ich es getan hätte, aber auch gut? Vielleicht sogar besser als ich es gekonnt hätte?

Und wie schön wäre es, wenn ich das dann auch mal in Worte fassen könnte... wenn ich ihn loben könnte!

Und mit welchem Auge -- betrachte ich da grade wieder die anderen mit „dem rechten“, d.h. mit dem kritischen Auge, das alles kontrolliert, das alles be-urteilt - und wenn es sein muss, auch ver-urteilt?

Oder kann ich das rechte Auge auch mal zudrücken - damit das Linke mehr sehen kann?
Sehe ich auch mal das Gute, was andere vermögen und auch tagtäglich tun?

Bin ich schon wieder am Bewerten, wieder am Rummeckern und Rumzicken - oder kann ich auch mal den Mund halten, wenn mir etwas nicht gefällt - und es mal so sein lassen, wie es ist.
Denn es könnte ja sein, dass ich gar nicht immer Recht habe...
Dass gar nicht ich das Maß aller Dinge bin, sondern dass das ein anderer ist .... nämlich Gott. Jener Gott, der viel großzügiger und liebevoller ist als ich selbst es jemals sein kann.

Und der ganz viel Erbarmen hat - auch mit mir. Und besonders dann, wenn ich wieder ganz in meine „rechte Seite“ abgerrutsch bin - und damit mir selbst und den anderen das Leben in der Tat zur Hölle mache.

Also: Mit dem LINKEN sieht man besser. Den mit dem LINKEN schaut man wie Gott schaut.

Amen

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch