Predigt von Richard Baus zum Fest Allerheiligen

Offb 7,2-4.9-14  
Mt 5,1-12a
  

Liebe Schwestern und Brüder,

ich muss die kleine Geschichte wieder mal erzählen, die für mich ganz untrennbar mit dem Allerheiligenfest verbunden ist:
In einem 2. Schuljahr habe ich mit den Kindern über Allerheiligen gesprochen.

Ich fragte sie, wer denn Heilige kennt und welche Namen ihnen dazu einfallen.

Einer kannte den hl. Martin, einer den hl. Nikolaus. Jemand wusste etwas von den hl. Dreikönigen.   Dann haben wir lange darüber diskutiert, ob der Osterhase auch ein Heiliger sei oder nicht, denn Ostern sei ja ein doch wichtiges Fest.

Und dann meldete sich ganz heftig ein Junge (Johannes, so hieß er) und sagte: Ich kenne noch eine - die hl. Maria.

Und noch bevor ich die Kinder fragen konnte, ob sie noch andere Namen für die hl. Maria kennen, da sagte er weiter: Die wohnt nämlich bei uns in der Straße.

Und in meine Überraschung hinein fügte er noch hinzu: Aber ich weiß nicht genau, ob sie heilig oder katholisch ist.

(Heilig oder katholisch - ist das nicht herrlich!)

Aber was mich am Beitrag dieses Kindes so fasziniert hat, war der Gedanke, tatsächlich eine Heilige zu kennen, die in unserer Straße wohnt.

Nicht eine, die schon seit einer Ewigkeit tot ist, die auf einem Sockel steht und vor der Kerzen brennen, sondern eine lebendige Heilige, ein lebendiger Heiliger, der auch noch in derselben Straße wohnt wie ich --- egal ob katholisch, evangelisch oder sonst etwas.

Mir hat das noch lange zu denken gegeben.
Ich bin sicher, die Eltern dieses Kindes hatten dieser Frau  diesen Spitznamen gegeben --- weil sie eben ein bisschen anders lebte als die anderen in dieser Straße.
Aber: Gar nicht wunderlich oder seltsam, auch nicht verhaltensauffällig, nein, nur eben anders als sie selbst in ihrer Familie, eben so, dass es so ungewöhnlich war, dass man sich darüber unterhalten hat:

Diese Frau, Maria, eine Rechtsanwältin, die ging nämlich schlicht und einfach sonntags in die  Kirche;
Sie war sich auch nicht zu schade, bei der Caritas-Haussammlung in ihrer Straße von Haus zu Haus zu gehen und um Spenden zu bitten --  und, so Johannes: "Die nimmt mich schon mal mit in die Kirche, wenn Kindermesse ist".

Und genau das war für Johannes "heilig",  weil das sonst niemand in der Straße gemacht hat. Sie war für ihn eine Heilige. Und ich muss sagen: Er hatte Recht!

Im Nachhinein war ich sehr dankbar für diese Kurskorrektur, die mir da in der Schule widerfahren ist.

Wie oft stellen wir uns unter HEILIGKEIT etwas ganz Großartiges und Ungewöhnliches vor: Für höchste Ansprüche, von höchster Reinheit, so hoch in den Himmel entrückt, dass man als Menschen gar nicht dranreichen kann ------ und oft genug auch so unnatürlich und fremdartig, dass man auch gar nicht dranreichen will. Weil das mit dem Leben nichts mehr zu tun hat.

Was hat die Tradition da auch aus so machen Frauen und Männern gemacht?!

Aber, und da bin ich mir ganz sicher, heilig sein, d.h. überhaupt nicht, dass ich was ganz ungewöhnlich Großes geleistet habe oder dass ich total übermenschlich geworden bin ----

sondern heilig sein, d.h. , dass ich zutiefst Mensch bin - und mit meiner Menschlichkeit die Welt ein Stück menschlicher mache --- indem ich die Liebe, mit der Gott mich von Anfang meines Lebens an umfängt, nicht für mich behalte, sondern sie teile – mit anderen teile, damit die davon etwas mehr Leben haben.
So wie Jesus das getan hat.

Heilige, so habe ich mal gelesen, sind „Reklameveranstaltungen Gottes“
Aber nicht, indem sie die Naturgesetze durchbrechen, sondern die hin und wieder mal unsere Erwartungen übertreffen - und uns damit überraschen:
Weil sie freundlicher sind, als wir es in der Situation gewesen wären.
Weil sie barmherziger und hilfsbereiter sind, als wir das von uns selbst und anderen gewohnt sind.
Weil sie auch mal vergeben und vergessen können, was andere ihnen angetan haben und zu neuen Anfängen bereit sind ---

und genau durch ihre unerwartete Art zu leben über sich selbst hinausweisen - und auf Gott hinweisen.

Ja, Heilige leben so, dass sie auf Gott hinweisen – und damit zu einer echten Alternative werden; 

zur Alternative zu einem „stink-normalen“ Leben, das so mit sich selbst beschäftigt ist, dass es alles andere ist als heilig.

Und so ist das Fest Allerheiligen für mich immer wieder die Einladung, da noch mal auf sein eigenes Leben zu schauen und zu überlegen, ob sich da nicht noch etwas ändern lässt, ob sich da nicht noch etwas anders – und  besser machen lässt.

Nur Menschen, die in ihrem eigenen Leben etwas verändert haben, können die Welt verändern.

Wer bei sich alles lässt wie es ist, der wird auch in der Welt nichts zum Besseren führen können.

Aber wer etwas bei sich selbst ändert, der ändert auch etwas in der Welt.

Und die Alternativen, die Möglichkeiten "anders zu leben", damit man Reklame macht für Gott, die hat uns das  Evangelium gerade aufgezeigt:

Nicht alles vom Geld und vom Besitz zu erwarten, sondern von Gott her.

Barmherzig sein mit den Menschen und friedfertig; nicht mit Gewalt Menschen und die Welt verändern wollen, sondern mit Liebe.

Und nicht dauernd drauf zu warten, dass andere mal was für mich tun, sondern ich tue mal was für einen anderen;

sein Leben selbst in die Hand nehmen und versuchen, es zu gestalten, und zwar so, dass man spürt: So wie der lebt, so wie die handelt, so wie die mit uns umgehen – das tut gut. Das ist heilig. Denn da ist der Himmel schon ein Stückchen auf die Erde gekommen.

Und all das geht  -- denn irgendwas geht immer!!!

Nicht nur in Rom, nicht nur in der Dritten Welt,

sondern auch in unseren Straßen ---- dort wo wir leben;

weil es eben kein Spezialauftrag ist für Supermänner und Superfrauen, sondern eine Möglichkeit für uns alle. Denn dazu sind wir berufen und von Gottes Geist befähigt:

Zu leben als die, die wir sind:

nämlich Gottes auserwählte Heilige,
seine Söhne und Töchter -
die so viel Liebe von Gott empfangen haben, dass sie sie ohne Angst teilen können mit ihren Mitmenschen -

und die so mit ihrem eigenen Leben hinweisen und aufmerksam machen 

auf unseren Gott.

So dass vielleicht auch mal jemand von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, sagen kann:
Ich kenne da einen Heiligen.
Der wohnt bei mir in der Straße.

 
Amen

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch