Predigt von Richard Baus zum Gründonnerstag im Jahreskreis A

Liebe Schwestern und Brüder,

  
wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass ich in unserem PAULINUS immer zu allererst die Leserbriefe lese.

Da kann ich mich herrlich aufregen; aufregen über das Kirchenbild, das dort sehr oft gefordert wird - und das gar nicht meines ist.

In fast jedem 3. Leserbrief heißt es sinngemäß:
Die Menschen würden zu wenig beten und die Eucharistie nicht ehrfürchtig genug feiern. Wir bräuchten eine Kirche, die Christus wieder deutlicher in die Mitte stellt. Die jetzige Kirche sei zu wenig innerlich, sondern sie beschäftige sich zuviel mit Rand-Themen.

Und weiter heißt es dann immer sinngemäß: Wir brauchen eine Kirche, die nicht dem Zeitgeist nachläuft, sondern dem Hl. Geist.
Und der Hl. Geist sei nun mal eher dort, wo die Traditionen beachtet würden. Der Zeitgeist aber sei dort, wo dauernd Änderungen gefordert würden.
Und manche stellen sogar den Papst in diese Ecke….

Nun, heute Abend, an diesem Gründonnerstag, da begegnen wir in der Lesung und dem Evangelium einer Kirche, die Christus, ihren Herrn, ganz und gar in die Mitte stellt. Sie betrachtet sein Tun, sein letztes Tun – und das betend und verinnerlichend. Sie schaut damit zurück auf ihre Anfänge:

Auf den Herrn in ihrer Mitte und auf das, was er tut -- und was er ihr aufträgt, damit sie, seine Kirche, es weitertue in seinem Auftrag, als sein Vermächtnis und Testament – als das Allerheiligste, das sie bewahren und weitergeben soll.

Ja, diese Kirche, der wir heute Abend in den heiligen Schriften begegnen, die hat ihren Herrn in der Mitte; und zwar einen Herrn, der sich um seine Jünger kümmert, - nicht um ihre Seelen, sondern genauer gesagt, um die Füße seiner Jünger, um den Dreck unter ihren Fußsohlen. Ja, er wäscht ihnen die Füße.
  

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Füße-Waschen, das gehörte dazu, wenn man zu einem Gastmahl in einem Haus eingeladen war. Das war ein Dienst der Höflichkeit, der Freundlichkeit und Liebe.
Aber tun mussten das die Diener; es war die Arbeit derer, die für die „Drecksarbeit“ gut genug waren.

Das „Ver-rückte“ bei diesem Abendmahl ist jedoch, dass nicht die Jünger ihrem Herrn diesen Dienst erweisen müssen, sondern Jesus erweist ihn seinen Jüngern; 

der Meister tut das für seine Schüler,

der Herr für die Diener. 

 
Liebe Schwestern und Bürder,

spüren Sie, wie hier die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden?  Das Maß, nachdem die Welt sonst misst, das Maß, nach dem auch unsere Kirche so gerne lebt, wird umgekehrt: Der Große ist unten - und die Kleinen sind oben. Und Jesus zeigt damit: Wer in der Kirche oben sein will, muss bereit sein, unten Dienst zu tun. 

Und wer zu diesem Herrn gehören will, der muss bereit sein, sich das gefallen zu lassen,  der muss es aushalten, sich vom Herrn die Füße waschen zu lassen - aus Liebe.

Und dann tut dieser Herr in der Mitte seiner Kirche ein Zweites – Paulus erinnert uns daran:  Er bricht das Brot mit seinen Jüngern und gibt es ihnen in die Hand. 

 
Liebe Schwestern und Brüder, 

aber der Herr in der Mitte seiner jungen Kirche gibt seinen Jüngern dieses Brot nicht, damit sie davor in die Knie gehen oder es anbeten, sondern damit sie es in die Hand nehmen, es essen, damit sie davon leben. 

Und er gibt es auch nicht einigen Auserwählten, sondern er gibt es allen: Auch einem Judas, der ihn verkauft und verraten hat. Auch einem Petrus, der ihn ein paar Stunden später dreimal verleugnen wird – und all den anderen, die sich aus dem Staub machen werden, wenn es hart wird. 

Wie gut, dass dieser Jesus, bevor er den Jüngern seinen Leib reicht, nicht die Fragen stellt, die wir heute immer noch in unserer Kirche hören können: 

Ist in deinem Leben auch alles in Ordnung?

Glaubst Du alles, was die Kirche, was der Papst und die Bischöfe lehren? Bist Du ohne Sünde? Warst Du auch beichten?....
Ob Jesus da überhaupt hätte anfangen brauchen mit dem Teilen...?

Nein, dieser Jesus, den die junge Kirche da in ihrer Mitte hat, der teilt sein Brot nicht nur mit den Reinen, den Schuldlosen und Starken, sondern mit den Sündern und den Schwachen. 

Und er teilt es nicht als Belohnung für geglücktes Leben aus, sondern als Hilfe, wenn es schwer wird, als Lebens-Mittel,  ----

Genau das vertraut er den Aposteln als sein Vermächtnis an, damit auch sie hingehen und es ebenso tun – nicht nur im Abendmahlssaal, sondern in aller Welt – bis an die Ränder.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

eine Kirche, die Jesus wieder in die Mitte stellt. 

Müsste das dann nicht eine Kirche sein, die den Menschen die Füße wäscht - und nicht dauernd den Kopf? Eine Kirche, die den Menschen dient – damit alle Anteil haben am Herrn?

Alle!
Eine Kirche, deren Amtsträger nicht nur die Stola tragen, um Eucharistie zu feiern, sondern die auch mal die Schürze anziehen können, um unten Füße zu waschen.

Eine Kirche, die man am Brot-Teilen erkennen kann, die das eucharistische und das tägliche Brot teilt.
Eine Kirche, die keinen verhungern lässt ---  weder an der Eucharistie, noch am täglichen Brot. 

Eine Kirche, die deshalb ihr Brot nicht hortet, nicht in Tresoren und nicht in Tabernakeln, sondern die es austeilt mit vollen Händen – und ganz einfach aus Liebe.

Eine Kirche, die nicht erlitten und mühsam erworben werden will durch besondere Taten und Höchstleistungen in Sachen Moral, sondern die sich verschenkt - und zwar ganz ohne Angst, weil sie ja den Herrn in ihrer Mitte hat, einen Herrn, der liebvoll und sehr barmherzig ist - und das ohne Ende.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

Menschen, die zu einer solchen Kirche gehören, die können sich auch gut und gerne mit den sogenannten „Rand-Themen“ beschäftigen; denn sie wissen: 

Gerade am Rand, da sind meist die zu finden, die man in der Mitte nicht haben will: solche, die offensichtlich oder anscheinend nicht fromm genug sind, die nicht gut genug und nicht würdig genug sind, zu krank, zu behindert - und und und ...

Aber genau bei denen ist der Herr, unser Herr – und zu denen sendet er seine Kirche, zu denen sendet er uns – 

damit wir mit unseren reichen Händen, deren arme Füße waschen –
die Füße der Kranken und Schwachen,
die Füße der Arbeits- und Obdachlosen,
die Füße der Schief-Angesehenen und der an den Rand geschobenen –

Denn wer die am Rand sieht und wahrnimmt,
der sieht den Herrn.
Denn dort ist er mit Sicherheit zu finden.

Und wo ER ist, da sollte auch seine Kirche sein,
da sollten wir sein.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch