Predigt von Richard Baus zum Karfreitag, Lesejahr A

Liebe Schwestern und Brüder,

 
unlängst fiel mir eine Karikatur in die Hände, die einen jungen Mann zeigte, der ein großes Kreuz an einer dicken Kette  um den Hals trug.
Und drunter stand zu lesen: Er trug sein Kreuz – es stand ihm gut.

Ja, Kreuze stehen einem unter Umständen ganz gut – wenn sie aus edlen Metallen sind, und vielleicht auch noch mit teuren Steinen besetzt.
Kreuze werden zu Schmuck, wenn sie aus Oberammergau und handgeschnitzt sind. Blattvergoldet. Schön anzusehen.

Vor solchen Kreuzen kann man gut in die Knie gehen und anbeten. Ein ästhetischer Genuß.
Aber mit dem Kreuz, an dem unser Herr Jesus Christus gestorben ist, hat so was wenig zu tun. Denn ästhetisch war so was gar nicht. Das war ein Galgen.

Eine der ältesten Kreuzdarstellungen, die wir kennen, hat man bei Ausgrabungen in Rom gefunden, in einer Kadettenschule. Sie sieht ein bisschen anders aus. Sie ist mit einem Nagel in die Wand geritzt und zeigt einen Jungen, der vor einem Kreuz kniet und grüßend oder betend einen Arm zum Kreuz erhebt. „Alexamenos sebete theon“ – steht darunter,  was so viel heißt wie:  Alexamenos betet seinen Gott an.

Aber, und das ist das Bemerkenswerte an dieser Zeichnung: Der Mann, der da am Kreuz hängt, trägt den Kopf eines Esels.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

die älteste Kreuzesdarstellung – ist ein Spottkreuz.  
Am Kreuz hängt einer mit einem Eselskopf.

Kein Wunder, denn für die jungen Menschen, die da mit dem jungen Alexamenos zusammen in die Schule gingen und die diesen Christus am Kreuz nicht kannten, war ein Gott, der an einem Kreuz endete, wirklich ein Esel.

Die Götter der damaligen sogenannten heidnischen Welt waren erfolgreich und strahlend. Immer waren sie die Sieger und sie standen auch auf der Seite der Sieger. Ein Gott, der am Kreuz – das war undenkbar.
Ein Gott, der wie ein Verbrecher am Kreuz endet - so etwas, das durfte doch einem Gott nicht passieren.
Ein Gott gehört doch in den Himmel, weit weg von den Menschen, so dass Böses gar nicht erst an ihn drankommt.
Und wenn ein Gott sich wirklich mal auf die Erde verirrte, dann kam er höchstens zu Besuch – und dann hat er sich doch fern zu halten von den unangenehmen Dingen des Lebens.

Und außerdem: Ein Gott wird auch nicht Mensch, so tief kann er gar nicht sinken.

Und so stand es für die Schulkameraden dieses Alexamenos fest: Wer einen solchen Gott am Kreuz verehrt, wer zu einem Gott betet, der so endet – der ist selbst ein Esel.

Denn ein Gott am Kreuz - das ist einfach nur zum Lachen.

Haben diese jungen Leute nicht Recht?! Wie kann das passieren?! Wie kann ein Gott so enden?! Warum passt er nicht auf? Warum verschwindet er nicht einfach wieder von dieser Erde, wenn es ihm so an den Kragen geht, sondern warum nimmt er das Kreuz auf sich - und stirbt auch noch daran?!

Ja, liebe Schwestern und Brüder, warum? Warum ist unser Gott so? Und warum tut er so etwas?

Nun, es gibt wohl nur einen einzigen Grund, mit dem man das erklären kann: Und das ist die Liebe. Liebe zu uns Menschen. Eine Liebe, die nicht kalkuliert, die nicht rechnet und nicht berechnet; eine Liebe, die nicht ängstlich fragt: Geht das überhaupt und darf man das? Was sagen die anderen? -- Sondern, die sich hingibt – weil es jetzt so sein muss, weil es jetzt dran ist. 

  
Liebe Schwestern und Brüder,

kennen wir das nicht aus dem eigenen Leben? Wenn wir einen Menschen lieben, wenn wir einen Menschen „gut leiden“ können – machen wir dann nicht unter Umständen auch Dinge, die in den Augen anderer total verrückt sind. Dinge, von denen die anderen sagen: So was tut man doch nicht! Da muss man doch den Verstand einschalten!
Da muss man doch vorher aufpassen – und eins und eins zusammen zählen! Aber wenn Menschen lieben, dann zählen sie nicht eins und eins zusammen, sondern dann handeln sie.

Wenn Menschen lieben, dann sind sie nicht vorsichtig und kühl berechnend, dann entscheidet nicht der Kopf, sondern das Herz. Auch wenn die ganze Welt drum herum mit dem Kopf schüttelt. 

Warum sollte das bei Gott anders sein?!
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, so lesen wir in den hl. Schriften, in den Liebeserklärungen Gottes an uns Menschen.
Dieser Sohn, der nicht daran festhielt wie Gott zu sein, das heißt, der nicht vorsichtig und gar nicht vernünftig war, sondern der alles drangab, um bei den Menschen und für die Menschen zu leben.

Jener Sohn, der die Menschen, der UNS so gut leiden konnte, dass er bereit war, alles für uns zu leiden, sogar den Tod, den Tod am Kreuz. 

In der Tat: Für all die Klugen und Vernünftigen dieser Welt eine totale Eselei, eine Verrücktheit. „Für die Heiden eine Torheit – und für die Juden ein Ärgernis“, so formuliert es Paulus. Aber für die anderen, für die, die davon leben dass einer sie so gut leiden konnte, dass er für sie zu leiden bereit ist, weil sie sonst total verloren, verraten und verkauft wären, ---
für die, die ihr Heil einzig und allein nur davon haben, dass einer so verrückt war, aus Liebe sein Leben für sie hinzugeben, für die ist das ein Grund zur Freude und zur Dankbarkeit.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

das ist etwas, was das ganze Leben Jesu durchzieht:
Die Frommen und Gerechten kamen einfach nicht mit ihm zurecht; sie haben ihn  nicht verstanden – weil sie seine Liebe, seine Leiden-Schaft für sie nicht gebraucht haben.
Sie waren ja schon aus sich selbst heraus gut. Deshalb hat sich keiner von ihnen über ihn gefreut, weder über ihn noch über seine „ver-rückte Liebe“. Was hätte er ihnen noch schenken können?!  

Aber „die Sünder“, wie die hl. Schrift sagt, die Versager, die, die vor den Augen aller in Schuld geraten waren, die haben sich gefreut über ihn – darüber, dass er sie so gut leiden konnte – und bereit war, für sie so viel zu leiden.
Alles für sie zu erleiden, sogar den Tod, damit sie dadurch zum Leben kamen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wie es das Schicksal will, hat man eine Zeit später bei Ausgrabungen in dieser Kadettenschule ein anderes wunderschönes Zeugnis des frühen Glaubens an Jesus Christus gefunden. An einer anderen Wand fand man, ebenfalls eingeritzt zwei Worte …….. Alexamenos fidelis. Alexamenos bleibt treu.
Auch wenn noch so viele lachen und den Kopf schütteln – über seinen Gott, der eben nicht im Himmel geblieben ist, sondern am Kreuz gelandet ist – aus Liebe – und der so den Himmel auf die Erde gebracht hat – und über ihn, der an diesen Gott glaubt und der ihm nachfolgen will. Alexamenos bleibt treu!

   
Liebe Schwestern und Brüder,

wie denken wir über diesen „Gott am Kreuz“?
Wie die Gerechten und Frommen, die ihn gar nicht brauchen? Wie die Heiden und Besserwisser, die ihn gar nicht verstehen, weil sie halt nur kalkulieren und berechnen?
Oder wie Alexamenos, wie die „Sünder“, die wissen: Eigentlich können wir nur daraus leben, dass er uns so gut leiden konnte?

Und wenn wir zu diesen Letzteren gehören sollten – Könnten wir es IHM nicht gleichtun, diesem „Esel am Kreuz“ ??—– Können wir nicht auch „verliebt sein“ wie der Herr am Kreuz – verliebt in die Kleinen und Schwachen, verliebt in die Hilflosen und Versager, verliebt in die Menschen, die einen wie Jesus brauchen, um leben zu können! 

Können wir da nicht auch hin und wieder mal barmherziger sein als die allzu Gerechten? Großzügiger als die, die berechnend sind.
Können wir nicht auch dort schenken, wo wir genau wissen, dass wir es nichts dafür zurückbekommen werden?
Können wir nicht auch mal dort einspringen und helfen, wo  schon im Voraus feststeht, dass wir da am Ende nur drauflegen werden?
Können wir nicht auch mal dort Gutes tun, wo alle anderen sagen: Das lohnt sich nicht. Lass lieber die Finger davon. Wer da was macht, der ist ein Esel!

Und dass wir trotzdem einspringen – einfach, weil wir jemanden gut leiden mögen --- selbst wenn alle anderen uns dafür „kreuzigen“.

Amen

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch