Predigt von Schwester Evamaria Durchholz zum Pfingstmontag, Lesejahr A

 

Der verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat die großen Festgeheimnisse unseres Glaubens einmal mit folgenden einfachen Worten beschrieben: „Gott fragte den Menschen: Wie geht es dir? Und um es genau zu sehen, kam er persönlich dorthin, wo der Mensch ist. Er sah es und sagte: Ich bleibe da, ich werde Mensch. Ich gehe mit dir – bis in den Tod und durch den Tod bis zum neuen Leben. So geht es dir gut.“

Und wenn ich die Schrifttexte der letzten Tage und Wochen und unser heutiges Evangelium bedenke, ist es mir, als habe Jesus angesichts seines bevorstehenden Scheidens von den Jüngern zu seiner Zeit so ähnlich gesprochen und hinzugefügt: Und selbst, wenn ich leibhaft nicht mehr da bin; ich gehe mit dir in deinen Alltag – wann immer, wo immer du lebst. Ich bin in und mit dir, helfe dir und unterstütze dich in allem, was dir begegnet. Ich gebe dir einen Beistand – meinen Geist, damit es dir gut geht.

Das Schlüsselwort Beistand als Wort für den Hl. Geist und das Pfingstgeheimnis ist so nicht nur eine theologische Größe, ein abstraktes Begriffsskelett. Es rührt an eine zutiefst menschliche Erfahrung, die wir hoffentlich alle schon machen durften.

Wenn ich an meine Erfahrungen mit Beiständen denke, fällt mir meine langjährige Freundin ein, die als ich in eine Notsituation geriet, nicht davor zurückschreckte, sich nach einem langen Arbeitstag ins Auto zu setzen und mehr als 300 km weit zu mir zu fahren, um mir zu helfen.

Beistand – da denke ich dankbar zurück an eine Mitschwester, die mich voller Einfühlungsvermögen ansprach, als nach dem Tod meines Vaters mich nicht nur die Trauer sondern auch die Verantwortung niederdrückte, die ich dabei durch die Patientenverfügung hatte, als es um die Frage nach künstlicher Beatmung ging.

Beistand – da fällt mir auch meine langjährige Tätigkeit als geistliche Begleiterin ein, wo ich mit suchenden Menschen einen Weg der Spurensuche nach Gott in ihrem Leben gehen durfte und darf. Sie merken – in allen genannten Fällen handelt es sich um offene Situationen oder sogar Notsituationen. Sie werden bestanden, weil ein Vertrauter, Kundiger bei einem steht und mit einem geht. Genau so werde ich – auch wenn ich nicht mehr leibhaft unter euch bin – mit euch sein. Das verspricht Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen.

„Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen“ – schreibt der Evangelist Johannes. Mit diesen Worten erinnert er seine Gemeinde an dieses Versprechen Jesu, dass er sie nicht im Stich lassen wird. Die junge Christenheit weiß sich nämlich gleich einer doppelten Bedrohung ausgesetzt: Von außen hat sie den Feuersturm der römischen Christenverfolgung zu bestehen. Kaiser Domitian, römischer Imperator vor der 1. Jahrhundertwende, verlangt seine göttliche Verehrung als Herr und Gott und im Inneren der jungen Christenheit richtet der Schwelbrand von Irrlehre und Glaubensspaltung schwere Schäden an. Da ist Beistand dringend notwendig. Der Beistand, den Jesus sendet und der vom Vater ausgeht, ist der Trost und der Halt, der die junge Christenheit in dieser Situation bestehen lässt. Er schenkt ihr die Erfahrung: Ja, dieser Beistand ist da und hilft. Er lässt uns unsere Angst bestehen und stärkt uns mit göttlicher Kraft. Er ist da wie ein Freund, der uns tröstend die Hand reicht und uns in Angst und Finsternis mit seinem Wort erhellt. Er ist da, wie eine Stimme, die leise sagt: Fürchte dich nicht, ich selbst bin deine Kraft. Ich atme und lebe in dir.

Und dieser Beistand gilt nicht nur in der Notsituation der jungen Kirche von damals, sondern auch heute im Jahr 2017. Heute bereiten uns hierzulande – in anderen Ländern sehr wohl – weniger Verfolgung und Irrlehre Angst, wohl aber schwindende Gläubigkeit und verdunstende Kirchlichkeit. Dazukommen Angst vor Terror, der uns fast täglich erschüttert und damit verbunden zunehmender Populismus.

Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, um Tod und Zerstörung zu entgehen. Es stehen große Veränderungen an und das löst Angst aus. Oft schlägt sie um in blanken Hass. Da ist die Zusage, ihr seid euch in all dem nicht euch selbst überlassen, auch heute das, was uns Not tut. Gottes Geist ist uns versprochen. Er weht und wirkt, ohne dass wir es in unseren Statistiken und Trendbeobachtungen erfassen – auch heute. Er ist der Beistand Gottes für uns – für die Kirche insgesamt, wie für jeden einzelnen von uns ganz persönlich. Er zeigt sich uns in Menschen, die mutig einstehen für eine menschliche Welt auch heute. Er hilft uns, die Veränderungen, die anstehen, als Herausforderung zur Entwicklung zu begreifen und zeigt uns Wege mit unseren Ängsten umzugehen.

Er ermutigt uns durch seine göttliche Wirkkraft hier auf Erden, an dem Platz, an dem wir sind, wahrhaft Geistes-gegenwärtig zu sein und mit Entschiedenheit einzutreten für eine menschliche Welt.

Das Vertrauen auf diesen Beistand schenkt einen Weit-blick, der in Krisen und Not bis zum Leben sehen kann, und der auch im Menschen bis zu Gott und in Gott bis zum Menschen zu blicken vermag. Er ermutigt Neues zu wagen und lässt uns für uns selbst, unsere Kirche und Gemeinschaften und für unsere Welt immer wieder neue Wege entdecken und gehen, Wege auf die Menschen zu und auf Gott hin. Und - im Vertrauen auf diesen Beistand können wir uns so in Dienst nehmen lassen, dass wir auch heute Zeuge sind, dass Gott uns beisteht. Gott braucht uns für dieses Zeugnis und die Welt braucht uns auch.

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch