Predigt von Richard Baus zur Christmette, Lesejahr A

Liebe Schwestern und Brüder,

in einer Diaspora-Pfarrei, in der ich Pfarrer war, kam an Weihnachten ein Kind zu mir und sagte: Herr Pastor, mit unserer Krippe da stimmt was nicht. Ja, was stimmt denn nicht?     --  Ei, da sind gar keine Hirten.

Ich versuchte, dem Kind zu erklären, dass die Hirten bei einem Brand in der Sakristei verbrannt seinen und deshalb keine da sind. Ja, dann hätte man doch neue kaufen können. Die seien zu teuer und wir hätten das Geld für andere Dinge gebraucht: für das Kirchendach, den Kindergarten usw.

Ja, aber so sei das nicht gut. In der Bibel stehe doch ausdrücklich drin, dass die Hirten gekommen seien, um das Kind anzubeten ---- und das sei jetzt eben nicht der Fall.

Ich muss gestehen, dass mir diesem Kinde gegenüber die Argumente ausgegangen waren -- und mit blieb nur noch die fromme Ausrede: Weißt du, das ist schon in Ordnung so --- denn die Hirten, die heute zur Krippe kommen, um das Kind anzubetendas sind wir.

Nun, als ich später darüber nachdachte, fiel mir auf, wie „gefährlich“ doch diese Antwort war: Hirten,  liebe Schwestern und Brüder, was schwingt da alles mit? Diese Hirten, das waren in der Tat die ersten, denen diese Frohe Botschaft, um  derentwillen wir uns heute Abend aufgemacht haben, verkündet wurden.

Als allererste haben sie sie vernehmen dürfen: Euch ist heute der Retter geboren.
Aber täuschen wir uns bitte nicht: Hirten, das waren damals keineswegs die idyllischen und frommen Gestalten, die sich in unseren häuslichen  Krippen tummeln --- ganz im Gegenteil: Hirten, das waren Typen, denen man besser nicht im Dunkeln begegnet ist; das waren raue Männer, die keinem Streit und keiner Schlägerei aus dem Wege gingen, wenn es um Weideplätze und Wasserstellen für die Tiere ging. Und wenn ein Schaf aus der eigenen Herde verloren ging, dann wurde eins aus den Nachbarherden gestohlen, damit die Zahl wieder stimmt.

Und da sie nie in eine Synagoge oder in den Tempel gehen konnten, um zu beten und ihre religiösen Pflichten zu erfüllen, wie das alle frommen Juden tun mussten, deshalb waren sie zutiefst verachtet. Hirten, das waren in der Augen der „Ordentlichen“ Asoziale, Menschen aus der untersten Schublade;
Grade noch gut genug, um mit dem Vieh Tag und Nacht draußen auf den Feldern  zu sein --- aber für sonst nichts.

Und dennoch gut genug für Gott - um ihnen die Frohe Botschaft zu verkünden  ---  als den allerersten.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

das ist eines der wunderschönen Geheimnisse der Hl. Nacht: Die Botschaft von der Geburt des Erlösers wird nicht zuerst den Frommen und den Guten verkündigt, sondern diesen Verachteten; nicht den Pharisäer und Schriftgelehrten, die die hl.Schriften bis zum kleinsten Jota in- und auswendig konnten, sondern diese Hirten.

Diese Botschaft erklingt nicht im Tempel, sondern auf den Feldern bei den Hirten.
Und damit wird mitten unter den Hirten schon deutlich, was das ganze Leben dieses Kindes später durchziehen wird wie ein roter Faden: 
Gott achtet auf die, die von den anderen verachtet werden;       
Gott sieht die an, die vor ihren Mitmenschen kein An-Sehen haben;       
Er beschenkt die, die sonst immer leer ausgehen müssen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

spüren Sie, da wird eigentlich alles auf den Kopf gestellt, was bei uns Menschen sonst so gängig ist:
dass da ein Gott  - ein Mensch wird;
dass dieser Gott sich nicht von irgendwelchem Anstand beeindrucken lässt und sich auch nicht von frommen Werken einkaufen lässt, sondern dass er sich dort verschenkt, wo er das will;
dass er nicht fragt: Wer hat man sich mich verdient?, sondern dass er fragt: 
Wer braucht mich? 
Wo bin ich notwendig?

Dieses Kind ist nicht die Belohnung für die, die alles richtig gemacht haben, sondern es ist das Heilmittel für die, bei denen so vieles schief läuft; für die, bei denen so vieles nicht gut ist und nicht stimmt.

Die Hirten haben das anscheinend verstanden; sie haben verstanden, dass es bei dem Wunder dieser Geburt um sie geht, um sie selbst.Und so lassen sie sich ansprechen und sie reagieren auch: Kommt, lasst uns nach Bethlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ",  so sagen sie zueinander und sie machen sich auf den Weg, ja, sie eilen nach Bethlehem - und sie finden Gott, sie schauen das Heil mit ihren eigenen Augen und sie werden Menschen seiner Gnade.

Wir sind die Hirten, die heute zur Krippe kommen - so habe ich dem Kind damals gesagt --
Und so meine ich es auch heute Abend noch.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wir sind heute Abend die, denen als erste die Frohe Botschaft verkündet wird.
Wir sind Gott so wichtig, dass wir als erste in dieser Nacht hören dürfen „Euch ist der Retter geboren“ Uns! Es geht um uns, die ihr jetzt zuhören. Wir sind so wichtig, dass Gott für uns ein Mensch wird. Wir sind für Gott so kostbar und wertvoll, dass er sich Uns schenkt: Wir dürfen ihn sehen. Uns lächelt das Kind in der Krippe zu und mit uns will er sein Leben teilen.

Wir sind heute die Hirten, die zur Krippe kommen.
Und ich vermute, wir sind ihnen gar nicht so unähnlich; denn ich bin sicher: Auch bei uns finden die ganz Frommen Dinge, die ihnen bei uns nicht fromm und gut genug sind;
Auch bei uns gibt es die Fehler, in die wir immer und immer wieder hineinfallen, obwohl wir uns noch so fest vornehmen, wir würden was ändern.
Auch wir lassen uns von der Arbeit auffressen, dass die Zeit für Gott knapp wird… . Und wir dann nicht zum „Tempel“ gehen.

Und die Kriege auf unserer Erde, die im Großen zwischen Ländern und die im Kleinen, zwischen Familien, Freundinnen und Freunden, die fallen ja auch nicht einfach vom Himmel herunter, sondern die zetteln wir an, wir Menschen

Und dennoch gilt uns heute die Botschaft der Engel, uns, die wir heute die Hirten sind:

Und wenn wir das verstanden haben - dieses „für uns“,  obwohl in unserem Leben vielleicht gar nicht alles stimmt.

Für uns - obwohl wir so manchen dunklen Flecken auf unserer weißen Weste haben, trotzdem für uns - oder gerade deshalb für uns - dann kann vielleicht auch bei uns was anders werden;
dann  können WIR Andere werden: Nämlich Menschen seiner Gnade.
Menschen, denen er seine Liebe schenkt. Damit wir nachher anders hinausgehen können als wir hier hinein gekommen sind, wie diese Hirten, die damals verwandelt wieder zu ihren Herden zurückgegangen sind.

Als Menschen, die die Welt verändern können, weil Gott sie verändern und verwandeln will - mit seiner großen Liebe und seinem unendlichen Erbarmen.

Verwandelt - damit die Welt durch uns etwas friedlicher werden kann - wenn auch nicht in Aleppo und nicht an den anderen Krisen- und Brandgebieten unserer Erde, aber wenigstens doch dort, wo wir leben: in unserer eigenen Familie, in unserem eigenen Haus und in unserer Straße - und das wäre doch ein Anfang. Und zwar ein guter Anfang. Der Anfang einer neuen Welt.

Einer Welt, der man Gott anmerkt - durch uns.

Wilhem Willms hat es so formuliert:„.....

Alles hat einen neuen glanz
denn du gott scheinst aus allem heraus
aus dem größten dreck
aus dem ärmsten stall
aus dem leersten Stroh......

seit betlehem ist jeder Mensch
eine lebendige monstranz deiner schönheit gott...“

denn seit betlehem scheint Gott auch aus uns heraus.

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch