Predigt von Richard Baus zu Neujahr, Lesejahr B

Lk 2,16-21 

 
Liebe Schwestern und Brüder,

an diesem Neujahrsmorgen hören wir noch einmal aus der Weihnachtsgeschichte ---
die Geschichte vom großen Gott, der ein kleiner Mensch geworden ist, ein Kind ----

Bei der Suche nach einem Predigtgedanken ist mir wieder die Ansprache einer evangelischen Pfarrerin aus einer Morgenandacht in die Hände gefallen. In dieser Ansprache fand die Pfarrerin für dieses kleine Kind in der Krippe einen sehr liebevollen Namen: Sensibelchen, so nennt sie es. Wie schön: Gott wird nicht nur Mensch, sondern Gott wird ein „Sensibelchen“, so sagte sie.

Ein Bild, das sich mir tief eingeprägt hat:
Der menschgewordene Gott, der nicht als starker Held in unsere Welt hineinkommt, nicht als Machtmensch, sondern als ein kleines Kind, als zartes, kleines Wesen - ein Sensibelchen.

Und weiter heißt es im Text „Wir sind alle kleine Sensibelchen- und das ist gut so.“

Und weil wir Sensibelchen seien, so fährt die evangelische Kollegin fort, bräuchten wir Menschen um uns herum, die uns gut sind - so wie Maria und Josef wohl gut zu diesem Jesus-Kind waren.
Da genüge nicht ein Super-Haus, nicht der tolle Job und auch nicht ein Bier im Kühlschrank. Denn was nützt einem die teuerste Pastete an Weihnachten und Neujahr, wenn niemand da ist, der dir einen guten Appetit wünscht? 

Und was nützt die teuerste Sitzgarnitur im Wohnzimmer, wenn dich nicht mal jemand in den Arm nimmt und dir am Abend eine gute Nacht wünscht? 

   
Und mal ehrlich, liebe Schwestern und Brüder,

sind wir nicht viel abhängiger von Anderen, als wir das gern hätten? Schon in den allerkleinsten Dingen brauchen wir einander. Wir möchten gut behandelt und beachtet werden. Wir hungern nach Zeichen der Wertschätzung und der Zuneigung.

Wir hungern nach Worten, die wir uns selber nicht sagen können: Guten Appetit! Schlaf gut! Ich hab dich lieb! Schön, dass es Dich gibt!

Das kann man zwar sich selber sagen - aber dann wirkt es schon ein bisschen doof.

Wäre es nicht besser, unabhängig voneinander zu sein? Wäre es nicht besser, wenn wir das alles gar nicht brauchten? Wenn wir uns selbst genügen würden?

Ist Gott da vielleicht was schiefgegangen?

Nein, ein Konstruktionsfehler ist das nicht. Das hat sich unser „Erfinder“ durchaus genau so gedacht. Es ist von ihm gewollte, dass wir Menschen sind, die einander brauchen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

noch mal: an Weihnachten feiern wir, dass Gott, zu uns kommt --- als Kind in der Krippe. Klein, bedürftig und sehr verletzlich.

Jesus ist sozusagen das einzige „Foto“, die einzige „Nahaufnahme“, die wir von Gott haben. 

Und deshalb sollten wir noch einmal genau hinschauen- und wahrnehmen:

Gott kommt als Kind. Nicht als cooler Typ, der die Arme über der Brust kreuzt und sagt: “Pah, brauch ich doch alles nicht! Diese Menschen. Und dass sie mich lieben, brauch ich auch nicht. Ich find mich selber toll!“
Nein, genau so ist Gott eben nicht.

Dieser Gott, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, ist einer, der eine Mutter und einen Vater brauchte, Freunde und Freundinnen; Menschen, die ihm immer wieder gezeigt haben, dass sie ihn liebhaben und dass er ihnen wichtig ist.

Und dieser Gott, der will uns, seine Ebenbilder, auch so: 
Als Menschen, die JA dazu sagen, dass sie so bedürftig sind -- UND die das gern auch den anderen, ihren Mitmenschen zugestehen. 

Und die deshalb immer mal wieder den Anderen in den Arm nehmen und ihm die Worte sagen, die man sich selber nicht sagen kann – aber die man aber braucht, um leben zu können, zum Beispiel: Guten Appetit! Oder: Einen schönen Tag! (Wie unser Papst das auch macht!)

Menschen, die einem am Abend eine „Gute Nacht“ wünschen  --- und die einem auch schon mal sagen: Das hast du gut gemacht. Danke dafür! Schön, dass es dich gibt!

Und die Ihnen vielleicht sogar sagen: „Es würde mir was fehlen, wenn es dich nicht gäbe!“

Und genau das wünsche ich Ihnen heute am Neujahrstag:
Dass es im Neuen Jahr solche Menschen gibt für Sie; Menschen, die Sie mit ihrer Liebe und Achtsamkeit durch das Neue Jahr begleiten.

Aber vielleicht wünsche ich Ihnen sogar mehr noch, dass Sie selbst ein solcher Mensch sein können - für einen anderen ----- für einen in Ihrer Familie, in Ihrer Gemeinschaft - in Ihrem Freundeskreis:

Ein Mensch, aus dessen Augen Gott einen anschaut; und aus dessen Mund Gott genau die Worte sprechen kann, die wir so gerne hören – und die wir zum Leben brauchen ----

Weil wir genau so sensibel sind wie ER, unser Gott.

 
Amen 

 

 

 

 

 

(Gedanken aus einer ev. Morgenandacht vom 20.12.05  SWR 3)

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch