Predigt von Richard Baus zum 1. Adventssonntag im Lesejahr B

Jes 63, 16b-17.19b; 64,3-7

 
Liebe Schwestern und Brüder,

heute durften wir mit der 1. Lesung in die Gebetsschule gehen. Vielleicht haben Sie einige Worte noch im Ohr.

Es sind unbekannte Juden, die nach dem Untergang Jerusalems im 6. Jahrhundert vor Christus nach Babylon verschleppt wurden, die dort beten.
Sie wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Sie sind Gefangene, Menschen, die in der Fremde leben müssen - ohne Rechte und ohne Macht.
Wenn noch irgendeiner helfen kann, dann ist es Gott.

Not lehrt beten, so sagen wir - so wissen wir aus eigener Erfahrung.
Und so betet auch das Volk Israel in seiner Not zu seinem Gott.
Zu diesem Gebet gehört ein Schuldbekenntnis: Wir haben gesündigt, so beten sie,  und du hast uns deshalb gezürnt;

wir haben gefrevelt, und deshalb trägt unsere Schuld uns fort wie der Wind dürres Laub wegträgt.

Niemand ist da, der deinen Namen anruft - und keiner rafft sich auf, um sich an dir festzuhalten - kein Wunder also, dass es uns so schlecht geht. 

So klagt dieses Volk vor Gott; ja, so klagt es sich selbst an.

 
Aber dann, liebe Schwestern und Brüder, klingen auf einmal so ganz andere Töne an: Der Prophet, der da im Namen des Volkes betet und spricht, wendet seinen Blick von der Schuld seines Volkes ab - und er nimmt seinen Gott in den Blick, fast so, als würde er ihn neu sehen.
Und seine Klage über das Volk wird mit einem Mal zur Anklage gegen Gott.

Wo warst du denn die ganze Zeit? so fragt der Prophet seinen  Gott.

Wie kannst du es zulassen, dass wir von deinem Weg abirren? Wie kannst du es zulassen, dass  unsre Herzen sich verhärtet haben und wir dich nicht mehr fürchten? 

Reiß doch endlich die Himmel auf und steig herab, so dass die Berge vor dir erbeben. Du bist doch unser Vater. 

Wir sind doch nur der Ton in deinen Händen - aber du bist der Töpfer. Was aus dem Ton wird, dass liegt doch in deinen Händen. Das ist doch deine Verantwortung!

Also tu was - und lass uns nicht hängen, lass uns nicht zugrunde gehen!!

 
Was für ein Gebet, liebe Schwestern und Brüder!
Wie aufregend mutig spricht dieser Prophet da mit seinem Gott. Ja, er nimmt seinen Gott in die Pflicht:
Wenn du der Gott bist, der denen entgegenkommt, die recht handeln und deiner Wege gedenken, dann tu das jetzt, denn wir gedenken deiner!

Wir wissen, es gibt keinen anderen Gott, der denen hilft, die auf ihn hoffen,  ausser dir - und jetzt hoffen wir auf dich!
Kehr um, wende dich uns zu! Nur so kann es besser werden!
Wir sehen sehr wohl unsere Schuld,   aber wir sehen auch, dass du, Gott, in der Pflicht stehst!

 
Mal ehrlich, wann haben Sie zuletzt so gebetet, liebe Schwestern und Brüder? Haben Sie überhaupt schon mal so gebetet?  Oder hätten wir nicht das Gefühl, danach beichten zu müssen - weil unser Gebet „nicht fromm genug“ gewesen ist und wir hätten gegen Gott gemurrt??

Ich fürchte, wir haben schon eine seltsame Gebetskultur entwickelt:
Wie viele „Gebete“ bestehen aus dem Aufsagen vorformulierter Texte, im Aufsagen von „Gedichten“, sozusagen.
Würden Sie so mit ihrem besten Freund reden?

Und wir haben hinten im Hinterkopf auch drin, dass wir möglichst viele „Gedichte“ aufsagen müssen, damit Gott uns überhaupt anhört. Denn er hört nur, wenn wir viel „Leistung“ vollbracht haben. Ob Gott wirklich so ist?!

Wie ernst nehmen wir eigentlich diesen Gott?
So ernst, dass wir auch mal mit ihm streiten dürfen?
Dass wir ihn hin und wieder mal an seine Verheißungen, an seine Zusagen erinnern können?
Oder meinen wir, wir dürften nur fromm „säuseln“, schön leise und gewählt, damit wir auch nichts falsch machen?

  
Liebe Schwestern und Brüder,

ich glaube, der Beter aus der 1. Lesung hat uns gezeigt, wie wir auch beten können und wie wir auch mal beten dürfen

Wie ein Mensch mit Gott sprechen darf und sollen, der Gott ernst nimmt - und der sich von Gott her auch wirklich etwas erwartet: Hilfe und Trost. Vergebung und Angenommen sein.

So mit Gott sprechen, dass er uns in die Pflicht nehmen kann - aber dass auch wir IHN in die Pflicht nehmen dürfen --- Dass wir ihm sagen dürfen: Du bist doch unser Vater - und Dein Name ist doch „Unser Erlöser von alters her“.Und wenn das wirklich so ist, dann mach es doch auch wahr - unter uns und an uns. Sei Du doch unser Erlöser!

 
Darauf warten wir in diesem Advent und darum beten wir in diesen Tagen besonders inständig. Und wenn wir in diesen Tagen singen: O Heiland reiß die Himmel auf - und komm.

dann ist es ja vielleicht auch mehr als nur ein schönes Lied,

vielleicht wird es ja zu unserem Gespräch mit Gott, zu unserem sehr ernsten Gebet, in dem wir uns und unser ganzes Leben Gott ans Herz legen.
Dem Töpfer, der Verantwortung dafür trägt, was am Ende aus dem Ton wird.     

 
Amen 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch