Predigt von Richard Baus zum 2. Weihnachtsfeiertag (Hl. Stephanus), Lesejahr B

Fest des Hl. Stephanus

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man die Lesungen des heutigen Tages gehört hat, könnte man meinen, Weihnachten sei rum.

Da hören wir nichts mehr vom Kind im Stall, sondern von diesem erwachsenen Mann Stephanus, der als Diakon in der jungen Kirche Zeugnis abgibt von seiner Liebe zu diesem Jesus, dessen Geburt wir gerade gefeiert haben.

Und auch das Evangelium lässt keinen Zweifel daran: Der Ruf Jesu an uns ist nicht der Ruf in die Weihnachtsidylle – nicht der Ruf zur Krippe, sondern der Ruf in die Kreuzes-Nachfolge ---- so hart das auch klingt am Weihnachtsfest. Und deshalb ist es auch gut, dass wir über diese Tage das Kreuz nicht weggepackt haben, so als sei es nicht da; sondern dass es immer noch da steht/hängt - unübersehbar  - und wirklich nicht idyllisch.

Auch an Weihnachten kommen wir nicht vorbei am Kreuz. Denn das Kreuz ist das Zeichen unseres Heiles – und nicht die Krippe.

Stephanus hat diesen Ruf gehört - und er ist konsequent diesem Ruf gefolgt – bis in den Konflikt hinein mit denen, die sich von ihm und seiner Art zu leben und zu glauben, provoziert gefühlt haben;
für die seine Art zu leben und zu predigen so ärgerlich war, dass sie ihn deswegen umbrachten --- weil er so lebte und glaubte wie dieses Kind in der Krippe es getan hat, nachdem es groß und erwachsen geworden war:
Immer auf der Seite der Armen und Entrechteten.,immer auf der Seite derer, die sich sehnten nach Frieden und Gerechtigkeit ---auf der Seite derer, die nicht alles von sich selbst und von dieser Welt erwarteten, sondern vor allem von Gott her – von oben, aus dem Himmel.

Ich sehe den Himmel offen, so ruft er. Und damit verkündet er eine Botschaft, die so wichtig und befreiend für uns heute sein kann…

 
Liebe Schwestern und Brüder,

Menschen, die unter einem offenen Himmel leben können, sind eigentlich glücklich zu schätzen. Denn wer den Himmel offen sieht, den erwartet mehr als alles, was „diese Welt“ zu bieten hat. Unter einem offenen Himmel gibt es immer mehr als das, was man im Augenblick grade so sieht und was einen im Augenblick vielleicht so ganz mutlos macht.
Wer den Himmel offen sieht, der darf sicher sein: Da kommt noch was! Viel mehr als das, was bisher möglich war – und etwas Neues, was weit über mich selbst hinausweist. Und das will Hoffnung machen.

Der Pastoraltheologe Paul Zulehner aus Wien hat einmal geschrieben: Wir heute leben zwar immer länger  --  aber insgesamt kürzer.
Denn früher lebten die Menschen im Schnitt vierzig plus ewig und wir leben nur noch neunzig Jahre.
Leben ist für viele »die letzte Gelegenheit«. Denn sie haben ja nur dieses eine Leben.

Hat man früher die Kinder im Katechismusunterricht gefragt, wozu wir auf Erden sind, dann mussten sie antworten: »Um in den Himmel zu kommen«.
Fragt man heute Menschen, was der Sinn ihres Lebens ist, dann sagen viele: Um aus diesem Leben das Beste herauszuholen.

Und für viele hat das katastrophale Folgen: Sie müssen aus diesem Leben das Beste und das Letzte herausholen, eben alles. Und wehe, es wird etwas davon versäumt. Das wäre schrecklich. Denn nach dem Leben ist ja alles aus und vorbei. Also her mit dem Glück, möglichst schnell, möglichst optimal und auf jeden Fall leidfrei. Alles in neunzig Jahren – und wenn man Pech hat, dann sind es ja nur 80 oder 70 oder gar nur 60. 

Das Leben als einzige und letzte Gelegenheit. Und -so fährt Zulehner fort- wir arbeiten uns zu Tode. Wir amüsieren uns zu Tode. Und die Liebe stirbt an ständiger Überforderung.

Die Vertröstung auf das Jenseits war sicher nicht gut. Weil wir darüber oft genug die Erde vergessen und sogar verachtet haben. Aber die Vertröstung auf das Diesseits ist auch nicht besser, weil wir darüber den Himmel vergessen.

Das Leben als letzte Gelegenheit, das ist ein Leben auf Erden unter einem verschlossen Himmel.

Stephanus lädt uns heute ein, den Himmel wieder neu in den Blick nehmen – und zwar den offenen Himmel.
Der offene Himmel als das Versprechen Gottes an uns Menschen, an die Töchter und Söhne, die er lieb hat… 

Aber nicht als Belohnung, dann wenn wir auch immer „schön brav und anständig“ waren,
nicht als Druck, unter den er uns stellt, damit wir es uns auch ja nicht zu leicht machen…,
sondern als liebevolle Verheißung, als sein wohltuendes, heilsames und heilmachendes Versprechen, das uns Hoffnung machen will.

Als das Plus an Leben, für das wir uns nicht müde machen und abrackern müssen, sondern das er uns schenkt, damit wir auch aus der Gelassenheit heraus leben können, dass wir geliebte Kinder dieses Gottes sind.

Für die er sich mehr ausgedacht hat als ein Leben mit 70, 80, 90 Jahren, sondern 70, 80, 90 plus ewig – und das ist der Himmel.

Und den hat er für uns an Weihnachten geöffnet – als er den Himmel aufgerissen hat, um uns Menschen ganz nahe zu sein, so nahe, dass es nötig wurde, selbst ein Mensch werden.

 
Amen
 

(Gedanken zu dieser Predigt lieferte mir Prof. Paul Michael Zulehner, Leben als letzte Gelegenheit.)

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch