Predigt von Richard Baus zur Heiligen Nacht, Lesejahr B

Tit 2,11-14

  
Liebe Schwestern und Brüder,

„Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“, so haben wir gerade aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus gehört. Und weiter hieß es dort: „Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen“.

Ja, Christ, der RETTER ist da. So lautet die Frohe Botschaft dieser Heiligen Nacht.
Da ist ein Kind geboren, in dem Gott zu unserem Heil, ein Mensch geworden ist. Gott, der nicht daran festhielt, Gott zu sein, nicht daran festhielt, in seinem hohen Himmel zu bleiben, sondern der sich entäußerte, der ganz und gar aus sicher herausgegangen ist - um ein Mensch zu werden. Ja, der heruntergekommen ist aus seinem Himmel auf diese Erde, in die Gestalt eines Menschen, in einen Stall in eine Krippe hinein. Tiefer geht es nicht. Nein, tiefer kann Gott nicht herunterkommen. Und das alles zu unserem Heil. Um unseretwillen. Ja, damit wir Menschen etwas davon haben – und zwar alles davon haben.

Er wird uns gleich, damit wir ihm gleich werden können. Er wird total menschlich, damit wir göttlich werden können.

Welche Frohe Botschaft!

  
Liebe Schwestern und Brüder,

spannend, dass diese frohe Botschaft zuerst den Hirten verkündet wird. Der Evangelist Lukas legt in seinem Evangelium großen Wert auf diese Tatsache. Hirten. Das waren damals Menschen der untersten Gesellschaftsklasse. Man nahm zwar gerne ihre Dienste in Anspruch, aber man hätte sich nicht neben sie gesetzt. Denn sie gehörten zu den Sündern.

Als Hirte konnte man nicht die vielen Gebote halten, die den Frommen ans Herz gelegt waren. Als Hirte konnte man nicht in den Tempel und nicht in die Synagoge gehen, wie sich das gehört hätte. Als Hirte war man religiös gesehen ein Nichts.

Und genau denen wird verkündet: EUCH ist heute der Retter geboren. Der Messias. Der Herr. EUCH. Vor allen Euch. Und Euch als allerersten gilt das Heil. Euch schenkt Gott vor allen anderen die seine Aufmerksamkeit und seine Liebe.
  

Liebe Schwestern und Brüder, 

was da bei der Geburt Jesu schon angedeutet wird, das wird das ganze Leben dieses Jesus durchziehen: Seine Liebe zu den Kleinen. Seine Liebe zu all denen, die von anderen verachtet werden, weil sie irgendwie nicht gut genug sind: Nicht fromm genug, nicht gesund genug, nicht erfolgreich genug.

Nein, genau für diese „Kleinen“ hat er ein Herz. Denn er will nicht die Belohnung sein, die Gott den Perfekten und Großen geschickt hat, sondern der Trost für die Trauernden, das Medikament für die Kranken und das Heil für die Sünder.

Der großartige evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat das einmal so formuliert:„Wo die Menschen sagen „verloren“ – da sagt Gott „gefunden“;
wo die Menschen sagen „gerichtet“ – da sagt er „gerettet“;
wo die Menschen sagen „nein“ – da sagt er „ja“.
Wo die Menschen ihre Blicke gleichgültig oder hochmütig abwenden, da ist sein Blick von einer Glut der Liebe wie nirgendwo sonst.“

Das ist die Botschaft, die Gott uns in diesem Kind schenkt.
Das ist der „rote Faden“, der deshalb das ganze Leben dieses Kindes von Bethlehem durchziehen wird.
Denn in ihm ist der Himmel auf die Erde gekommen – und das Paradies ist wieder offen.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

ich bin vor wenigen Tagen auf eine kleine Geschichte gestoßen, die mich seit dem nicht mehr loslässt.
Da wird erzählt, dass nicht nur die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland zur Krippe kamen, um das Kind zu sehen, sondern auch eine alte, von vielen Lebensjahren gebeugte Frau sei gekommen. An der Krippe stehend habe sie etwas aus ihrem Umhang hervorgeholt und in die Krippe gelegt: Einen roten Apfel. Und das Kind habe sie angelächelt.

Und diese alte Frau sei Eva gewesen. Die Frau aus der Paradiesesgeschichte, die nun Jesus die Frucht vom Baum der Erkenntnis in die Krippe legt. 
Das lateinische Wort für Apfel heißt „malum“. Und dieses Wort bedeutet wiederum wörtlich übersetzt „Übel“ oder auch „Unheil“.
Ja, Eva, der „alte“ Mensch, legt Jesus, dem „neuen“ Menschen, alles Übel und Unheil dieser Welt in die Krippe. Aber nicht aus Bosheit, sondern in tiefem Glauben und in festem Vertrauen - weil sie weiß: Mit der Geburt Jesu rückt Gott die ganze Menschheitsgeschichte wieder grade.

Was vorher schlecht war, das wird jetzt wieder gut und gerecht gemacht. Was verloren war, das ist jetzt wieder gefunden. Was bisher zur Hölle verdammt war, das wird nun erlöst und zum Himmel emporgehoben. Denn dieses Kind ist der Retter. Es ist der Heiland der ganzen Welt.
Und deshalb heißt Weihnachten feiern: Dem Heiland im Stall von Bethlehem begegnen – um selbst heil zu werden.

Das Kind in der Krippe anzuschauen – um sich dort mit der Erlösung beschenken zu lassen.

  
Und so, liebe Schwestern und Brüder, dürfen wir diesem Kind wohl auch unser Leben in die Krippe legen – unsere Lebensgeschichte mit allem „Unheil“, mit den Brüchen und offenen Fragen, die so eine Geschichte ausmachen können. Wir dürfen es.
Denn an Weihnachten begegnet uns Gott auf „Augenhöhe“, von Mensch zu Mensch. Und seit Weihnachten in Bethlehem ist Gott nichts Menschliches mehr fremd. Und deshalb schaut er uns an.
Und „sein Blick ist von einer Glut der Liebe wie nirgendwo sonst….“
Denn „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis.
Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob Ehr und Preis…“ (GL 247,3)  Nichts trennt uns mehr von Gott.   

Amen


(Die Eva-Geschichte stammt von S. Pawlicki, SJ)

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch