Predigt von Richard Baus zum 25. Sonntag im Jahreskreis A

Evangelium: Mt 20, 1-16a

 
Liebe Schwestern und Brüder,

zu diesem Evangelium fällt mir immer folgende kleine Geschichte ein, die Willi Hoffsümmer hat sie in einem seiner Bücher aufgeschrieben hat:

Eine reiche Dame, die auf Erden eine große Rolle gespielt hatte, kam in den Himmel. Petrus empfing sie, führte sie ein und zeigte ihr eine schöne Villa: »Das hier ist die Wohnung Ihres Dienstmädchens.« Da dachte die Dame, wenn mein Dienstmädchen schon eine so schöne Wohnung hat, was werde ich dann wohl bekommen? Bald danach zeigte ihr Petrus ein anderes, ganz kleines, armseliges Haus und sagte: »Das dort ist Ihre Wohnung.« Empört meinte die Dame: »Darin kann ich doch nicht wohnen.« Petrus erwiderte: »Tut mir leid, aber mit dem Material, das Sie uns geschickt haben, konnten wir nicht mehr bauen.«

Eine Geschichte, die schmunzeln läßt - weil sie ganz und gar unserem Gerechtigkeitsempfinden entspricht: Wer sich nicht angestrengt hat, der soll auch nicht belohnt werden!

Wer hier auf der Erde nichts Ordentliches gemacht hat, der soll wenigstens im Himmel dann dafür büßen.

Denn: Warum sollten denn die, die sich krummgelegt haben für andere und sich ihr Leben lang nichts gegönnt haben, am Ende schlechter dran sein als die, die das nicht gemacht haben?!?

Das kann doch wohl nicht sein!!

 
Nun, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vielleicht wird es aber am Ende, im Himmel, doch so ganz anders sein als wir es uns ausmalen --- zumindest, wenn wir diesem Gleichnis von eben Glauben schenken, das Jesus uns vom Reich Gottes erzählt.

Auf einen Nenner gebracht sagt uns dieses Evangelium doch: Es gibt nur einen Lohn......

Im Reich Gottes gibt es nur einen Himmel, und zwar den Himmel für alle, einen "Einheitshimmel" sozusagen, in dem es keine Bevorzugungen und keine Zurücksetzungen gibt.

Einen Lohn -- und der ist für alle gleich: Nämlich das ewige Leben.

Jesus musste dieses Gleichnis wohl erzählen, weil er auf seinem Weg auf Pharisäer trifft, die etwas ganz anderes verkünden und lehren. Diese Frommen hatten sich eine Vergeltungslehre ausgedacht: Wie bei einer Waage konnte man da das Verhältnis zwischen menschlicher Leistung und göttlicher Vergütung ablesen.

Wer viel Gutes in die Waagschale zu werfen hatte, der konnte auch viel Lohn erwarten. Und wer nichts vorzuweisen hatte, auf den wartete auch nichts Gutes.

Wie ich anfangs schon sagte, das ist ein Denken, das wir sehr gut kennen --- So werden wir ja auch im Normalfall bezahlt und entlohnt - und so gehen wir mit unseren Mitmenschen um. Das mag ja auch auf der Erde richtig sein - Aber Jesus wehrt sich dagegen, dass wir Menschen unsere Alltagsvorstellungen und unsere Geschäftsgebaren auch noch auf Gott und den Himmel übertragen.

Er muss sich dagegen wehren, dass diese Pharisäer seinen Vater zu einer engherzigen und kleinlichen Krämerseele machen ---

und dass in ihrem Mund dieser große und gütige Gott zum pedantischen Gerichtsvollzieher ihrer eigenen, kleinlichen und selbstgerechten Ansichten wird.

Und so zeichnet Jesus ein ganz neues Bild von Gott: Das Bild eines Gottes, der nicht nur gerecht, sondern der vor allem barmherzig ist.

Ein Gott, der nicht aufrechnet, nicht abzählt, sondern der gütig ist --- und der ein Herz hat, ein mitfühlendes Herz genau für die, die in dieser Welt zu kurz gekommen sind,

die unter ganz miesen Startbedingungen anfangen mussten,
die in Familien und in Zeitumstände hineingeboren oder in Situationen hineingeraten sind, in denen sie auch mit bestem Willen nichts "Brauchbares" vor Gott aufzuweisen haben.

Menschen, die -um mit dem Bild der Bibel zu sprechen- gar nicht arbeiten konnten - weil keiner sie gerufen hat

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wer von weiß den schon wirklich, warum Menschen sich so und nicht anders entwickeln?! Wer kennt deren Wirklichkeit?

Wir sehen doch immer nur ein paar Fakten und die Masken, die wir oft genug tragen - tragen müssen, um anderen nicht hilflos ausgeliefert zu sein -----

aber was drinnen los ist, wieviel Leid, wieviel Probleme, wieviele Sorgen und Nöte da sind, die einen Lebensweg begleiten und ihn letztlich auch bestimmen -- wer kann das beurteilen?!

Und dennoch urteilen wir oft sehr schnell nach dem Augenschein: Der hat viel geleistet und der nicht…..

Und meistens meinen wir auch noch, dass wir doch ganz bestimmt zu den Arbeitern der ersten Stunde gehören, die alle Last des Tages getragen haben. Wir haben uns doch nichts geschenkt…. Wir haben doch Einsatz gezeigt...

Und wieviele von uns werden hart und unbarmherzig -- aus Angst, sie bekämen am Ende zu wenig, sie kämen vielleicht zu kurz.

Ist ihnen das aufgefallen? Im Gleichnis kommt eben keiner zu kurz:

Sie bekommen zwar nicht das, was sie meinen, verdient zu haben, aber alle bekommen das, was sie brauchen: nämlich einen Denar. Und das war damals so viel, wie eine Familie brauchte, um einen Tag lang leben zu können.

Und was ist also ungerecht daran, einem Menschen das zu geben, was er zum Leben braucht ---- auch zum Ewigen Leben?!

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich glaube, es kommt darauf an, mit wessen Ohren wir dieses Gleichnis hören.

Wenn wir es mit den Ohren derer hören, die sich selbst für gut halten und die glauben, besser zu sein als die anderen, für die ist ein solches Gleichnis wirklich nur ärgerlich. Die müssen sauer sein über einen solchen Gott.

Aber Jesus predigt eigentlich für andere Ohren: für die Ohren derer, die nicht immer alles richtig machen --- und bei denen immer wieder alles schief geht.

Jesus ruft seine Frohbotschaft denen zu, die nichts haben, worauf sie vor Gott stolz sein könnten, sondern die vor den Scherben ihrer Existenz stehen.

Jesus predigt für die Sünder, für die Zöllner und Dirnen --um in der Sprache der Bibel zu bleiben -- und für alle, die durch Krankheit, Schuld oder Schicksal an den Rand geraten sind.

Und genau denen will er sagen: Es gibt kein Zu-Spät für Gott. Lasst euch von Gott ansprechen, lasst euch von Gott anwerben ---- Und wenn ihr euch auch nur eine einzige Stunde für ihn gemüht habt, nur eine Stunde in seinem Weinberg gearbeitet habt, dann geht ihr nicht leer aus -- und ihr bekommt das, was ihr braucht - um mit ihm ewig leben zu können.

Denn Gott ist kein Gott der Berechnung und kein Gott der Abrechnung, sondern ein Gott der Liebe.

 
Amen