Predigt von Rektor Baus zur Erstprofessfeier Schwester M. Diane Tobossi, 31.10.2015

2 Kor 4, 1-2,5-7    Mt 14, 22-33

Liebe Schwestern und Brüder,

„Der Gang Jesu über das Wasser“, so steht in der Einheitsübersetzung über diesem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium. Markus und Johannes haben diese Begebenheit auch in ihr Evangelium aufge-nommen. Seltsamerweise berichtet nur Mt davon, dass Petrus aus dem Boot aussteigt und auch über das Wasser geht.

Vielleicht haben die anderen Evangelisten das nicht in ihr Evangelium aufgenommen, weil es doch sehr unwahrscheinlich klingt: Petrus geht über das Wasser – und es zeigt sich ja auch sehr bald, dass das nicht seine Sache ist, denn er geht ja auch gleich mit Glanz und Gloria unter.

Und dennoch, eine spannende Geschichte: Die Geschichte eines „Aussteigers“, der etwas tut, wozu die anderen 11 gar nicht den Mut haben.
Die Geschichte dieses Petrus, der ganz nahe beim Herrn sein will, selbst wenn es auf dem Wasser ist – und der ein Ohr hat für den Herrn, so dass er hört, dass der Herr ihn auch noch dazu ermutigt; dass der Herr zu ihm sagt: „Komm“. --- während die anderen sicher denken: Das soll er doch lieber mal bleiben lassen.

Und ich habe mir genau diese Geschichte für heute Morgen ausge-sucht für diese Professfeier.

Ich habe sie mir für Sie ausgesucht, liebe Sr. Diane.

Warum?

Nun, weil ich denke, dass es hier einige wunderschöne Parallelen gibt zwischen dem, was da auf dem See passiert und dem, was hier heute Morgen passiert.

Heute Morgen steigt hier auch jemand aus, heraus aus einem Leben, wie es viele andere führen – und geht auf Jesus zu.

Liebe Sr. Diane, Sie haben sich lange auf diesen Schritt vorbereitet, sich lange damit auseinandergesetzt; und jetzt machen Sie „ernst“. Sie steigen endgültig über den Rand des Bootes, in dem Sie sich bisher sicher gefühlt haben und Sie wagen den Schritt auf Jesus zu.

Sie steigen aus aus dem Boot der relativen Sicherheiten – so wie Petrus.

Petrus ist wegen seiner Entscheidung sicher nicht „besser“ als die anderen, die da im Boot zurückbleiben. Petrus muss nicht stolz sein und nicht überheblich werden, weil er was „besonderes“ wäre – dazu hat er auch keinen Grund, denn er geht ja gleich schon baden.

ABER „besonders“ ist schon, dass er diese Sehnsucht nach Jesus hat. Er will nicht in einem Boot sein, in dem der Herr nicht mit drinnen ist. Er will mehr. Er will dort sein, wo Jesus ist. Und er hat das Ohr für den Herrn, ein Ohr, das den Ruf des Herrn hört, auch wenn um ihn herum Sturm und Wogen sind.

Und so kann er den Herrn hören, der ihn ruft und der ihm Mut macht, wirklich auf ihn zu vertrauen: „Komm“. Und Petrus wagt es.
Er vertraut darauf, dass der Herr mit seinem Ruf nicht unverant-wortlich ist, sondern dass er es mit diesem Herrn wagen kann. Und er steigt über den Bootsrand – und er geht auf Jesus zu.

Liebe Sr. Diane,

spannend: Petrus geht auf dem Wasser – genau so wie dieser Jesus. Er geht über das Wasser auf Jesus zu.
Es geht. Es geht wirklich.

Es geht - zumindest so lange, bis er wohl nicht mehr auf Jesus schaut, sondern sich mit dem beschäftigt, was da um ihn herum ist – und was so gefährlich ist: Der Wind, die Wellen. Der Sturm. All das, was ihm Angst macht und was ihm sagt, dass man so was besser nicht macht, weil das ja eigentlich gar nicht geht, über das Wasser zu gehen…. Und genau dann geht er unter.

Liebe Schwestern und Brüder,

wie schnell kann man untergehen, wenn man Jesus nicht mehr im Blick hat, sondern nur noch das Drumherum: Das was nicht gut ist, all das, was Angst macht, was gefährlich ist. Was „verrückt“ ist.
Wie schnell geht man unter, wenn man das Wesentliche aus den Augen verliert – und dem Unwesentlichen in seinem Leben die Macht überlässt!

Liebe Schwester Diane,

das Wesentliche ist dieser Herr. Das Wesentliche sind sein Ruf und seine Sendung. Und er ruft Sie in die Ordensgemeinschaft der Waldbreitbacher Franziskanerinnen, in die Gründung der Sel. Mutter Rosa.
Und er sendet sie, mitten unter den Menschen zu sein, so wie Mutter Rosa das für sich und die Gemeinschaft erkannt hat.

Und Sie wagen diesen Schritt – obwohl Sie wissen nicht wie das ausgehen wird. Was da noch alles auf Sie zukommen wird. Aber Sie gehen auf dieses „Wasser“. Und wenn Sie Jesus im Blick behalten, wenn Sie hören auf seine Stimme, wird das auch gehen. Bestimmt.

Aber da gibt es ja auch genug „Wind und Wogen“ um Sie herum, das, was einem Angst machen kann.

Sie entscheiden sich für eine Gemeinschaft, die immer kleiner wird – und immer älter, das Durchschnittsalter liegt bei 77 Jahren – wie gerade in der Zeitung zu lesen war.

Sie entscheiden sich für eine Gemeinschaft, die mehr Filialen und Niederlassungen schließt als sie öffnen könnte.
Eine Gemeinschaft, die ihre Werke in eine Stiftung gegeben hat, weil sie keine Schwestern mehr hat, die in diesen Einrichtungen noch mitarbeiten oder dort gar Leitung übernehmen könnten.
Ist das nicht ein „sinkendes Schiff“, auf das Sie aufspringen? Ist da das „Untergehen“ nicht vorprogrammiert?!
Sollten Sie das nicht auch lieber bleiben lassen????


Wenn man all diese „widrigen Umstände“ anschaut, dann sieht das wirklich nicht gut aus.
Wenn man nur Augen dafür hat, dann sollte man wirklich etwas anderes machen.
Wenn man über all diesen Bedenken den Herrn aus den Augen verliert - und wenn man vor lauter Unkenrufen den Ruf des Herrn nicht mehr hört. Dann geht man wirklich unter.

 

Aber der Herr ist da, mitten im Sturm. ER IST DA.
Und er ruft, er ruft zum Wagnis. Zum Wagnis, auf ihn mehr zu hören als auf alle Stürme und Unkenrufe. Mehr auf ihn zu vertrauen als auf unsere menschlichen Berechnungen.
Denn er streckt, wenn es sein muß, sofort die Hand aus, um einen Menschen zu retten, der sich auf seinen Ruf hin auf den Weg gemacht hat – auf den Weg zu IHM.
“Sofort“, heiß es im Evangelium. Er streckte sofort die Hand aus und ergriff den Petrus und ging mit ihm ins Boot zurück.

Liebe Sr. Diane,
die Tage, die wir heute in unserer Gemeinschaft hier erleben, haben –glaube ich – sehr viel von den Tagen, in denen Mutter Rosa die Gemeinschaft gegründet hat: Da ist nicht alles klar. Da weiß man nicht so genau, wie es weitergeht. Da braucht man ganz viel Mut – und da darf man den Herrn nicht aus den Augen verlieren.

In den fast 160 Jahren, in denen die Gemeinschaft existiert, da gab es Zeiten, da braucht man sich all diese Sorgen gar nicht zu machen. Da lief alles. Viele Ordensfrauen, viele Filialen, Hab und Gut genug, um ein Leben in Armut zu „wagen“. Da stieg man in ein sicheres Boot ein, da war man versorgt. Und da war man wer. 

Aber heute – wie damals am Anfang – braucht man sicher wieder mehr Mut… Den Mut, mehr auf den Herrn zu bauen als auf Sicherheiten. Mehr über unsicheres Wasser zu gehen als über feste Schiffsplanken.

Und jeden Tag neu zu fragen: Was will der Herr von mir? Heute?
Worauf muß ich mich einlassen – und was muß ich riskieren?

Diese Bereitschaft zum Risiko hat Mutter Rosa ausgezeichnet. Etwas zu wagen, was ganz neu, ganz anders war als alles vorher. Nicht einfach weiterzumachen nach dem Moto „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit“.. sondern Schritte zu wagen auf einen Untergrund, von dem man nicht weiß, ob er einen überhaupt trägt. Aber es doch zu tun - weil man den Herrn vor Augen hat - weil man seinen Ruf hört – und weil man darauf vertraut, dass ER keinen untergehen lässt, der auf ihn vertraut; keine und keinen, die IHM gehören.

Es zu tun – aus Liebe zu diesem Herrn – so wie es Mutter Rosa am Anfang gewagt hat – und nach ihr viele andere – bis hin zu Ihnen heute, liebe Sr. Diane.

Liebe Schwestern und Brüder,

da ist auch noch das Wort aus der Lesung aus dem 2. Korinther-Brief, das wir heute sehr bewusst und aufmerksam hören sollen:

Dass wir nicht uns selbst verkünden, sondern Christus Jesus – als den Herrn. Uns nur als Knechte - um Jesu und der Menschen Willen.
Und das, was uns das überhaupt möglich macht, diesen Schatz, den tragen wir in irdenen, d.h. sehr zerbrechlichen Gefäßen – damit es uns und allen klar ist und klar bleibt: Das Übermaß der Kraft kommt von Gott – und nicht von uns. Das können wir nicht „machen“, sondern das können wir uns nur schenken lassen.
Aber Gott kann uns nur beschenken, wenn wir ihn im Blick haben –

und wenn wir Hörende sind, wenn wir IHM gehorsam sind.

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Liebe Sr. Diane,

ich vermute, da gibt es nicht nur in unserer Gemeinschaft viele Menschen, die sich freuen über Ihren heutigen Schritt freuen, sondern auch darüber hinaus.
Aber das gibt es nicht nur Freude, sondern da gibt es auch genauso viele  Erwartungen an Sie – genau so wie an Sr. Marina, Sr. Dorothea und an der Postulantin Jasmin, an all die „Jungen“ eben.
Die Erwartung, dass es jetzt doch „weitergeht“ mit der Gemeinschaft, dass Sie alles so weiterführen, wie es immer war. Da sind Sie sicher „die Hoffnung“ ganz vieler.

Und das ist ja auch gut so.


Aber lassen Sie sich davon nicht unter Druck setzen: Nicht Sie müssen die Gemeinschaft „retten“ – zusammen mit der ja noch sehr dynamischen und „rüstigen“ Ordensleitung,
sondern wenn das einer kann, dann ist es der Herr.
Nicht Sie müssen das Übermaß der Kraft aufbringen, sondern dieses Übermaß, das dazu nötig ist, das kommt von Gott.
Und die Zukunft besteht nicht darin alles zu belassen wie es war, sondern –wie Mutter Rosa es auch getan hat- ganz Neues zu wagen.

Nicht nur Asche aufzubewahren, sondern die Glut am brenne zu halten.

Denn wir sind ja kein Museum, sondern eine lebendige Gemeinschaft.

Und das geht sicher nur, wenn Sie wirklich den Herrn im Blick haben, den, der Sie herausruft aus dem Boot mit den „alten Sicherheiten und Gewohnheiten“ und aufs Wasser stellt. Und wenn Sie ihr Ohr immer ausrichten auf seinen Ruf, damit Sie wissen, was ER Ihnen sagt – und nicht, was „die Leute“ Ihnen sagen.

Und damit Sie Ihn verkünden – immer nur Ihn.

Das ist nicht leicht. Für mache ist so was vielleicht wirklich so ver-rückt, dass man es besser sein lassen sollte.

Aber Sie sind ja nicht allein.
Da ist Gott –mit Seinem Übermaß an Kraft, das er Ihnen zusagt.

Da gibt es das wunderbare Beispiel und das mutige Vorbild der seligen Gründerin, die ja auch immer noch spürbar da ist –
Da gibt es eine ganze Reihe von Mitschwestern, die sich -so wie Sie- haben rufen lassen, Frauen, die der Herr auch ver-rücken konnte…,
eine ganze Reihe von „Ver-rückten“ also, die sich auch von dem Wind, der ihnen ins Gesicht bläst, nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern das Risiko wagen und weitergehen.

Und da ist der Herr, der Sie ja nicht ruft, um Sie dann allein zu lassen, sondern der mit Ihnen geht, auch und gerade auf dem Wasser, dort, wo es eigentlich nach menschlichen Berechnungen gar nicht geht.

Aber mit ihm, da geht´s.

Und wenn´s schwer wird, wenn Ihnen das Wasser bis zum Hals steht,  dann wird er sofort seine Hand ausstreckt, um Ihnen beizustehen.

Rechnen Sie also mit allem, liebe Sr. Diane,
Aber vor allem rechnen Sie bitte immer mit dem Herrn.

Amen