Ansprache der Generaloberin Schwester Edith-Maria Magar zum Gedenktag der Seligen Mutter Rosa Flesch am 19. Juni

Liebe Schwestern und Brüder,

Was für ein Evangelium heute:
eine Frohbotschaft, die es in sich hat, die uns herausfordert, ja provoziert.

Wie mag das eben Gehörte wohl in den Ohren derer klingen, die Opfer von Gewalt und Terror und Krieg geworden sind und wie mag es damit jenen gehen, die durch Grausamkeiten liebe Menschen verloren haben?

Was für eine  Zumutung!

Ja, es braucht Mut, sich so zu verhalten.

Jesus mutet uns das zu.

ER provoziert uns mit seiner Botschaft, die in unserer Denke, in unseren Kategorien, in unserer Welt nicht aufgeht. Jesus konfrontiert uns mit einer anderen, neuen Dimension, die sich als die Wirklichkeit Gottes erst im Glauben an IHN  zu erschließen vermag.

Sicherlich können wir mit dem Herrn darin übereinstimmen, dass wir Hass nicht mit Hass erwidern sollen und Gewalt nicht mit Gegengewalt.

Aber uns vorzustellen, dass wir dem, der uns auf die eine Wange schlägt, auch noch die andere hinhalten...

Und dem, der uns den Mantel weggenommen hat, auch noch das Hemd überlassen …

 
Jesus konfrontiert uns mit einer neuen, einer ganz anderen Logik, seiner Logik: der Logik der uneingeschränkten, maßlosen Liebe.

Einer Liebe, die über sich hinaus wächst,
einer Liebe, die zu allem fähig ist.

Diese Liebe hat Er uns ja selbst vorgelebt in seinem Erdendasein, immer wieder führt ER uns Menschen behutsam an seine Wirklichkeit heran in Begegnungen, in denen die Barmherzigkeit Gottes aufleuchtet, diese bedingungslose Liebe, die Verzeihen und Versöhnen und unser Heil will.

Und schließlich offenbart uns sein eigenes Leiden und Sterben am Kreuz, dass solche Liebe möglich ist.

Zu dem Mysterium dieser Liebe bekennt sich die Synode unseres Bistums ausdrücklich:

„Gott hat Jesus in die Welt gesandt,“- so das Schlussdokument,“ damit er Gottes Reich verkündet und es durch seinen Weg, durch Kreuz und Auferstehung, zum Durchbruch bringt. Er hat Jesus in die Welt gesandt, damit Menschen Gottes Heil erfahren, vor allem die Menschen, die es am nötigsten brauchen: die in bedrängenden, gewaltsamen, verarmten, unmenschlichen und wie auch immer leidvollen Situationen leben.

Gottes Ja zu allem, was dem Leben dient, und Gottes Nein zu allem, was das Leben zerstört, drängt die Kirche und jeden einzelnen von uns zu diesem Bekenntnis. …

Eine Kirche, die von diesem Verständnis her Jesus Christus folgt, weiß sich an die Ränder und Grenzen gesandt, ist empfindsam und solidarisch, wo Menschen in Gefahr sind, ihrer Würde beraubt zu werden.“ („heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen“ Abschlussdokument der Synode im Bistum Trier, Kapitel 1.“Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ (mt 6,33) 30. April 2016)

 
Liebe Schwestern und Brüder,

Eine Sendung dieser Qualität scheint im Leben unserer Gründerin Mutter Rosa auf.

Wer etwas von ihrem Leben weiß, wird Parallelen zum heutigen Evangelium entdecken.

Kurz vor ihrer Seligsprechung im Mai 2008 titelte eine Zeitung, dass mit Mutter Rosa ein Mobbingopfer selig gesprochen werde.

Mobbing ist keineswegs eine Erfindung unserer Tage, dieses zutiefst verletzende Verhalten hat schon unserer Gründerin übermenschliche Kräfte abverlangt.

Wenn wir die heute bekannten Kriterien für Mobbing anlegen, dann wurde Mutter Rosa in der Tat gemobbt.

Mit 52 Jahren, in der Kraft ihres Lebens, musste sie erfahren, was es heißt, eiskalt fallen gelassen zu werden. Ausgerechnet von Menschen, die ihr alles verdankten.

Sie hatte eine Gemeinschaft gewollt, die, wie der heilige Franziskus, nur eines im Sinn hatte: im Geist Jesu Christi für Benachteiligte und Schwache da zu sein- empfindsam und solidarisch.

Diesem Geist verdankt sich Mutter Rosas Durchhaltekraft.
Weil sie trotz aller Widrigkeiten treu ausharrte und aus Sorge um das Weiterleben ihrer Gemeinschaft zu all dem Unrecht schwieg, darum können wir heute feiern.

Ihrer Liebe bis zuletzt verdankt sich das Werk, das in ihr seinen Anfang nahm, und das sie nie als ihr, sondern immer als Gottes Werk verstanden wissen wollte.

Heute erinnert man sich kaum noch daran, was Menschen wie sie damals geschafft haben.

Sie ging mitten hinein in die Lücken eines damals eben nicht lückenlosen Sozialsystems.

Sie trat ein für die Menschen am Rande, die Stimm- und Rechtlosen, die Elenden lagen ihr am Herzen.

In diesem Wirken ist Mutter Rosa prophetisch gewesen, denn
Propheten sprechen nicht von sich selbst, sondern von Gott
Propheten sprechen für andere, ob gelegen oder ungelegen
Propheten mahnen an, was der Liebe entgegensteht
Propheten treten ein für andere
Propheten bezeugen Gottes Liebe im Sein und im Tun
Propheten leiden und sie leiden mit
Propheten leben die Gegenwart mit Leidenschaft.

Für viele ist Mutter Rosa darum eine Prophetin; eine Prophetin der Hoffnung, deren Wirksamkeit sich der erbarmenden Liebe Gottes verdankt.

ER, der uns mit bedingungsloser Nächsten- und Feindesliebe provoziert, war auch für Mutter Rosa immer wieder eine Herausforderung.

In diese Herausforderung ist sie ein Leben lang hineingewachsen.

Sie war beseelt von der Güte und Barmherzigkeit Gottes und alles, was sie wollte, sollte aus Liebe gelebt und getan sein- alles aus Liebe zu diesem Gott.

Gegen all das Leid, das Unrecht, ja das Böse, das sie erfuhr, liebte diese Frau an, weil so Gott handelt.

Gott rechnet anders: er rechnet nicht auf und schon gar nicht ab, aber er rechnet mit uns!

Es ist diese Glaubensgewissheit, die sie durch die schweren Zeiten im Abseits und in der Ablehnung gehalten und getragen hat und sie später einer Mitschwester sagen lässt: „Gott ist so gut, du brauchst nicht traurig zu sein.“

Ihrem Erbe sind wir Franziskanerinnen verpflichtet.
Wir verdanken ihr viel und sie kann uns heute noch lehren:

  • dass uns die Kraft zu diesem Leben von Gott kommt
  • dass Ordensleben die Kraft eines WIE ist und wie viel Kraft in der Sanftmut liegt
  • dass nicht die Zahl der Mitglieder ausschlaggebend ist, sondern die Prophetie des Evangeliums
  • dass unser Platz dort ist, wo wir lieben.

In Mutter Rosa hat sich die Liebe verortet.

In einem Umfeld von Unmenschlichkeit, Verleumdung und Intrigen; wenn sie am Abgrund stand und nicht mehr weiter wusste, war Gott für sie der Kompass der Menschlichkeit.

 
Mit Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen unserer Tage mit mancherlei Irritationen, der zunehmenden Radikalisierung, genährt durch rechtspopulistische und völkisch-rassistische Gesinnung, tut in der Tat „ein Kompass not, der die Richtung weist.“ (Thomas Broch: Empathie – Kompass der Menschlichkeit in ‚Spiritualität im Alltag’; neue caritas 7/2016 S.2)

  
Ein Kompass, der zum Anderen führt mit jener Haltung, die uns der Herr heute im Evangelium aufzeigt.

Einer Haltung, die für Mutter Rosa Programm geworden ist, aktuell wie nie.

Mutter Rosa hat sich von Gott herausrufen lassen und Schritte in die Zukunft gewagt.

Sie hat sich diesem Gott ganz überlassen und in seiner Kraft die Macht der Ohnmacht erfahren; jene Wirkmacht und Größe, die das zu leben imstande war, was der Herr im Evangelium benennt.

Und sie hat in Gott verankert schlicht getan, was nötig ist, und das auf ihre unverwechselbare Weise.

In Gott verankert hat sie Niederlagen, Widrigkeiten ausgehalten und sich und ihre Gemeinschaft nicht aufgegeben.

Und vor allem:
In Gott verankert hat sie nicht gejammert über das, was nicht ist, sondern sie hat überlegt, was möglich sein könnte und dann mit Leidenschaft an diese Möglichkeit geglaubt und alles daran gesetzt, dass sie wahr wird.

 
Freilich - das ist nicht der Weg des geringsten Widerstandes -  doch Mutter Rosa hat er zur Seligkeit geführt.

So kann’s gehen.

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch