Impuls zum Fest Mariä Namen am 12. September

Marienverehrung in Geschichte und Gegenwart
P. Wolfgang Raible, der Klinikseelsorger aus dem Marienhospital in Stuttgart, hat mir diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

Mariä Geburt, Mariä Namen, Gedächtnis der Schmerzen Mariens – drei Marienfeste im Monat September, die uns anregen, einmal die Geschichte der Marienfrömmigkeit etwas näher anzuschauen.
Das gängige Einteilungsschema in Altertum, Mittelalter und Neuzeit eignet sich gut dafür, markante Veränderungen und Entwicklungen in der Marienverehrung aufzuzeigen.

Über die erste Phase der Kirchengeschichte, über das Altertum, könnte man im Blick auf Maria den Merksatz schreiben: Durch Jesus zu Maria. Das heißt: Weil man an Jesus interessiert ist, will man auch etwas über seine Mutter wissen. In den Evangelien gibt es große Lücken in der Lebensgeschichte Jesu – vor allem über seine Kindheit und Jugend erfahren wir nichts. Deshalb versuchen in den ersten Jahrhunderten manche christlichen Schriftsteller, Legenden über diese Phasen zu schreiben, und schenken dabei auch Maria stärkere Beachtung. Über ihre Eltern, Joachim und Anna, über ihre Kindheit, über ihre Begegnung mit Josef erzählen uns diese frommen Geschichten, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden. Und auch die beiden Mariendogmen, die im Altertum formuliert werden, wollen nicht in erster Linie etwas über Maria sagen, sondern über Jesus: Um seine Göttlichkeit zu unterstreichen, wird Maria der Titel „Gottesmutter“ (Gottesgebärerin) zugesprochen und ihre Jungfräulichkeit definiert.

Durch Jesus zu Maria – das gilt für das Altertum, für die erste Phase der Kirchengeschichte. Weil man über Jesus nachdenkt und ihn als Sohn Gottes bekennen will, beschäftigt man sich auch mit Maria.

Im Mittelalter – also ab dem 6. Jahrhundert – dreht sich die Denkrichtung um. Jetzt heißt der Merksatz: Durch Maria zu Jesus. Je mehr Jesus durch viele Konzilien und Dogmen in die Sphäre Gottes gerückt worden war, desto mehr brauchte man jetzt eine Person, die diesen großen Abstand überbrücken konnte. Maria bietet sich dafür an als die Frau, die noch ganz auf der Seite der Menschen steht. Jetzt wird sie die erste Ansprechpartnerin, die im Alltag hilft; die unsere Nöte kennt und uns versteht. In den Zeiten von Pest, Hunger und Krieg kann man sie anrufen. Jetzt wird sie zur Schmerzensmutter, die mitleidet; zur Schutzmantelmadonna, bei der wir Geborgenheit finden. Sie spricht für uns, wenn uns Christus als der strenge Richter entgegentritt. Sie fällt ihm in den Arm, wenn er uns bestrafen will.

Durch Maria zu Jesus – das gilt für das Mittelalter. Die Gewichte haben sich verschoben. Maria wird zur Vermittlerin, zur Fürsprecherin, zum Zwischenglied zwischen uns und Jesus Christus.

Dieser Trend steigert sich noch in der Neuzeit – ab dem 16. Jahrhundert. Je mehr die Reformatoren die Heiligenverehrung und den Marienkult kritisieren, desto stärker betont die katholische Kirche die Marienfrömmigkeit: die Wunder, die Verehrung der Statuen und Marienbilder, die Wallfahrten und die Marienandachten. Mehr Maria als Jesus – könnte man jetzt sagen. Mirakel und Visionen häufen sich, Madonnen weinen, verdrehen die Augen, verfärben ihr Gesicht. Neue Marienfeste entstehen, zwei neue Dogmen werden verkündet: die unbefleckte Empfängnis und die Aufnahme Marias in den Himmel.

Bis zum Marianischen Jahr 1954 kann man von einer Überbetonung Marias im katholischen Glaubensleben reden. Mehr Maria als Jesus.

Erst das II. Vatikanische Konzil hat diese Entwicklung korrigiert. Für die letzten 50 Jahre könnte der Merksatz lauten: Zu Jesus mit Maria. Sie ist die exemplarische Jüngerin. Sie ist Urbild und Vorbild der pilgernden Kirche, die als Ganze zu Jesus unterwegs ist. Mit Maria versuchen wir, Jesus nahezukommen. Mit ihr als Wegbegleiterin tasten wir uns an ihn heran – an seine Vorstellungen von einem guten und erfüllten Leben.

Zu Jesus mit Maria – mit unserer Schwester im Glauben, die Ja sagt zu ihrem Weg; die sich in den Dienst der Sache Gottes stellt; die trotz des Kreuzes an Gott festhält.
Zu Jesus mit Maria – ein gutes Leitwort, um die Marienfeste dieses Monats intensiv, zeitgemäß und ansprechend zu feiern.

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch