Predigt von Richard Baus zum Fest Christi Himmelfahrt

Apg 1, 1-11  

Liebe Schwestern und Brüder,

aus Ihrer Kindheit kennen Sie sicher auch noch die Geschichte vom Hans Guck-in-die-Luft aus dem Struwwelpeter.

Dieser Junge, der nur in die Luft schaut, aber nicht auf die Erde – und der deshalb über so manches stolpert – und am Ende sogar ins Wasser fällt, wo man ihn knapp vor dem Ertrinken noch retten kann.

Diese Geschichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich die Lesung des heutigen Festtages lese – dort, wo die beiden Engel zu den Aposteln, die das große Nachsehen haben, sagen müssen: Ihr Männer von Galiläa, was schaut ihr zum Himmel hinauf? 

Schaut lieber auf die Erde – und macht, was der Herr Euch gesagt hat
Seid seine Zeugen! Legt Zeugnis von dem ab, was ihr mit dem Herrn erlebt und erfahren habt. Gebt Zeugnis von seiner Liebe zu den Menschen. Haltet diese Liebe lebendig, damit sie nicht vergessen wird – oder unter die Räder gerät. 

Was für ein spannender Moment in der Geschichte unserer Kirche:

Da wird Jesus vom Vater in den Himmel aufgenommen – und er ist den Blicken der Menschen entzogen.
Brauchte man vorher nur hinter ihm herzugehen und auf ihn zu schauen, so müssen die Apostel nun selbst losgehen – und selbst Entscheidungen treffen. Jetzt müssen sie selbst Spuren legen, auf denen andere hinter ihnen hergehen können, um diesen Jesus in ihrem Leben zu finden und zu entdecken.
Jetzt müssen sie an die Stelle dieses auferstandenen Herrn treten und seine Arbeit tun.

Aber, bei dieser Aufgabe sind sie nicht von Gott und allen guten Geistern verlassen, sondern der Herr hat ihnen seinen Beistand zugesagt, die Hilfe von oben, seinen Heiligen Geist.

Dass dieses „Geschäft“, das sie da von ihrem Herrn übernommen haben, nicht einfach ist, das haben wir seit Ostern in den Lesungen aus der Apostelgeschichte hören können, die uns in diesen Tagen begleitet haben.

Da nützte es nichts, nur zum Himmel hinaufzuschauen und abzuwarten, sondern da musste entschieden werden - jetzt, weil das Leben ja weiter ging, das Leben dieser jungen Kirche.

Und wie wir gehört haben, gab es da heftige Situationen. Zum Beispiel als einige Zeugen des Auferstandenen das Gebiet des jüdischen Glaubens verließen und zu den Heiden gingen. Als dort die ersten Heiden Christen werden wollten. Wie geht man mit ihnen um?

Bisher bestand die junge Kirche ja nur aus Juden. Müssen die Heiden, die sich taufen lassen wollen, deshalb auch zuerst einmal Juden werden – weil es bisher immer so gewesen ist? Oder geht das ohne diesen „Umweg“.

Und die Apostel geraten sich in die Haare. Denn die einen, die von Petrus angeführt werden, sagen: Erst mal Juden werden und alle jüdischen Gesetze übernehmen – und dann können sie getauft werden. Schließlich war das bisher immer so. – Und die anderen sagen: Nein, sie sollen gleich getauft werden – ohne den Umweg über das Judentum. Denn sie wollen ja nicht Juden werden, sondern Christen. Also: Lasst uns das anders machen, barmherziger. Ohne ihnen neue Lasten aufzuerlegen. Lasten, die die Väter schon nicht tragen konnten.

Und schließlich kann die zweite Gruppe, die von Paulus und Barnabas angeführt wird, sich mit ihren Vorstellungen durchsetzen.
Eine Entscheidung, die wohl viel Mut brauchte – und viel Heiligen Geist. Denn sie warf so einiges, was bisher gängiges Denken und Handeln gewesen ist, über den Haufen – um damit Neuem Platz zu machen - unserem christlichen Glauben an einen gütigen und barmherzigen Gott – mit seiner grenzenlosen Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder,

mich erinnert das an die Situation, die wir jetzt gerade in unserer Kirche erleben. Da hat Papst Franziskus nach der großen Weltsynode sein Schreiben Amoris Laetitia verfasst. Und darin schlägt der Papst neue Töne an, die ein neues Handeln möglich machen kann – ein Handeln, in dem nicht nur die Gesetze entscheiden, sondern wo auch Platz ist für Barmherzigkeit.

Das will uns sagen: Es soll nicht nur eine Orthodoxie geben, also einen rechten Glauben, sondern es muss auch eine Orthopraxie geben, die rechte Praxis. Ein Handeln, das Menschen auch hilft, so dass man in seiner Religion, in seinem Glauben auch leben kann. 

Und sofort geschieht dasselbe wie in der Apostelgeschichte. Es bilden sich Lager. Die einen behaupten: Jetzt geht alles den Bach runter. Wir haben doch Gesetze, göttliche Gesetze. Und was ein Papst vorher mal beschlossen hat, das kann ein andere doch jetzt nicht anders entscheiden.
Und die anderen sagen: Wir dürfen doch nicht nur in den Himmel schauen, sondern wir müssen doch auch auf die Erde schauen; nicht nur auf die Gesetze von oben, sondern auch auf die Menschen unten, auf Menschen in ihrer Not. Was ist zu tun?

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist für mich so der Punkt, an dem wir uns wieder an den Auftrag des Herrn erinnern müssen. Ihr werdet meine Zeugen sein, so sagte er den Aposteln. Nicht Zeugen von irgendwas, nicht von irgendwelchen Lehren, so großartig die auch immer sein mögen, sondern Seine Zeugen. Zeugen des Herrn.
Zeugen von dem, wie der Herr gehandelt hat und was ihm wichtig gewesen ist. Wie er mit den Sünden umgegangen ist. Mit wem er sich an den Tisch gesetzt hat. Wem er die Frohe Botschaft verkündet hat – und WAS er als Frohe Botschaft verkündet hat.

Und dann begegnet uns dort doch wohl ein Jesus, der sehr barmherzig war. Der den Sündern nachgegangen ist und der das Verlorene gesucht hat. Ein Jesus der die Kranken geheilt, die Ausgestoßenen in seine Gemeinschaft aufgenommen und der sich mit Sündern an einen Tisch gesetzt hat – um mit ihnen zu essen, Mahl zu halten. Und der dem Schächer am Kreuz in allerletzter Minute noch sagen kann: Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein – egal was war.

Ein Jesus, der sehr wohl die vielen hundert Gesetze und Gebote der Juden kannte – und der sie in zwei Gebote zusammenfassen konnte: Du sollst Gott lieben. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Denn das Größte ist die Liebe. Wenn die Liebe nicht da ist, dann nützen auch alle die Gebote nichts, denn ohne die Liebe werden sie gnadenlos und unbarmherzig. Und das war der Herr nie.

Ihr sollt meine Zeugen sein. Das ist der Auftrag des Herrn, der in den Himmel aufgefahren ist – damals an die Apostel – und heute an uns heute.

An dann müssen wir uns schon fragen: Wovon wollen wir denn Zeugnis ablegen?  Von einem Gesetzbuch – oder von einem lebendigen Gott?
Von festgeschriebenen Dogmen – oder von der menschgewordenen Barmherzigkeit Gottes.
Von Verwaltungsvorschriften – oder von der Liebe?

Entscheiden müssen Sie. Entscheiden müssen wir.
Denn es muß UNSER Zeugnis sein. Das, wovon wir überzeugt sind.

Aber wenn wir davon überzeugt sind, dann müssen wir es auch leben und tun.

Amen

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch