Predigt von Richard Baus zum 11. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 7, 36-50

Liebe Schwestern und Brüder,

Grenzüberschreitungen kommen nicht immer gut an. Aber manchmal müssen Grenzen überschritten werden, damit sich etwas verändert - im Leben und in der Welt.

Und in dieser Geschichte, die wir da gerade gehört haben, werden viele Grenzen überschritten:
Da ist diese Frau. Eine „Sünderin“ wird sie genannt. Und sie überschreitet die Grenzen des Anstandes, indem sie uneingeladen in das Haus eines frommen Pharisäers begibt und in eine Männergesellschaft eindringt. Ungehörig.

Aber das ist noch nicht alles. Von hinten tritt sie an Jesus heran und berührt ihn in einer Weise, die höchst unschicklich ist: Sie salbt ihm in aller Öffentlichkeit die Füße.

Dass sie tatsächlich eine Dirne ist, können wir an der Tatsache ablesen, dass sie die Füße Jesu mit ihrem Haar abtrocknet. Eine ordentliche und anständige Frau trug damals ihr Haar zusammengebunden und unter einem Tuch versteckt. Eine solche Aktion wäre ihr gar nicht möglich gewesen.

Aber auch Jesus überschreitet Grenzen - indem er das zulässt, indem er sich nicht wehrt, sondern diese Frau gewähren lässt. Auch unanständig. So etwas geht gar nicht im Hause eines Pharisäers.
Wenn er wirklich ein Prophet wäre, dann müsste er wissen, was das für eine Frau ist - und er würde es nicht zulassen.

Aber, liebe Schwestern und Brüder,  Jesus läßt es zu.

Und als der Pharisäer anscheinend seine Gedanken so offensichtlich denkt, dass alle sie mitbekommen, da nimmt er diese Frau auch noch in Schutz. Und das, was sie getan hat, wird in seinem Munde auch noch zum Beispiel: Zum Beispiel für einen Glauben, der retten kann.

Ihr wird all ihre Schuld vergeben, weil sie an ihn geglaubt hat, an ihn als einen Retter und Heiland - und weil sie ihm so viel Liebe gezeigt hat.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich muss gestehen, ich bewundere diesen Jesus; diesen Jesus mit seinem Mut, all diese Grenzen, die für die damalige Gesellschaft und deren Glauben so wichtig und heilig gewesen sind, zu überschreiten, um dieser Frau in ihrer Not, in ihrem Elend, in das sie sich gebracht hat, beizustehen und ihr einen neuen Anfang zu ermöglichen. Den Mut, nicht auf seinen eigenen guten Ruf zu achten, sondern ein Leben zu retten.

Ich bewundere diesen Jesus, weil ihm die Barmherzigkeit wichtiger gewesen ist als die Gerechtigkeit, wichtiger als die Moral. Und der all diese Grenzen überschreitet, die eine Vergebung und das Verzeihen unmöglich gemacht hätten - um dann all das dieser Frau zu schenken.

Und es ist wohl auch sein Glaube, der ihm das möglich macht: Der Glaube, dass sein Vater größer ist als unsere menschliche Schuld; und dass sich die Liebe seines Vaters nicht aufhalten lässt von Gesetzen, die Menschen sich ausgedacht und aufgestellt haben.
Kein Wunder, dass so einer am Kreuz landen wird - mit einer solchen Theologie, mit einem solchen Glauben - und einer solchen Freiheit.

Gemessen an dem, was wir heute so unter Vergebung der Schuld und dem Sakrament der Buße verstehen, auch eine Grenzüberschreitung. Denn dort ist kein Beichtstuhl, keine Aufzählung der Sünden, keine Ermahnung und keine Buße, die auferlegt würde. Und auch Jesus fragt nicht nach, ob alle Bedingungen erfüllt sind, ob das Bekenntnis umfassend ist, und ob sie ihr Leben ernsthaft ändern will. Nichts von dem, was einem Menschen heute die Beichte oft so schwer macht. Nichts von dem, was unsere Kirche so vorschreibt, um schwere Schuld zu vergeben.  Sondern Jesus genügt es, dass sie zu ihm kommt mit ihrer Schuld. Dass sie ihm, ohne auch nur ein Wort zu sagen, zeigt, wie sehr ihr ihre Sünden Leid tun. Und dass sie fest glaubt, dass er ihr aufhilft.

Dieser Glaube ist das Entscheidende, nicht die Erfüllung des Gesetzes. Die Liebe - und nicht eine Buße.
Und kein Mensch wird daran zweifeln, dass der Herr ihr wohl alle Schuld vergeben hat - und nicht nur ein paar „lässliche Sünden“.

Ein Geschichte, die einen guten Platz hat in diesem Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit - das uns hoffen lässt, dass Gott in seiner Liebe zu uns auch heute Grenzen überschreitet - indem er uns mehr Barmherzigkeit schenkt als die Gerechtigkeit es eigentlich zulassen würde. Und dass er uns mehr Erbarmen schenkt als so mancher Theologe es ihm, Gott, erlauben würde... denn wir haben ja ein Gesetz. -- Und nach dem musste er dann ja auch sterben - der Sohn dieses Gottes. Und die Gerechten waren auch noch der festen Überzeugen, sie hätten Gott damit einen Dienst erwiesen.

Grenzüberschreitungen, die zum Heil für den Menschen werden.
Ja, vielleicht überschreitet Gott ja auch heute Morgen hier mehr Grenzen als wir es vermuten - und er ist uns näher mit seinem Erbarmen als wir es uns vorstellen können.
Vielleicht verzeiht er ja auch uns alle unsere Schuld, wenn wir hier vor einander und für einander zu ihm rufen: Kyrie eleison. Hab doch Erbarmen mit uns, Herr.

Und vielleicht schenkt er auch uns -wie dieser Frau-  einen ganz neuen Anfang, wenn wir ehrlich beten: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort - und meine Seele ist gesund.

Wenn wir an ihn glauben und wenn wir unsere Hoffnung allein auf ihn setzen, dann ganz bestimmt.
Denn wie sagte doch der Herr zu jener Frau? Dein Glaube hat dich gerettet. Dein Glaube - und sonst nichts. 
Geh in Frieden.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch