Predigt von Richard Baus zum 14. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 10,1-9  (Kurzfassung)

Liebe Schwestern und Brüder,

„Die Ernte ist so groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter“, so haben wir gerade Jesus sagen hören. Ein Wort, das 2000 Jahre alt ist – und das sich sehr modern anhört. Denn das ist ja eine der großen Nöte unserer Tage: Der „Personalmangel“ in unserer Kirche. Zu wenige Priester, zu wenige Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten. Eine Not, die auch bei unserer Bistumssynode deutlich zur Sprache kam.

Einige Verse vor unserem Evangelienabschnitt von heute lesen wir, dass Jesus bereits „die Zwölf“ ausgesandt hat. Die Apostel. Sie sollen sein Kommen vorbereiten. Und er merkt jetzt wohl, dass die Zwölf das alleine nicht schaffen.

Aber Jesus erstellt keinen Pastoralplan, sondern er sendet einfach mehr Leute aus: 72 andere. Und die schickt er zu Zweit aus; damit sie eben nicht allein sind auf weiter Flur – und nicht allein mit ihrem Auftrag, sondern einer des anderen stützen und ermutigen kann.

Eine spannende Stelle. 72 andere. Man mag fragen: Wo holt er die her?
Und man mag weiter fragen: Können diese „72 anderen“  das denn überhaupt? So gut wie die Zwölf? Denn „die Zwölf“,  die Apostel, sind ja doch eher „Fachleute“. Denn sie kennen Jesus ja doch länger und besser.

Fragen, die wir heute stellen würden. Aber Jesus stellt diese Fragen anscheinend nicht. Sondern er sendet sie aus - und sie bekommen denselben Auftrag wie wir es bei der Aussendung der Zwölf ein paar Verse vorher gehört haben: Kranke heilen und das Reich Gottes verkünden. Nichts anderes, denn für Jesus sie sind keine „Boten zweiter Klasse“, sondern er  traut ihnen dasselbe zu wie den Zwölf. 

Denn ob das gelingt, was sie da tun sollen, das liegt wohl gar nicht so sehr an ihnen, nicht an ihrer Qualifikation, sondern das liegt an seiner Sendung, an der Kraft der Botschaft, die sie verkünden sollen - und damit an Jesus selbst.

Und deshalb sollen sie ja nichts von dem mitnehmen, von dem wir so meinen, dass es wichtig ist -kein Geld, keine Vorräte, keine Ausrüstung-, sondern nur seinen Auftrag, allein seine Botschaft – und den ganzen Segen, der damit verbunden ist.

Und – da ist noch etwas, was auffällt, liebe Schwestern und Brüder.
Da steht in unserem Text: Esst, was man euch vorsetzt – in einem Haus oder einer Stadt. Sogar zwei Mal steht es dort. Essen ist ja wichtig, aber ist es sooo wichtig, dass das hier zwei Mal auftaucht?

Nun, hier geht es nicht um das Essen, das man braucht, um arbeiten zu können, sondern hier geht es um das, was man isst.
Und das ist ganz wichtig an dieser Stelle: Ein Jude, und die Leute, die Jesus da losschickt, sind ja Juden, der durfte zur Zeit Jesu nur essen, was den religiösen Speisevorschriften entsprach. Alles musste „koscher“ sein. Und da ging es nicht nur darum, dass es kein Schweinefleisch sein durfte, sondern das war viel komplizierter: Was mit was zusammen auf einem Teller liegt. Was mit was in einem Topf  sein durfte. Das war ganz genau vorgeschrieben – und sehr kompliziert. Und wehe, etwas stimmte nicht, dann war es ja eine Sünde, davon zu essen. Und diese 72 hätten eigentlich nur in den Häusern frommer Juden essen dürfen – und sonst nirgendwo.

Und dann sieht es mit Mission ja schon ganz schlecht aus – vor allem mit „Heiden“-Mission.

Aber dann sagt dieser Jesus jetzt einfach: Esst, was man euch vorsetzt. Wechselt nicht in ein anderes Haus, wenn nicht alles den jüdischen Vorschriften entspricht, sondern bleibt.

Auf gut Deutsch heißt das: Ich befreie euch von all diesen Vorschriften.
Denn Mission heißt nicht: Alle Vorschriften erfüllen, sondern eine frohe Botschaft in die Welt zu tragen.
Nicht die Vorschriften sind das Wichtigste, sondern das Heil.

Deshalb: Überfordert niemanden mit euren Anforderungen, sondern nehmt das, was da ist.
Setzt niemanden unter Druck mit dem, was ihr meint, was zu sein hätte, sondern setzt euch mit allen an einen Tisch. Habt keine Berührungsängste, sondern schenkt Gemeinschaft.

Meint nicht, ihr dürftet eure Arbeit nur dort tun, wo „alles in Ordnung“ ist, sondern arbeitet überall dort, wo man euch aufnimmt – und wo man Euch braucht, selbst wenn es in der größten „Unordnung“ ist – denn oft genug ist ja die Hilfe gerade dort am notwendigsten.

Und dann kommt den Leuten bitte nicht mit Vorschriften und Erwartungen, sondern mit einer frohen Botschaft, mit dem Heil, das der Herr euch in die Hände gelegt hat.

Macht die Leute nicht krank mit dem, was sie alles machen sollen, sondern macht sie gesund – einfach, indem ihr sie gut behandelt, indem ihr sie annehmt wie sie sind - und indem ihr ihnen sagt: Das Himmelreich ist nahe. Es ist euch ganz nahe. Ihr müßt nur Ja sagen dazu.

Keine Vorschriften, die Heil verhindern könnten – auch wenn diese Vorschriften noch so gut gemeint sein sollten. Und damit lässt Jesus diesen 72 Gesandten ganz viel Freiheit.

Denn dieser Herr, für den sie da losgehen, der hat keine Angst, dass irgendetwas „verloren“ gehen würde oder etwas an die falsche Adresse gerät. Denn wenn der Friede, den die Missionare dort bringen sollen, irgendwo hin gerät, wo kein Mensch des Friedens ist, dann wird der Friede wieder zu ihnen zurückkehren – und da wird sicher nichts unter die Räder geraten.
Warum sollte das bei uns heute so anders sein?!

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus sandte 72 andere aus. Nicht nur die Zwölf, die „Hauptamtlichen“, sondern auch die, die sich ansprechen und senden ließen.
Vielleicht gehören Sie, liebe Schwestern und Brüder, ja heute zu diesen 72.
Vielleicht braucht der Herr ja gerade Sie – um Menschen etwas zu sagen, was aufrichtet;
um Menschen so zu behandeln, dass sie wieder aufatmen können und sich besser fühlen - und sie spüren: Da kommt das Himmelreich auf mich zu - in diesem Menschen.

Wenn Sie den Ruf hören und verspüren: Das wäre doch was für mich, dann tun Sie es. Tun sie es dort wo Sie leben und sind.
Warten Sie nicht drauf, dass jemand Sie losschickt, denn Sie sind bereits gesandt.
Und die Erlaubnis zu ganz viel Erbarmen und großzügiger Liebe in diesem Dienst, die haben Sie auch – vom Herrn selbst. 

Und lassen Sie sich nicht aufhalten, weder durch viel Geschwätz -- das ist nämlich gemeint mit diesem „Grüßt niemanden unterwegs“ -- weder durch Geschwätz derer, die meinen, sie wären klüger als Sie, noch durch viele Vorschriften, die manche meinen, Ihnen machen zu müssen. 

„Esst was man Euch vorsetzt“, sagt der Herr - und das heißt ja wohl auch: Geht zu den Leuten die da sind - und wartet nicht auf „bessere“ oder „andere“, sondern geht zu denen, die Euch begegnen.

Und sagt genau denen: Das Himmelreich ist nahe. Und es steht offen - auch und gerade für dich!

 
Amen.

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch