Predigt von Richard Baus zum 15. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 10, 25-37

„Vorbeigehen ist einfacher“, so habe ich in einer Auslegung zu diesem bekannten Evangelium gelesen.

Aber, liebe Schwestern und Brüder“,  ich glaube nicht, dass die Bequemlichkeit in diesem Fall wirklich der Grund ist, warum der Priester und der Levit an diesem Mann, der da unter die Räuber geraten ist, so einfach vorbeigehen und ihn liegen lassen.

Es gibt Exegeten, die darauf aufmerksam machen, dass es schon einen Grund hat, dass da nicht einfach von „2 Männern“ erzählt wird, die vorbeigehen, sondern dass dort deren Beruf angegeben ist, ihr sozialer und religiöser Stand: Ein Priester und ein Levit.
2 Klassen also, die dem Tempel zuzuordnen sind, weil sie dort einen „heiligen Dienst“ zu verrichten haben. Beiden dienen Gott im Tempel zu Jerusalem.

Und es gibt ein Gesetz, das beiden verbietet, sich einem toten Menschen nicht zu nähern; denn das würde sie „kultisch unrein“ machen - und dann könnten sie ihren Dienst nicht ausüben.

Sie dürfen sich diesem Menschen also gar nicht nähern, denn wenn er schon tot ist oder unter ihren Händen stirbt, dann wären sie - wie gesagt - kultisch unrein, und für eine ganze Zeit lang von ihrem Dienst ausgeschlossen. Für sie heißt vorbeigehen - dass sie einem Gesetz gehorchen, und zwar göttlichem Gesetz.

Und ich denke, hier wird diese Samaritergeschichte nicht nur spannend, sondern auch sehr kritisch.
Denn Jesus ist kritisch - vor allem, wenn es um Gott und die Menschen geht.

Und der Kritikpunkt Jesu könnte lauten: 

Wo bleibt denn bei allem Gesetz die Menschlichkeit?
Wie kann man Gott dienen wollen - und dann so unbarmherzig und lieblos mit einem Menschen umgehen.
Kann ein Gesetz, das die Menschlichkeit und die Barmherzigkeit verhindert und unmöglich macht, wirklich von Gott kommen?

Ja, kritisch ist das - und ziemlich provokant. Denn Jesus erzählt das einem Gesetzeslehrer. Einem frommen Mann, der die Gesetze sehr gut kennt und der ihm mit seiner anscheinend genauso „frommen“ Frage eine Falle stellen will.

Und wir können und vorstellen, wie ärgerlich dieser Gesetzeslehrer gewesen sein wird, wenn Jeus ihm klarmacht, dass 

der Priester und der Levit eine Frömmigkeit praktizieren, in der es keinen Platz gibt für die Liebe und die Barmherzigkeit.
Dass in ihrer Art, Gott zu verehren, kein Platz ist für einen Menschen in Not.
Und dass es ausgerechnet ein Samariter, also ein Heide ist, der 

sich anrühren läßt vom Leid - und der damit das einzig Richtige tut: Nämlich barmherzig ist.

Ein Heide. Einer, der andersgläubig ist und deshalb keinen Zugang hat zum Tempel, weil er dort nicht erwünscht ist. Ein Heide, der von den Juden verachtet ist und um den die Juden einen Bogen machen - der tut das Richtige.
Und der Gestzeslehrer muß sich auch noch sagen lassen: Dann geh - und handle genauso.
Mach es wie dieser Heide - und nicht wie die beiden Frommen.
In der Tat, eine Provokation.

Aber vielleicht muß Jesus so provokativ sein, damit nicht nur dieser Schriftgelehrte aufhorcht, sondern auch wir.
Dass auch wir die Frage Jesu hören: Wie verehrt ihr denn euren Gott?
Ist in unserem Gottes-Dienst auch Platz für den Menschen-Dienst, für den Menschen in Not? Ist da Raum für „den Nächsten“, der uns was kostet - Zeit, Sorge, Aufmerksamkeit und Geld - oder reden wir nur drüber in unseren Predigten.

Ist uns bewußt, dass Gott nicht Tempel, Kirche oder Gesetz geworden ist, sondern Mensch in Jesus Christus - und auch heute immer noch Menschen werden will - in uns?

Und dass uns Gott nie näher kommt als in einem Menschen, in einem Menschen, dem wir zum Nächsten werden müssen, weil er uns braucht.
Wer meint, er könne Gott dienen, ohne sich des Menschen anzunehmen, der hat Gott nicht verstanden.
Ja, provokant ist dieser Gedanke. Aber wir müssen uns diese Provokation gefallen lassen

Denn solange wir nicht aufhören, dieses Gleichnis zu erzählen, haben wir die Chance, den Herrn sprechen zu hören, der uns auf den Menschen verweist.
Den Herrn, dem menschliche Heiden wohl lieber und vorbildlicher zu sein scheinen als unmenschliche Fromme.

Und der uns jeden Tag die Chance gibt, doch auch zu menschlichen Frommen zu werden.
Menschliche Fromme, die diesen Gott lieben, weil er so menschlich und barmherzig ist ist, und die deshalb auch menschlich und barmherzig zu den Menschen sein wollen - so wie er.

Denn es wäre in der Tat ein Skandal, wenn es außerhalb unserer Kirche mehr Barmherzigkeit geben würde als in unserer eigenen Kirche.

Außerhalb...bei den Andersgläubigen und Andersdenkenden  - weil uns innerhalb unserer Kirche die Gesetze, Gebote und Verbote wichtiger wären als ein Mensch, der unter die Räuber gefallen ist --- unter die Räuber, die so viele andere Namen haben können - wie Not, Unglück, Schuld und Versagen.

Geh und handle genauso - wie dieser Samariter.
Der wohl nicht gefragt hat: Was hast Du falsch gemacht, dass dir so was passieren konnte? Hättest Du nicht vorsichtiger sein können? Bist du nicht selbst Schuld dran, dass es so weit gekommen ist? - und der dann weitergeht.
Sondern der Mitleid hat - und dann ganz einfach das tut, was hilft, was rettet und heilt.

Und der genau damit Gefallen findet bei Jesus.
So viel Gefallen, dass Jesus ihn uns als Beispiel vor Augen hält - und das schon seit 2000 Jahren.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch