Predigt von Richard Baus zum 16. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 10, 38-42

Die arme Martha, so mag man denken.
Jetzt macht sie sich so viel Mühe, um dem Herrn und seinen Jüngern was Gutes auf den Tisch zu stellen - und dann muss sie sich so was sagen lassen: Maria hat den besseren Teil erwählt. 

Liebe Schwestern und Brüder,

die Gastfreundschaft ist auch heute noch ein hohes Gut im Orient. Wer selbst schon einmal im Orient in einer Familie zu Gast war, der wird wissen, wieviel Mühe sich die Hausfrau macht, um die Gäste zu erfreuen. Nichts ist zuviel! Und es ist die Rolle der Frau, in der Küche alles in Bewegung zu setzen, damit keine Wünsche offen bleiben.
Kein Wunder, wenn Marta sauer ist, dass Maria so aus der „Frauen-Rolle“ fällt und die ganze Arbeit ihr alleine überlässt. 

Und denoch wird Maria von Jesus geradezu gelobt. Warum?

Nun, wenn wir das „Drumherum“ dieser kleinen Episode mit in den Blick nehmen, dann entdecken wir, dass Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist. Von Betanien bis Jerusalem ist es nur noch ein Katzensprung. Und in Jerusalem wird das Kreuz auf ihn warten. D.h.: Er wird nie mehr nach Betanien zurückkehren. Nie mehr Gast sein bei den beiden Schwestern. Es ist die letzte Chance, mit Jesus zu sprechen, die letzte Chance zu hören, was er zu sagen hat.
Und da ist es schon die Frage, ob dann der richtige Platz für die beiden Freundinnen des Herrn der Platz in der Küche ist. Dort, wo man ihn nicht sieht und nicht hört, sondern mit so ganz anderen Dingen beschäftig ist.

Maria hat das wohl gespürt: Dieser Jesus, der will jetzt nicht essen, sondern der will reden. Der braucht mich jetzt an seiner Seite und nicht in der Küche. Wenn ich ihm noch etwas wirklich Gutes tun will, dann mit dem Geschenk meiner Gegenwart und nicht mit einem dicken Schnitzel.

Während Marta so in ihrer vorgegebenen Rolle gefangen ist, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, dass sie auch was anderen tuen könnte - und auch tun dürfte. Und so kocht sie halt.

Liebe Schwestern und Brüder,

in dieser wunderschönen kleinen Episode geht es nicht darum, festzulegen, dass das Zuhören besser ist als das Kochen - oder um es mit zwei Worten aus unserem kirchlichen Sprachgebraucht zu sagen: dass die „Contemplatio“ besser wäre als die „Actio“.

Überhaupt nicht. Beides ist wichtig: Das Tun und das Hören.

Die Caritas und das Gebet. Denn beides gehört zu den Wesensvollzügen unserer Kirche.
Eine Kirche, die nicht mehr betet, die nicht mehr hören und zuhören kann - Gott und den Menschen -,  die ist keine Kirche mehr.
Aber eine Kirche, die nicht mehr zupackt, nicht mehr caritativ tätig ist, um den Menschen zu geben, was sie zum Leben brauchen, die ist auch keine Kirche mehr.
Zumindest nicht mehr die Kirche unseres Herrn Jesus Christus. Beides ist wichtig - und beides zusammen macht uns als Kirche aus: Das Beten und das Tun. Die Liturgie und die Caritas. Maria und Martha.
Die kontemplativen Orden und die caritativen Orden.

ABER: Ich muss aufmerksam sein und jeweils wissen, was jetzt dran ist. Und dann das auch tun, was jetzt notwendig ist.
Auf gut Deutsch heißt das: Ich kann nicht in die Kirche laufen, um zu beten, wenn zu Hause einer liegt, der versorgt werden muss; sondern dann muss ich sorgen und versorgen; dann kann ich diesen Menschen nicht alleine lassen. Dann ist mein Platz dort.
Aber wenn zu Hause alles in Ordnung ist, kann ich, wenn es Zeit ist zum Gebet, zur Eucharistie, zur Versammlung der Gemeinde um den Herrn, nicht bequem zu Hause sitzen bleiben; sondern dann muss ich dorthin. Denn dann darf ich doch die übrige Gemeinde, zu der ich doch gehöre,  um den Altar nicht alleine lassen. Und dann ist mein Platz dort, beim Hören und Beten.

Maria und Martha, zwei Personen - und wir tragen beide in uns.
Denn beide Teile sind wichtig. Beide Teile haben wichtige Aufgaben.
Aber, wie gesagt, ich muss immer wissen, was jetzt dran ist - womit ich Gott gerade jetzt am besten diene: indem ich „fromm“ bin, d.h. zur heiligen Messe gehe und Zeit habe für das Gebet und die Besinnung - oder indem ich einem Menschen das gebe, was er gerade braucht: etwas zu essen, meine Gegenwart, mein Ohr und meine Aufmerksamkeit.

Beides ist wichtig - und zu beidem sind wir berufen.
Und nur wenn wir beide Schwestern in uns tragen - Maria und Martha -, nur dann können wir den Herrn wirklich bei uns beherbergen (T. v. Avila).

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch