Predigt von Richard Baus zum 2. Ostersonntag, 03.04.2016

Joh 20, 19-31

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser 2. Ostersonntag, der Weiße Sonntag, hat noch einen ganz besonderen Namen: Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit.
Papst Johannes Paul II hat ihm diesen Namen gegeben.
Ein Name, der aber nicht einfach „aus der Luft gegriffen“ ist, sondern der seinen Ursprung im barmherzigen Handeln Jesu hat.
Jesus ist barmherzig. Die Barmherzigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben und Wirken.
Und auch das Evangelium des heutigen Sonntages erzählt davon.

Schauen wir doch noch einmal hin:

Als Jesus zum ersten Mal nach seiner Auferstehung in die Mitte seiner Jünger tritt, da ist Thomas nicht dabei. Und als die anderen ihm davon erzählen,  kann und will Thomas das nicht glauben. Auferstehung von den Toten!… Als häte es das schon mal gegeben!
 
Nun, das ist ja auch so unglaublich, dass man da erst mal seine Zweifel haben kann: Wenn ich das selbst nicht mit eigenen Augen sehen kann, glaube ich das nicht. „Wenn ich meine Finger nicht in die Wunden und meine Hand nicht in seine Seite legen kann, dann glaube ich nicht“ – so denkt und empfindet nun mal dieser Thomas.

Liebe Schwestern und Brüder, 

wenn ich ehrlich bin,  dann muss ich sagen: Mir gefällt Thomas. So ein „gesunder“ Zweifel ist mir lieber als ein unreflektierter Wunder-glaube. Eine Erscheinung hier, ein tolles Wunder dort – und alles fährt hin. Busladungen voll. Und man glaubt auch noch alles, was einem da als angebliche „göttliche Botschaft“ verkündet wird.
Nein, von dieser Sorte ist Thomas nicht. Ihm muss man schon mit Argumenten kommen. Er will es handgreiflich.

Und als Jesus dann zum zweitenmal kommt, da ist Thomas dabei. Und das Spannende ist: Jesus beschäftigt sich ausschließlich mit ihm. Ihm gilt die ganze Aufmerksamkeit Jesu. Aber all das geschieht in einer absolut wohltuenden und guten, eben in einer barmherzigen Weise.
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus tadelt Thomas nicht wegen seines Unglaubens, er macht ihm keine Vorwürfe oder sonst was, sondern er lädt Thomas ein, sich selbst zu überzeugen. Hier, faß an. Leg deine Finger in die Wunden und Deine Hand in meine Seite. Und fast liebevoll fordert er Thomas auf: Sei doch nicht länger ungläubig, sondern gläubig.

Eine Kette ich immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Und in dieser Glaubenskette der Jünger ist Thomas das schwächste Glied. Und so lässt Jesus sich auf diesen Schwächsten ein, um genau ihn zu stärken und um ihn auf die Höhe der anderen Jünger zu bringen. Thomas soll nicht abgehängt werden, Thomas soll ihm nicht verloren gehen. Sondern Thomas soll genau so Zeugnis abgeben können von ihm, dem Auferstandenen, wie die anderen. Und deshalb gilt seine ganze Aufmerksamkeit ihm – dem „Ungläubigen“; dem, dem noch etwas „fehlt“ am Glauben.

Und genau das, liebe Schwestern und Brüder, ist so typisch für Jesus:
Die Schwachen zu erst – und nicht die Starken. 
Die Kranken zu erst – und nicht die Gesunden.
 Armen zuerst – und dann die Reichen.
Das zieht sich durch das ganze Leben Jesu – damit eben keiner abgeschrieben wird, der noch nicht so weit ist die die anderen – und damit keiner von denen verloren geht, die Jesus lieb hat.

Und deshalb gilt die Liebe und die Aufmerksamkeit Jesus besonders denen, denen noch etwas „fehlt“ im Vergleich zu den anderen. Seine Sorge gilt denen,  die an einer Not oder einem Mangel leiden und deshalb so schnell abgeschrieben werden bei den anderen:  Die Schwachen und Kleinen, die Hilflosen und Kranken, die Trauernden, die Hungernden, die Ausgestoßenen, die Schuldigen und die Sündern. Denn das ist seine Seelsorge. Das ist seine Pastoral. Und in diesem seelsorgerlichen Handeln offenbart Jesus die göttliche Barmherzigkeit.

Liebe Schwestern und Brüder;
was dieses Handeln in seinem irdischen Leben ausgemacht hat, das bleibt auch nach seiner Auferstehung noch prägend. Und das muß wohl auch so sein. Denn wenn er nach seiner Auferweckung anders wäre, anders denken und handeln würde, dann würden die, die ihn aus seinen irdischen Tagen gekannt haben, ihn jetzt ja nicht wiedererkennen. Denn dann wäre er anders geworden – und er wäre sich und seinem Wort nicht treu geblieben.
Aber er bleibt sich treu, sich und seinem gnädigen Gott - und so bleibt Jesus liebevoll, gnädig und barmherzig über den Tod hinaus.

Ein Herr, der den „Ungläubigen“ nicht abschreibt und ihn nicht zur Hölle schickt, sondern der seine Liebe zu ihm entdeckt und ihn deshalb zu seinem ganz besonderen Anliegen macht – und der dabei nicht nur ein bisschen „nachsichtig“ ist mit ihm, sondern der ihn selbst bei der Hand nimmt, um ihn zum Glauben hin zu führen.

Noch einmal zurück auf den Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit.
Enge verbunden mit dieser Namensgebung sind die Visionen jener polnischen Schwester Faustina, die Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 heiliggesprochen hat. „Apostelin der Barmherzigkeit“ so hat Papst Franziskus sie in unseren Tagen genannt.
Auf ihre Anweisung wurde ein Bild gemalt, das einen Jesus zeigt, aus dessen Herz bunte Strahlen hervorbrechen, die uns erreichen wollen.
Ob das jetzt künstlerisch gelungen ist, weiß ich nicht. Aber die Aussage ist sicher anrührend: Aus dem Herzen Jesu, das am Kreuz mit der Lanze geöffnet wurde, da strömt die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes hervor – in unsere Welt hinein.
Und das heißt: Die Erlösung gilt allen, der ganzen Welt. Keiner ist davon ausgeschlossen. Denn das Herz des Erlösers steht offen für alle.

Und das Evangelium des heutigen Tages betont: Der Herr hat ein Herz auch für Thomas; er lässt diesen „ungläubigen Thomas“ sogar ganz nahe an dieses Herz heran –  damit Thomas das Heil mit Händen greifen kann –
und damit dieses göttliche Heil auch den Thomas erreichen kann.

Und wenn der Herr so liebevoll und barmherzig mit Thomas umgegangen ist, sollte er es dann bei uns wirklich anders machen?!?!

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch