Predigt von Richard Baus zum 26. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 16,19-31 
 

Liebe Schwestern und Brüder,

die Geschichte vom »Armen Lazarus und vom reichen Prasser« - so ist vielen von uns sicher dieses Evangelium von Kindesbeinen an bekannt.

Und der reiche Prasser kommt in unserer Skala der Sympathie sicher nicht gut weg.
Wie kann man nur so herzlos sein?!

Aber, liebe Schwestern und Brüder,
seien wir vorsichtig mit unserem Urteil. Dass er wirklich herzlos war, oder gar böse, davon steht nichts in der Bibel. 

Er hätte sicher niemandem bewusst etwas zuleide getan;

und als er merkt, wie unsinnig er gelebt hat, will er ja alles tun, um seine Brüder vor seinem Schicksal zu bewahren. Er hat ein Herz.

Und vielleicht ging er, wie alle frommen jüdischen Männer zur Zeit Jesu, am Sabbat in die Synagoge,  sicher war er sogar ein frommer Mann.

Nein, woran sich die Kritik Jesu entzündet, das ist die Tatsache, dass er so sorglos lebt und mit sich selbst beschäftig ist, dass er anscheinend den Armen vor seiner Tür überhaupt nicht wahrnimmt. Er kümmert sich um niemanden, nur um sich selbst.

Anscheinend weiß er gar nicht, dass es diesen Lazarus in seinem Elend überhaupt gibt. Den hat er nicht in seinem Gesichtsfeld.

Seine eingeschränkte Wahrnehmung, das ist wohl das Problem

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn eine solche Geschichte im Evangelium steht, dann können wir davon ausgehen, dass es so was wohl schon zur Zeit der jungen Christengemeinden gegeben hat:
Menschen, denen es gut ging; Menschen,  die sicher gut und fromm waren und die anständig gelebt haben.  Aber sie haben „die Welt“ um sich herum nicht wahrgenommen - oder nicht wahrnehme wollen. 

Ein „harmloses“ Christentum, das mit sich selbst zufrieden war. 

Ein „Millieu-Christentum“, wie wir heute sagen würden; d.h. Christen, die nur mit ihresgleichen verkehren und mit sonst niemandem. Christentum, das im eigenen Saft schmort.

Ein Christentum, das aber genau deshalb die Welt nicht mehr verändert und auch gar nicht mehr verändern kann - weil es ja nicht mehr weiß, was in der Welt los ist, denn es beschäftigt sich ja nur mit sich selbst. Mit der Welt „draußen“ hat es nichts mehr zu tun – oder will es nichts zu tun haben.

Ein solches Christentum geht, wie der reiche Mann im Evangelium, nicht mehr vor die Tür, um zu sehen, was da los ist, wo es da fehlt – und wo es gebraucht würde, um Not zu lindern.

Und irgendwann wird die Kluft zwischen denen „Frommen“ drinnen und den Armen draußen so groß, dass sie nicht mehr überbrückbar ist - selbst nicht mehr von Abraham.

Liebe Schwestern und Brüder,
eine sehr harte Evangelien-Geschichte; genauso hart wie die Kritik des Propheten Amos an den Reichen seiner Zeit, die sich auch nur noch für sich selbst interessieren und für sonst nichts mehr. Hauptsache, ihnen geht es gut.

Aber dieses Gleichnis wird uns sicher nicht erzählt, um uns Angst zu machen vor der Verdammnis, in die der Reiche da gerät; auch nicht Angst zu machen vor der Hölle oder so.

Sondern es wird erzählt, um uns wach zu machen - und unsere Sinne zu schärfen für das, was außerhalb unserer Kirchenmauern los ist – damit dort niemand liegen bleiben muss, nur weil wir ihn nicht sehen; damit dort niemand Not leiden muss, nur weil wir das nicht wissen.

Aber wir müssen das wissen!

Denn, und genau das will uns das Evangelium sagen:
Christen müssen Menschen sein, die nicht nur nach innen schauen sollen, sondern auch nach außen;
nicht nur auf die Tabernakel und Altäre, sondern auch auf die Armen und Notleidenden.
Denn wo die „Lazarusse“ sind, die Armen, Kranken und Leidenden unserer Zeit, genau da ist auch Christus - heute.

Liebe Schwestern und Brüder,
hier oben auf dem Berg steht der sogenannte Fensterstein, der uns an Mutter Rosa erinnert – und auch an Bruder Jakobus. Ein Steindenkmal, das zwei Fenster zeigt.

Dieser Fensterstein deutet die Klause in der Kreuzkapelle an, in der Mutter Rosa und später Bruder Jakobus gelebt haben.
Und diese Klause hat eben 2 Fenster:

Das eine führt hinein in die Kreuzkapelle, in der Kirchenraum, ins „Innere“  - und das andere führt hinaus zur Welt.

Und durch beide Fenster haben Mutter Rosa  und auch Bruder Jakobus jeden Tag geschaut.
Denn diese zwei Ordensgründer hatten immer beides im Blick: Gott und die Welt - und beide haben sie in ihrer Person miteinander in Verbindung gehalten.
„Innen“, bei Gott, da haben sie Kraft gesammelt - um dann hinausgehen zu können in die Welt, vor die Tür,  um dann dort Lazarus wahrzunehmen und zu sehen, 

Lazarus und alle seine Geschwister,

all jene, die alleine nicht mehr weiterkönnen, sondern vor die Hunde gehen, wenn keiner von uns ihnen beisteht.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch