Predigt von Richard Baus zum 3. Sonntag im Jahreskreis, 24.1.2016

1 Kor 12,12-14.27   Lk 1,1-4;   4,14-21

Liebe Schwestern und Brüder,

am vergangenen Sonntag haben wir gehört, wie das Johannes-Evangelium den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu beschreibt – mit einem Wein-Wunder bei der Hochzeit zu Kana.

Heute hören wir, was Lukas dazu erzählt. Er schreibt, dass Jesus nach seiner Taufe umherzieht: er lehrt, er predigt und er wirkt Wunder; Heilungen, die auf den Anfang des Gottesreiches hinweisen.
Gottes Geist treibt ihn regelrecht zu diesen Taten.

Dabei kommt Jesus auch wieder in seine Heimatgemeinde zurück.
Es ist sein erster „Auftritt“ dort. Wie an jedem Sabbat geht er in die Synagoge zum Gottesdienst.
Dieser Sabbatgottesdienst dort in Nazaret verläuft wie jeder andere Sabbatgottesdienst auch: Ein Erwachsener aus der Gemeinde steht auf, liest aus einer Schriftrolle vor und erklärt dann, wie er diese Schriftstelle versteht.
Diesmal ist Jesus dran. Man reicht ihm das Buch des Propheten Jesaja. Jesus schlägt es auf und findete die Stelle, wo vom Gottesknecht die Rede ist.


Liebe Schwestern und Brüder,
der Gottesknecht ist jener Mensch, der von Gott her in die Welt gesandt ist, um dort den Willen Gottes zu erfüllen.
Der Gottesknecht ist der, den Gott für diesen Dienst gesalbt hat und auf den Gott seinen Geist legt hat, damit er dieser Aufgabe auch gerecht werden kann. 


Dieser Gottesknecht ist von Gott gesandt, um aus einer Welt des Unheils wieder eine Welt des Heiles zu machen.
Um Menschen, die in allen möglichen Dingen des Alltages blind geworden sind, wieder die Augen zu öffnen - für Gott und dessen Gerechtigkeit;
um Menschen, die verstrickt sind in Böses, in Abhängigkeiten und in Unrechtsstrukturen, wieder frei zu machen, damit sie neue Wege gehen können.
Um Menschen, die total am Ende sind, wieder Mut zu machen und aufzurichten.
Und um ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen; jenes Jahr des Heiles, in dem den Sklaven die Freiheit, den Armen ihre ursprünglichen Besitztümer zurückgegeben werden mußten, damit sie wieder neu anfangen konnten, neu anfangen konnten, zu leben. 

Es ist dieses Jubiläum der Barmherzigkeit, das auch unser Papst jetzt ausgerufen hat, um auch uns und unserer Welt wieder Mut zu machen – und auch uns wieder barmherziger zu machen.

Und da kommt nun Jesus und sagt: Heute hat sich das alles erfüllt. Heute ist diese alte Verheißung Wirklichkeit geworden. Der Gottesknecht ist da! Und er heißt: Jesus von Nazareth. 

Liebe Schwestern und Brüder,
sicher ein höchst irritierender Moment für diese Leute in Nazareth. Denn Jesus ist ja einer, den alle gut kennen. Einer, von dem die Leute sicher alles Mögliche erwartet hätten, aber doch nicht das. 

 

Denn wir erwarten ja auch von einem, der das Heil bringt, dass er „von außen“ kommt: aus Rom, aus Lourdes oder so was. Und dass er was besonderes ist: Ein Bischof, ein Professor oder so.


Aber in Jesus ist die Gottesherrschaft angebrochen, in einem aus den eigenen Reihen. Heute.

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses „heute“ ist ein so wichtiges Wort in der Bibel. Dieses „heute“ will sagen, dass man jetzt nicht mehr länger auf etwas warten muss, sondern dass es jetzt da ist. Das Heil ist da. Jetzt! Denn: Gott ist da – in seinem Knecht. In dem Menschen, den er gesalbt und auf den er seinen Geist gelegt hat. Und jetzt wird alles gut.

Damals war es Jesus. Aber was ist „heute“ bei uns?
Wenn wir im Jahr 2016 dieses „heute“ lesen, was ist dann? Ist das dann nur eine Erinnerung an damals? Eine Erinnerung an Jesus? 

Sicher ist es das.  ABER es ist auch noch mehr.
Es ist ja kein Heute „von gestern“, sondern es wirkt auch jetzt, auch in unserem Heute.
Denn es gibt sie ja noch immer  – die Gesalbten: Getaufte und Gefirmte, Frauen und Männer, in denen Gott in dieser Welt gegenwärtig sein will - weil sein Geist auf ihnen ruht.

Aber nicht, damit er sie in Ruhe läßt, sondern damit er sie aufweckt und lebendig macht, aufmerksam und sensibel macht für die Nöte in dieser Welt – und damit sie sich gerufen und gesandt fühlen, das zu tun, was Jesus getan hat:
Blinden das Augenlicht zu bringen, den Zerschlagenen und Gefangenen die Freiheit – und ein Gnadenjahr des Herrn, damit Gerechtigkeit herrscht in unserer Welt ---- nicht irgendwann einmal, sondern „heute“, jetzt – durch uns.
Denn wir sind der Leib Christi, wie Paulus in seinem Brief geschrieben hat, wir sind Kirche. Eine Kirche, die gerufen ist, nicht nur viel zu beten, sondern auch genauso viel dafür zu tun

- damit das „Heute“ Gottes nicht nur Verheißung und zweimal nicht nur Erinnerung bleibt, sondern immer wieder Wirklichkeit wird – und zwar durch uns – und das überall dort, wo wir glauben und leben.

Das ist vielleicht das Irritierende für uns heute: Dass wir ja auch immer auf den „großen Auswärtigen“ warten – aus Rom oder so. Aber der kommt nicht – und der ist auch gar nicht notwendig - weil Gottes Geist ja schon auf uns ruht - und wir seine Gesalbten sind -

heute.

Menschen, die wie Jesus, an „ihrem Sabbat“, dem Sonntag, in die Synagoge, in die Kirche gehen, um zu beten und sich Kraft zu holen.
Menschen, die nicht vom Himmel fallen, sondern die aus der Gemeinde kommen und die deshalb jeder kennt – und von denen man vielleicht deshalb gar nichts besonderes erwartet, weil man sie ja kennt.

Aber denen der Herr ganz viel zutraut, weil sie Glieder seines Leibes sind – und deshalb ihm gehören. Und weil SEIN Geist auf ihnen ruht.

Wir müssen uns nur trauen!

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch