Predigt von Richard Baus zum 31. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 19,1-10
 

Liebe Schwestern und Brüder,

Fast ist das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat, zu Ende; da erzählt uns das Lukas-Evangelium noch einmal eine Geschichte, die so voller Barmherzigkeit ist. Die Zachäus-Geschichte.

Zachäus. Klein von Gestalt ist er. Aber was ihm da an Länge fehlt, das gleicht er wohl ganz gut durch seinen Reichtum aus. Und diesen Reichtum hat er wohl nur deshalb, weil er mit der Besatzungsmacht, den Römern, zusammenarbeitet und sich an den Zöllen, die er seinen eigenen Landsleuten abknöpft, bereichert. Kein Wunder, dass er beim Volk verhasst und als Sünder angesehen ist. Wir würden heute sagen: Zachäus ist echt ein Schwein.

Und so macht ihm die Menschenmenge, die den Weg durch Jericho säumt, um Jesus zu sehen,  nicht zufällig keinen Platz. Sondern das ist die Gelegenheit für die Leute. Endlich können sie ihm eins auswischen; endlich können sie sich mal revangieren. Und so stellen sie sich einfach vor ihn hin - und versperren ihm die Sicht auf Jesus.

Dass Zachäus als sehr vermögender Mann geschildert wird, macht ihn eigentlich auch für Jesus zu einem »schwierigen Fall«. Denn kurz zuvor hatte Lukas die Geschichte vom reichen Jüngling erzählt, der sich nicht von seinem Reichtum trennen kann.
Und  genau das hindert ihn, Jesus nachzufolgen. »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt,«  so endet diese Geschichte.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, Zachäus ist ja nicht nur reich; sondern in seinem Herzen steckt wohl auch noch eine große Sehnsucht:
Die Sehnsucht nach „mehr“. Aber nicht nach mehr an Geld, sondern Sehnsucht nach mehr Heil, nach Gottes Heil.

Und als Jesus auftaucht, da rührt sich im Herzen des Zachäus etwas, das ihn in Bewegung bringt: Er will diesem Jesus begegnen. Er »sucht« Jesus zu sehen, so steht es im griechischen Urtext.
   

Liebe Schwestern und Brüder,

Zachäus sucht Jesus, das heißt ein Sünder sucht das Heil.
Und das macht alles anders; das lässt Wunder geschehen.

Ich habe einmal irgendwo gelesen:
Wenn einer, der „verloren ist“, sich von selbst auf die Suche macht nach dem Heil, - dann „dreht Gott quasi durch“. Und dann tut Gott alles, um sich finden zu lassen; dann tut Gott alles, damit die Geschichte gut ausgeht.
So auch hier. Als Jesus zu dem Baum kommt, in den sich Zachäus bei seiner Suche verstiegen hat, da sieht Jesus ihn.  

Schwestern und Brüder,
im griechischen Text steht: „Jesus sah auf“. Jesus sieht auf - zu ihm.
Das scheint das erste Wunder in dieser Geschichte zu sein: Bisher haben die Leute immer nur von oben auf Zachäus herabgeschaut, weil er so klein war; oder sie haben an ihm vorbeigeschaut, weil sie ihn nicht leiden konnten.
Aber dieser Jesus nun, der  schaut zu ihm auf -
er schaut ihn an. Und indem er Zachäus ansieht, erhält Zachäus wieder Ansehen, göttliches Ansehen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

in diesem Angesehenwerden durch Jesus erkennt Zachäus, dass selbst er, ein Sünder, vor Jesus immer noch Ansehen hat.  Er ist es wert, dass der Herr ihn ansieht. Und genau das verändet ihn; das richtet ihn auf – und das macht ihn groß

Und Jesus spricht Zachäus mit seinem Namen an. Das heißt Du bist nicht irgendwer für mich, Du bist keine Nummer, sondern Du bist Sohn Abrahams. Und das heißt: Du gehörst Gott.
Mehr geht gar nicht.
  

Liebe Schwestern und Brüder,

wie menschenfreundlich ist doch die Theologie des Lukas. Dieser Jesus des Lukasevangeliums, der macht Zachäus keine Vorwürfe. Er weist ihn nicht zurecht. Er staucht ihn nicht erst mal zusammen wegen seiner Schuld und er macht ihn nicht noch kleiner als er eh schon ist, sondern er wendet sich ihm zu und schaut ihn so an, so dass Zachäus im Blick Jesu Gott erkennen kann.
Und das richtet auf. Das macht groß - und das bewirkt das nächste Wunder: die Umkehr.

Für Lukas ist es wohl klar: Wer diese Geschichte liest oder hört, dem wird es gehen wie Zachäus. Der wird sich freuen, weil Gott so gut ist. Der wird begeistert sein, weil Gott so vergeben kann. Und er wird die berechtigte Hoffnung haben dürfen, dass Gott am Ende auch so gut mit ihm umgehen wird. Wie wohltuend ist das!

Aber leider nicht für alle – auch in unserer Kirche nicht.
Nicht alle Menschen mögen einen solchen menschenfreundlichen Jesus und auch nicht einen so menschenfreundlichen Gott, der durch Jesus hindurchleuchtet.
Sondern sie wollen lieber einen Gott, der straft und urteilt; lieber einen Jesus, der sich nur mit den Guten und Heiligen an den Tisch setzt und nicht mit den Sündern.

Sie wollen lieber einen Gott, der uns erst mal klein macht, uns auf die Knie zwingt; einen Gott, dem man sich auch nur auf den Knien nähern darf.  Alles andere, so meinen sie, ist nicht fromm genug, ist ehrfurchtslos – und damit verdächtig; alles andere ist keine Buße.

Aber Zachäus muss nicht auf die Knie, sondern er darf aufrecht gehen. Jesus selbst macht ihn doch groß.

Und deshalb ist auch seine Umkehr so groß. So groß, dass er letztlich damit all die Frommen beschämt;
denn er tut weitaus mehr als sie: er wird nicht nur ein bisschen frömmer, nicht nur ein bisschen ehrfürchtiger, sondern er wird großzügig, ein ganz neuer Mensch: Die Hälfte seiner Vermögens gibt er her für die Armen - und was er aus den Leuten herausgepresst hat, das wird er vierfach erstatten.
Mit vollen Händen kann er geben - weil ihm so viel vergeben wurde.

Und so kann Jesus nicht anders als zu sagen: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil  dieser Mann, dieser Sünder Zachäus, wieder zu dem geworden ist, wozu Gott ihn von Anfang an geschaffen hatte: ein Sohn Abrahams.
  

Liebe Schwestern und Brüder,

so etwas Ähnliches wie bei Zachäus in Jericho geschieht heute hier bei uns in Waldbreitbach:

Wenn dieser Jesus nachher  in der Gestalt des Brotes in unserer Hand liegt, dann wird er auch zu uns aufschauen, dann wird er unser Gesicht sehen - und er wird uns damit neues Ansehen schenken.
Und wir werden die sein, die wir wirklich sind: nämlich Söhne und Töchter Abrahams.

Und dann wird heute auch diesem Haus hier das Heil geschenkt,
denn die Erlösung von damals, die gilt heute auch uns – 
damit auch wir heil werden.

Und dieses Heil können wir nachher bei der Kommunion mit unseren Händen greifen.

Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch