Predigt von Richard Baus, 20.12.2015

Lk  1, 39-47

Liebe Schwestern und Brüder,

das Evangelium hat uns gerade eine wunderschöne Begegnungsgeschichte erzählt.

Zwei Frauen begegnen sich: Maria und Elisabet. Die eine schon hochbetagt, die andere sehr jung. Und eines verbindet sie miteinander: Beide sind schwanger. Schwangerschaften, die eigentlich gar nicht möglich sein können. Wer die Bibel gelesen hat, weiß dass; denn die Hl. Schrift betont, dass Maria mit keinem Mann zusammenlebt - und von Elisabet sagt sie, dass sie unfruchtbar ist - und, wie gesagt, in vorgerücktem Alter.
Und nun sind beide schwanger. Schwangerschaften, die sagen wollen:

Hier geschieht nicht, was Menschen wollen, sondern hier geschieht, was Gott will. Hier kommt nicht das zum Tragen, was Menschen „machen“ und leisten können, sondern das,  was Gott schenkt.  Hier kommt nicht etwas aus uns, sondern hier kommt etwas zu uns. Ja, hier nimmt die Liebe Gottes Gestalt an. Hier beginnt das Reich Gottes. Aber dieses Reich Gottes ist kein besonderer Ort irgendwo in der Welt, zu dem man hinpilgern könnte, sondern das ereignet sich überall dort, wo Menschen ihm Raum bieten, wo Menschen JA sagen können zu Gott. Wo Menschen Gott so einlassen in ihr Leben, dass er in ihnen Mensch werden kann.

Ja, Maria trägt den Himmel in ihrem Leib. Und sie ist so erfüllt von diesem Himmel, dass sogar ihr Gruß diesen Himmel spüren läßt. Denn als sie Elisabet begrüßt, regt sich vor Freude das Kind im Leib der Elisabet.

Eine Begegnung, die gelingt. Eine Begegnung, die etwas verändert - denn sie öffnet füreinander.

Begegnungskultur, von der wir lernen können.

Liebe Schwestern und Brüder, 

von Maria hören wir relativ wenig in dieser kurzen Szene. Nur dass sie ins Bergland von Judäa „eilt“, wohl um Elisabet beizustehen. Sie eilt, sie beeilt sich, denn sie will da sein, wenn sie gebraucht wird. Nicht zu spät kommen. Die Verwandte nicht ohne Hilfe lassen. Die eigenen Dinge zurückstellen und sich anderen zuwenden. Nicht der Terminkalender entscheidet, sondern das Herz.

Nicht die eigenen Probleme beschäftigen so, dass man bewegungslos und starr wird, sondern der Blick über sich selbst hinaus läßt offen und hellhörig werden für das, was andere brauchen -- und macht einem Menschen Beine.

Liebe Schwestern und Brüder,

wo ich mich von meinen eigenen Vorstellungen und Ideen einmal lösen kann, da schaffe ich den Raum, den Freiraum, in den andere bei mir ankommen und einziehen können. Wo ich nicht besetzt bin von mir selbst, wo ich mich nicht nur um mich selbst drehe und nicht höllisch darauf achte, dass ich auch alles bekomme, was ich will und dass auch alles so läuft, wie ich es haben will, dort mache ich Platz für den Himmel -- für einen Himmel, der auf die Erde kommen kann. Da mache ich Platz für Gott, der sich mir schenken will - und der so in mir Mensch werden kann.

Vielleicht wird Maria deshalb so oft mit einem Buch dargestellt. 

Ein Buch, das mit absoluter Sicherheit kein Terminkalender ist, sondern die Bibel. Da Maria mit ebensolcher Sicherheit gar nicht lesen konnte, ist dieses Buch das Symbol für eine Haltung in ihrem Leben: Maria konnte sehr wohl beten und meditieren. Maria konnte still werden vor Gott - so dass er zu ihr sprechen - und sein Wort an ihr geschehen konnte.
Maria war wohl so offen, dass niemand „draussen“ bleiben mußte - weder Gott, noch Elisabet. Und so ansprechbar, dass sie sofort hin-„eilen“ konnte, wenn sie einen Anspruch wahrgenommen hat.Ein Mensch, über den man in der Tat jubeln kann, so wie Elisabet es tut.

Maria und Elisabet. 

Zwei adventliche Menschen.
Durch sie kann Weihnachten werden, weil sie nicht festgelegt, sondern ansprechbar sind.

Nicht durchgeplant und unbeweglich, sondern sie können sich überraschen lassen - von Gott und von Menschen - und dann so reagieren, dass sie den Himmel zu den Menschen bringen können.

Menschen, die ihre Türen öffnen können, so das Begegnung möglich wird.
und wo Begegnung möglich ist, dort ist auch Frieden möglich.
Der Friede, den Weihnachten uns schenken will, der Friede Gottes, der die Welt verändern kann -- der aber eines braucht:

Adventliche Menschen.
Menschen deren wichtigstes Buch wohl doch nicht der Terminkalender ist, sondern die Bibel; das Buch mit den spannenden Liebesgeschichten zwischen Gott und den Menschen.
Adventliche Menschen, die nicht immer erst mal vertrösten auf später, sondern die so viel Himmel im Leib haben, dass sie auch mal „eilen“ können ---- besonders dann, wenn es um die Menschen geht, um Menschen, die Hilfe brauchen.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch