Predigt von Richard Baus zum 4. Fastensonntag, 6.3.2016

Lk  15, 1-3.11-32

Liebe Schwestern und Brüder,

Das heutige Evangelium ist mir unter zwei Überschriften bekannt.

Die erste Überschrift stammt aus meiner Kindheit. Sie lautet: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn.Und sie steht im Zusammenhang mit der Vorbereitung zur Erstbeichte. Dort hatte nämlich dieser Sohn seinen festen Platz, der sich sein Erbe auszahlen lässt und dann sein Glück versucht. Leider setzt er wohl auf die falschen Pferde, denn ihm geht alles schief. Dass er wirklich böse Dinge getan hat, steht nicht drin in unserer Bibel.

Dass er das Geld mit Dirnen durchgebracht hat, das scheint sich in der Fantasie des älteren Bruders abzuspielen. So stellt der es sich jedenfalls vor.

In der Bibel steht nur, dass er in Saus und Braus lebte. Und auf einmal war das Geld alle.

Er ist tief gesunken, denn er muß Schweine hüten. Schweine sind für fromme Juden unreine Tiere. Anscheinend ist er bei den „Heiden“ gelandet, denn nur Heiden essen Schweinefleisch.

So wirklich schlecht scheint der junge Mann tatsächlich nicht zu sein, im Gegenteil: Er ist eigentlich hoch anständig. Er würde so gerne von diesem Schweinefraß essen, aber er tut es nicht, weil niemand ihm davon etwas gibt. D.h. Er respektiert das Eigentum der anderen. Er nimmt sich nichts von dem, was ihm nicht gehört – obwohl der Hunger ihn fast umbringt.

Und dann beginnt dieser Prozeß, der damals für den Beichtunterricht so wichtig gewesen ist: Der jüngere Sohn geht in sich. Er bereut, was er getan hat. Er macht sich einen Plan: Er will nach Hause zurückgehen zu seinem Vater,  um ihm zu sagen, dass er gesündigt hat und nicht mehr wert ist, Sohn dieses Vaters zu sein. Er soll ihn als Tagelöhner bei sich aufnehmen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich muß gestehen, dass ich mich als Kommunionkind da immer schon ein wenig gewundert, dass hier von Umkehr gesprochen wurde und sogar von Buße. Denn die Motivation für seine „Umkehr“ liegt ja im Grunde gar nicht so sehr darin, sich mit den Vater wieder auszusöhnen und da wieder etwas gutzumachen, sondern der Grund für seine Umkehr ist sein Hunger. Er will endlich mal wieder satt werden. Er will endlich  nicht mehr länger hungern müssen. Und bei seinem Vater, da gibt es genug zu Essen. Also nix wie dorthin zurück!

Und dann kommt es zu dieser wunderschönen Szene, die so unerwartet ist: Auch wenn wir alle vom „verlorenen Sohn“ sprechen – der Vater hat ihn aber wohl noch gar nicht für verloren erklärt -  sondern er wartet immer noch auf ihm. Und weil er wartet und Ausschau hält,  sieht er ihn schon von weitem komme. Er hat Mitleid mit ihm - und er läuft ihm entgegen.

Liebe Schwestern und Brüder;

das ist eine Stelle in diesem Evangelium, die für einen Orientalen damals, vielleicht sogar auch heute noch, total verrückt sein muß. Denn was dieser Vater da macht, so etwas tut im Orient ein Familienoberhaupt nicht.

Der läuft einem weggelaufenen und abgerissenen Sohn nicht entgegen, denn damit verliert sein Ansehen. So ein Vater, ein Familienoberhaupt, der muß im Haus sitzen bleiben bis der Sohn zu ihm kommt. Der muß abwarten, bis der Sohn sich vor ihm auf den Boden geworfen und seine ganze Schuld bereut hat. Der will das Schuldbekenntnis hören, um dann diesem Sünder vielleicht noch mal vergeben zu können – zumindest dann, wenn der bereit ist, eine Strafe auf sich zu nehmen und sie abzubüßen.

D.h. da muß eigentlich alles genau so ablaufen, wie wir das aus der Beichte kennen. Umkehr, Reue, Schuldbekenntnis, Buße – das ganze „Programm“. ber all das macht dieser Vater, von dem Jesus erzählt,überhaupt nicht. Dieser Vater ist total anders: Er wartet nicht ab, sondern er läuft dem Sohn entgegen. Und als der Sohn anhebt, seine Schuld zu bekennen, da will der Vater das nicht einmal hören, sondern er nimmt ihn in die Armen und befiehlt sofort den Knechten alles herbei zu holen, womit der dem Sohn seine Würde wiedergeben kann: Ein Gewand, Schuhe und einen Ring. Und dann wird gefeiert. Sogar das Mastkalb wird geschlachtet. Und dann ist alles wieder gut.

Liebe Schwestern und Brüder,
und genau das ist die Stelle, an der dann für mich die andere Über- schrift für dieses Gleichnis auftaucht: Das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Denn darauf läuft dieses Gleichnis ja hinaus. Es will Gott beschreiben, Gott und dessen Handeln.  Und dieser Gott ist einfach nur barmherzig – und sonst gar nichts. Der kann vergeben und mehr noch, er kann sogar vergessen. Und was war, das will er nicht einmal wissen. Ihm genügt es, wenn der Sohn zu ihm zurückkommt. Egal aus welchen Motiven – und wenn es nur der Hunger ist. Hauptsache er ist da! Hauptsache, er kann ihn beschenken!

Ich sprach eben meine Erinnerung an die Erstbeichte an. Die Beichte: Wie erleben Sie die? Ist es für Sie Bußsakrament – oder Sakrament der Vergebung.

Steht bei Ihnen all das im Vordergrund, was der Mensch da alles machen und leisten muss,  – oder können Sie auf das schauen, was Gott uns schenkt?

Ist die Buße das wichtigste – das, was weh tun muß? Oder ist die Vergebung das wichtigste – das, was guttut, was heilt und aufrichtet?

Ich denke, für Jesus ist es klar.  Der Vater den er beschreibt,  der will keine Leistung, sondern er will heilen. Der braucht keine Opfer und keine Buße, sondern dem geht es um die Barmherzigkeit.

Und wenn uns als Kirche die Beichte so wichtig ist und wir sie wieder neu beleben wollen, dann darf sie sicher nicht an den alten Vorstellungen von Buße stehen bleiben, die einen Menschen u.U. klein machen können und ihm Angst einjagen, sondern dann muss sie sich neu orientieren – und zwar an diesem liebevollen und barmherzigen Vater, der seinen Sohn nicht groß mit einem Schuld-bekenntnis quält und Reue fordert, sondern der sofort vergeben kann, sobald er den Sohn schon von Weitem zurückkommen sieht.

Und dann müssen sich auch die Priester an diesem barmherzigen Vater ein Muster nehmen. Nicht umsonst sagte Papst Franziskus unlängst: Wenn ein Priester nicht barmherzig sein kann oder nicht barmherzig sein will, dann soll er zu seinem Bischof gehen und sich eine Arbeit in der Verwaltung geben lassen – aber bitte nicht mehr in den Beichtstuhl gehen, denn dort wird mehr Böses anrichten als Gutes tun.

Liebe Schwestern und Brüder,
das Gleichnis vom barmherzigen Vater als Vorbild für die Seelsorge, und auch Vorbild für die Beichtseelsorge. Wer im Auftrag des Herrn dort handeln will, der muß barmherzig sein und zärtlich – Weil Gott so ist – und weil nur Barmherzigkeit wirklich versöhnen kann.

Und dennoch gibt es in diesem Gleichnis einen „verlorenen Sohn“. Überraschenderweise ist es nicht der, der weggelaufen war, sondern der, der brav zu Hause geblieben ist und dort alles richtig gemacht hat.

Wenn Sie sich erinnern: Er kann den Vater nicht verstehen. Mit so viel Liebe kommt er nicht zurecht. Der, der doch schon alles gehabt hat, der bekommt schon wieder alles. Und er? Er war doch brav und gut. Ist er jetzt nicht der Dumme?

Er will den Vater anders: Hart und unbarmherzig gerecht.

Der Vater soll so sein wie er in seinem Inneren ist: nämlich gerecht. Und zwar gnadenlos gerecht. Wer etwas falsch gemacht hat, der muß bestraft werden und der muß Buße tun. Und wer gearbeitet hat, wer „brav“ war, der muß belohnt werden, und nur der.
Aber da der Vater so ganz anders ist, kann er sich nicht mit dem Vater freuen über die Rückkehr seines Bruders und er kann nicht mitfeiern. Er bleibt draußen vor der Tür.

Und so ist er es, den der Vater verloren hat.

Tragisch.

Und ich fürchte: Solche „verlorenen Söhne und Töchter“ gibt es viele -- auch in unserer Kirche. Jene, die sich selbst für besser halten als andere – weil sie sich ja so viel Mühe gegeben haben. Und die am Ende total ohne Erbarmen sind mit denen, die was falsch gemacht haben – die aber dann doch umkehren wollen.

Und die es dann nicht aushalten, dass Gott barmherzig ist – so barmherzig, dass sie fürchten müssen, sie selbst kämen am Ende zu kurz.

Der barmherzige Vater, der so anders tickt als wie es uns denken – und so anders als wir oft selber sind … Eine Herausforderung.

Ja,  sie will in der Tat etwas herausfordern – nämlich uns -- und unser Erbarmen mit denen, die umkehren – warum auch immer. Und wenn es nur wegen des Hungers ist, wegen des Hungers nach Leben.

Weil Gott auch mit ihnen Barmherzig ist.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch