Predigt von Schwester Eva-Maria Durchholz zum 4. Ostersonntag, 17.4.2016

4. Ostersonntag

Vor einiger Zeit – es liegt schon eine Weile zurück – da hatte ich ein Erlebnis, das ich wohl nie vergessen werde. Ich war spätabends mit dem Zug unterwegs. Es war längst dunkel und ich musste umsteigen. Mein Bahnsteig, auf dem ich auf den Anschlusszug wartete, war ziemlich menschenleer. Ein Betrunkener kam daher. Und noch während ich mich hilfesuchend umsah, wankte er auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen: „Glaubst Du an Gott?“, fragte er mitten in meinen Schreck hinein. Auf alles Mögliche – nur darauf war ich nicht gefasst. Ich hatte Angst und Abwehr - aber nicht erwartet - in dieser Situation mit einem Betrunkenen über meinen Glauben zu reden. Verwirrt und völlig überrascht, sagte ich einfach nur: „Ja“. Da sagte er: „Mensch, Du hast’s gut“. Erst in diesem Augenblick sah ich ihn richtig an. Sein Gesicht war müde. „Mensch, Du hast’s gut“, sagte da einer mit einem müden Gesicht, weil ich gesagt hatte, dass ich an Gott glauben kann. Vielleicht wollte er damit sagen, was er vermisst:

-           ein Fundament, das trägt

-           eine Hand, die aufrichtet

-           ein Herz, das tröstet

-           jemand, der mit mir durchs Leben geht, so richtig durch dick und dünn, auch wenn es krumm und schief wird.

 

Ist das nicht letztlich das, was Jesus uns heute – und nicht nur heute – im Evangelium zusagt, wenn er sagt: „Sie werden niemals zu Grunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen … und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen“. Das sagte uns ja ein Gott zu, den nichts und niemand jemals daran hindern kann, uns zu lieben – und zwar ganz persönlich, denn er kennt uns – jeden von uns, ganz persönlich.

Nun – leider kann für uns das Kennen auch zwiespältig sein. Es kommt immer darauf an, wie ich es gebrauche. Ich kann damit ausdrücken: du, ich weiß um deine Sorgen und um deine Freude, um deine Einmaligkeit und dass du immer viel mehr bist als ich ahne. Es kann mir damit zugesagt werden: da ist jemand, die glaubt an mich, die hat ein solches Vertrauen zu mir, dass auch ich mir wieder neu etwas zutrauen kann, dass in mir neue Kräfte wachsen können.

Ich kann aber mit „Kennen“ leider auch ausdrücken, dass ich jemanden festlege: den kenne ich schon, sagen wir dann nur allzu leicht dahin. Damit sperre ich den anderen ein in meine Gedankenbilder, stemple ihn ab und lasse ihm eigentlich keine Chance mehr. Vor einem solchen Kennen haben wir zu Recht Angst. Es ist nur zu verständlich, wenn es uns dann lieber ist, dass uns die anderen nicht so gut kennen. Und vielleicht erklärt sich von daher auch so manche Angst vor Gott. So manchem von uns ist in der Kindheit auch vor diesem Aufpasser Gott, der alles sieht und weiß, Angst gemacht worden.

Doch gerade dazu enthält unser heutiges Evangelium eine klare Absage. Denn mit Jesu „ich kenne sie“ ist ja die wunderbare Zusage verbunden: „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals mehr verloren gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.

Ich gebe ihnen ein Leben in Angstfreiheit und Fülle – heißt das. Was für eine Zusage! – „Mensch, haben wir es gut!“ Wir haben es gut, denn da sagt uns Jesus zu: du bist auf ewig bei mir anerkannt – mit all deinen Gaben. Du bist nicht dazu verurteilt, für ein paar Jahre auf der Bühne dieser Welt eine kleine Statistenrolle zu spielen, um dann – eines Tages – wieder abzutreten und in Vergessenheit zu geraten. – Nein – du wirst niemals verloren gehen. Nichts von dir wird jemals verloren gehen, auch nichts von dem, was erst noch unerkannt, keimhaft, unentfaltet in dir möglich ist. Ich gebe dir ein Leben in Fülle, beglückend für immer. Es beinhaltet:

-           bei mir bist du angesehen, auch wenn du dich sonst nur als kleines Rädchen fühlst,

-           ich selbst gebe dir deine Würde, ich glaube an dich.

-           Ich bin und bleibe ganz persönlich mit dir verbunden.

-           Ich liebe dich, sage ja zu dir, gebe dir Anteil an meinem österlichen Leben.

 

Dieses Kennen ist nicht wie ein Gefängnis, in das ich eingesperrt werde, oder wie eine übermächtige Kontrollinstanz, vor der ich ohnedies keine Chance habe. Es ist vielmehr wie die Sonne. Unter ihrem Schein blüht alles auf. Was bislang verloren war, kommt ans Licht; aber nicht im Sinne einer Preisgabe meiner Schwächen, sondern so wie jetzt im Frühling: das, was noch verborgen in der Erde oder keimhaft an Stämmen und Ästen war, kann aufsprießen und sich entfalten. Ich kann wachsen und entfalten, was an Möglichkeiten in mir ist.

Jemandem, der mich so kennt, dem kann ich mich öffnen und freien Herzens anschließen. Das war die Erfahrung der Männer und Frauen um Jesus, als sie sich auf seinen Ruf einließen. Das war die Erfahrung von Franziskus und Mutter Rosa. Das war auch die Erfahrung von Frauen und Männern in der Nachfolge Jesu bis heute. Darum heißt es im Evangelium: „Meine Schafe hören auf meine Stimme, ich kenne sie und sie folgen mir nach“.

Mit diesem Bild lädt Jesus uns immer wieder neu ein, seine Freundschaft anzunehmen, die Größe seiner Liebe zu uns zu entdecken und unser Leben ganz weit auf ihn und seine Lebensweise hin zu öffnen. Er lädt uns ein, mit ihm den Weg des Lebens zu gehen, ihm nachzufolgen.

In ihm hat unser Leben Sinn, haben wir einen Halt, wissen wir uns geborgen. „Mensch, haben wir es gut!“ Wo uns dies immer wieder bewusst wird und wir diese Zusage, diese Hoffnung, einander weiter schenken, kann unter uns ein Klima wachsen, das es Menschen auch heute erleichtert, Jesus in der eigenen Mitte zu entdecken, auf seine Stimme zu hören und ihm nachzufolgen – sei es im allgemeinen Priestertum aller Getauften oder als geweihter Priester, sei es in der Ehe oder im Ordensleben. Gott, der uns kennt, wird seine Antwort darauf nicht versagen und auch heute Menschen seine Stimme hören lassen.

Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch