Predigt von Richard Baus zum 5. Ostersonntag, 24.4.2016

Joh 13,31-33a.34-35

Liebe Schwestern und Brüder,

woran erkennt man einen Christen? Ich meinen jetzt nicht einen, der nur dem Taufschein nach einer ist, sondern der versucht, auch als Christ zu leben – weil er Jünger dieses Jesus sein will?

Jesus selbst gibt uns die Antwort auf diese Frage. Und die ist schon fast überraschend.

Denn er nennt als Erkennungsmerkmal nicht all die Dinge, die uns vielleicht zuerst in den Sinn kämen, weil wir das mit „Frömmigkeit“ gleichsetzen würden – z.B.  häufiger Gottesdienstbesuch, ausdauerndes Gebetsleben, die regelmäßige Beichte oder so was, sondern er nennt die Liebe.

"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid,

wenn ihr Liebe habt zu einander".

Die LIEBE als Erkennungszeichen der Christen. 

Erstaunlich, oder? Und es wird noch besser: Nach dieser Stelle im Johannes-Evangelium geht es auch nicht um die Liebe, die wir zu Gott haben, sondern um die Liebe, die wir den Menschen gegenüber haben.

In der Tat, da sagt dieser Jesus in seinem neuen Gebot wirklich nicht: Liebt Gott, liebt mich,  sondern er sagt:  Liebet einander.
An der Liebe, die ihr zueinander habt, daran wird man euch erkennen.

Und manch einer wird fragen: Ist das schon alles? Ist das nicht doch zu „flach“, zu horizontal? Haben Sie da vielleicht doch etwas übersehen? Wo bleibt da Gott???

Nein, ich habe nichts übersehen.
Aber keine Angst: In dem, was Jesus da sagt und wie er es sagt, da ist Gott ja nicht außen vor, sondern Gott ist mitten drin
Denn Jesus selbst, er, der Sohn Gottes ist ja der Maßstab für diese Liebe, die wir zueinander haben sollen. 
Liebet einander, wie ich euch geliebt habe – so sagt es der Herr.

Liebe Schwestern und Brüder,

wie der Herr uns geliebt hat, so sollen wir einander lieben

Und deshalb sollten wir an dieser Stelle schon fragen: Wie ist denn die Liebe, mit der Jesus uns geliebt hat? Was macht sie aus? Was macht sie so „besonders“?

Nun, wenn wir der Liebe Jesu, und damit der Liebe Gottes auf die Spur kommen wollen, dann müssen wir eigentlich nur das anschauen, was wir hier jetzt miteinander feiern: Unseren Gottesdienst.
Wir feiern einen Gott, der uns Menschen dient.

Wir feiern einen Gott, der uns Menschen immer wieder neu seine Freundschaft und seine Liebe anbietet,  dem keiner zu gering, zu alt, zu krank oder sonst was ist; wir feiern einen Gott, der uns nicht abschreibt, wenn wir etwas falsch gemacht haben und der uns nicht fallen lässt oder exkommuniziert, wenn wir uns anders entschieden haben als er es sich vielleicht für uns geträumt hat, sondern das ist ein Gott, der uns nachgeht -- so lange, bis er uns gefunden hat; wir feiern einen Gott, der nicht irgendwann sagt: So jetzt ist es aber Schluss, sondern der immer wieder einen neuen Anfang mit uns wagt und uns eine neue Chance gibt.

Ja, wir feiern einen Gott, der seinen Jüngern im Abendmahlssaal die Füße und nicht den Kopf gewaschen  hat --- und der immer wieder sein Brot mit uns teilt --- aber nicht als Belohnung, weil wir immer alles richtig gemacht haben und immer schön ordentlich und brav gewesen sind, sondern als Hilfe, als seine Hilfe für unser Leben und als seine eiserne Ration, damit wir den Weg mit ihm auch schaffen.

Das ist die Liebe, mit der er uns liebt.

Eine Liebe, die nicht aufhört, sondern die anhält - die sucht, weil sie heilen und retten will. 
Eine Liebe, die aus der Barmherzigkeit Gottes mit uns Menschen entspringt.
Barmherzigkeit. Mit diesem Wort lässt sich diese Liebe wohl am besten beschreiben und zusammenfassen.

Gott geht barmherzig mit uns um – weil er gar nicht anders kann als barmherzig zu sein – dann, wenn es um uns Menschen geht.
Denn Barmherzigkeit ist sein Name.
Gott ist Barmherzigkeit.

Und diese Barmherzigkeit, die soll man auch an uns entdecken und spüren – die soll deutlich werden in unserem Umgang miteinander, an unserer Liebe.

Und deshalb müssen wir hin und wieder Fragen: 

Wie sind wir denn? Was kommt da „rüber“, wenn man uns begegnet?
Sind wir einladend mit der Art Weise wie wir glauben und über Gott reden - oder schrecken wir ab?
Führen wir dauern nur Moralappelle und Forderungen auf den Lippen - oder kommen da auch freundliche und liebenswerte Worte aus unserem Mund?

Werden wir immer nur frömmer, um der Frömmigkeit willen --- oder werden wir in gleichem Maße auch menschlicher, liebevoller, barmherziger - und freundlicher - um Gottes- und der Menschen Willen????

Vielleicht ist das ja der Weg für unsere Kirche, und der Weg auch für unsere Gemeinschaft, um überhaupt Zukunft zu haben:
Nicht immer nur „frömmer“, noch mehr Vorschriften und Gesetze, sondern auch barmherziger, heilsamer und menschlicher zu werden,-- ohne Angst, am Ende vielleicht „zu menschlich“  zu werden. 

Denn davor hatte nicht einmal Gott Angst;
schließlich ist ja selbst Mensch geworden --- nicht nur ein bisschen,  sondern ganz und gar - bis zur Selbsthingabe,  bis es ihn alles gekostet hat - sogar das Leben –
aus lauter Liebe zu uns Menschen.

Und deshalb ist diese Liebe in unserer Kirche so wichtig: diese barmherzige, menschenfreundliche Liebe. Eine Liebe, die so gut bei den Menschen ankommt, dass sie sogar Wunden heilen und Schuld vergeben kann.

Weil der Herr uns so geliebt hat.

Und daran soll man auch uns erkennen:
Dass auch wir einander lieben - genau so wie er es gemacht hat. 

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch