Predigt von Richard Baus zum 6. Ostersonntag

Offb 21,10-14.22-23
Joh 14,23-29

Liebe Schwestern und Brüder,

da haben wir gerade eben eine Lesung aus der Offenbarung des Johannes gehört, in der das neue Jerusalem beschrieben wird - die neue Stadt, die vom Himmel herab auf die Erde kommt.
Eine Stadt, die vollkommen erbaut ist - und die glänzt durch ihr kostbares Baumaterial und ihr Ebenmaß.
Eines überrascht jedoch: Es gibt dort keinen Tempel. Kein Gotteshaus, keine Synagoge, keine Kirche.
Und man mag sich fragen: Wie geht das: eine Stadt Gottes - ohne Haus Gottes??
Ist das nicht enttäuschend, wo uns doch Kirchen so wichtig sind?

Liebe Gottesdienstgemeinde,

ich sage jetzt mal ganz mutig: Genau das ist es: Ent-täuschend!
Ja, unser Christentum will ent-täuschen... es will uns nämlich von der Täuschung befreien, Gott sei nur dann groß und mächtig, wenn unsere Kirchen groß und prächtig sind.
Unser Glaube will uns von der Täuschung befreien, wir Christen hätten nur dann Einfluss, wenn wir großartige Bauwerke haben und wenn unsere Kirchenleitungen sich wie Mächtige und Herrscher aufführen, wenn wir uns hofieren und bedienen lassen - und wenn die Äußerlichkeiten, der Prunk und Protz wichtiger werden als das Innere.

Nein, so will es wohl die Lesung deutlich machen, nicht an den Tempeln und Kirchen wird man Gott, den Herrn, erkennen, sondern an seinen Menschen. Denn dort will er wohnen.

Liebe Schwestern und Brüder,
das Johannesevangelium bringt es auf den Punkt. Da läßt der Evangelist Jesus zu seinen Jüngern sagen: Wer mich liebt und wer an meinem Wort festhält, den wird der Vater lieben - und wir werden kommen und bei ihm wohnen.

Ist das nicht erschreckend und aufregend zugleich: Ein Gott, der gar nicht in Tempeln wohnen will, sondern der in den Menschen Wohnung nehmen will.....


Ein Gott, der deshalb gar keinen Tempel braucht, sondern der Menschen bevorzugt; Menschen, die so leben, dass man an ihnen erkennen kann: Da ist Gott. Wo die sind und leben, da ist auch Gott gegenwärtig.

Ein Gott, der in Menschen wohnen will, damit sie zu  „Geistlichen“ werden. Geistliche, so sagte ich – und ich meine damit jetzt nicht Priester oder Bischöfe, sondern ein „Geistlicher“ kann jeder Mensch sein; jeder, egal ob Mann oder Frau, jeder. Die einzige Voraussetzung, um ein „Geistlicher“ sein zu können,  ist, dass da jemand in seinen Gedanken, in seinem Herzen, in seinem ganzen Leben Platz hat für Gott.

In wem Gott wohnen darf, der ist ein geistlicher Mensch.

Aber wenn Gott in den Menschen wohnt, dann muss es dort auch neue Wohnverhältnisse geben:
Dann muss auch Platz sein für ihn – damit Gott sich nicht als Gast, nicht als Besucher fühlt, mit dem man sich mal am Sonntagmorgen eine Stunde beschäftigt – und man dann hofft, dass er bald wieder weggeht – damit man weitermachen kann wie bisher – ohne Gott.

Nein, wenn er bleiben soll, dann muss er auch Raum haben.
Dann muss Gott auch in das Leben des Menschen hineindürfen - so dass er dieses Leben auch verändern und verwandeln kann. 

Liebe Schwestern und Brüder,

damit Gott in einem Menschen wohnen kann, muß dort auch Platz sein für den Frieden Gottes.

Für jenen Frieden,  der die Menschen verwandelt,
der sie friedlich und friedfertig macht, und zu versöhnten Menschen - denn die können eine ganze Welt verändern - sie zur Welt Gotes machen.

Damit Gott in einem Menschen wohnen kann, muß dort auch Platz sein für Barmherzigkeit.  Für jene Barmherzigkeit, die aufrichtet und Leben neu möglich macht; weil im Licht dieser Barmherzigkeit  nicht mehr das zählt, was war, sondern was sein kann – mit diesem Gott und durch diesen Gott;
Barmherzigkeit, die niemanden abschreibt oder fallen lässt, wenn er mal nicht fehlerfrei und perfekt gewesen ist, sondern die dem Verlorenen nachgeht – so lange bis er es findet.

Und damit Gott in einem Menschen wohnen kann, muß dort
auch die Liebe mit einziehen dürfen.
Jene göttliche Liebe, die immer wieder neu nach uns Menschen fragt, weil wir so wichtig sind für diesen Gott.
Für Gott gibt es nichts wichtigeres als den Menschen. Denn er selbst ist ja Mensch geworden.

Liebe Schwestern und Brüder,
Menschen, in denen Gott wohnen darf, die werden selbst zu einer neuen Schöpfung, zum Tempel seiner Herrlichkeit....
Und diese Menschen kann man spüren, wenn sie uns begegnen;  denn sie tun gut.  Sie sind ein Segen für andere – Menschen wie Franziskus und Klara,  wie Bruder Jakobus und Mutter Rosa, Menschen, die nicht um ihrer selbst willen leben, sondern –wie der Herr auch- um der anderen Menschen willen.

Menschen die diesen Gott nicht für sich alleine haben wollen, damit sie ihn festhalten können, sondern die Gott in sich wohnen lassen, damit sie ihn zu anderen bringen können – damit sie ihn zur Welt bringen können – zu einer Welt, die ihn braucht, damit sie durch ihn menschlicher – und göttlicher werden kann.

Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch