Predigt von Richard Baus zum 7. Sonntag nach Ostern

Joh 17, 20-26

Liebe Schwestern und Brüder,

der Abschnitt, aus dem wir gerade das Evangelium gehört haben, nennen wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu.

Jesus betet zum Vater.  Er bittet den Vater um die Einheit. So wie er im Vater ist, so sollen alle, die zu ihm gehören, auch im Vater und in ihm sein.

Wie ist das, wenn Jesus zum Vater betet? Sollte der Vater die Bitte seines Sohnes nicht erhören?!
Nun, wenn wir auf unsere Kirche schauen - und auf die vielen anderen christlichen Kirchen in der Welt, dann mag man doch so seine Zweifel haben. Anscheinend hat es nicht geklappt mit der Einheit, oder?

Nun, vielleicht wäre das mit der Einheit ja schon weiter, wenn wir ihr nicht im Wege stehen würden - mit unseren falschen Vorstellungen von Einheit -- weil wir ja immer meinen, Einheit hieße, dass es nur eines geben darf, also nur eine Kirche - und sicher denken wir dann gleich an unsere römisch katholische Kirche.

Vielleicht ist Einheit ja auch dann erreicht, wenn Einigkeit besteht zwischen den unterschiedlichen Kirchen. Dann, wenn wir uns nicht gegenseitig schief anschauen, sondern lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren und zu respektieren. Und wenn wir aufhören zu denken, die anderen Kirchen seien weniger „Wert“ als unsere - nur wir seien „die Wahre“.

Unlängst hat unser Papst in einem Interview zum Thema Einheit zwischen den Kirchen gesagt: „Wenn wir glauben, dass die Theologen sich einmal einig werden, werden wir die Einheit nach dem Jüngsten Gericht erreichen“. Und weiter meinte er, sogar der Teufel wisse ganz genau, dass die Christen im Glauben an Jesus Christus bereits vereint und schon längst Brüder und Schwestern seien. Deshalb mache er uns ja so viel Stress.

Und zum Schluß sagte er: Theologen sind hilfreich, wenn es um die Einheit gehe. Aber am hilfreichsten ist der gute Wille von uns allen, die mit offenen Herzen für den Heiligen Geist auf dem Weg sind.

Und so besucht er die lutherische Gemeinde in Rom. Er trifft sich mit Altkatholiken, mit Vertretern der Anglikanischen und Reformierten Kirchen. In Turin besucht er die Waldenser. Er reist nach Havanna, um Verträge mit der russisch-orthodoxen Kirche zu schließen und und und ...

Und dann tut er das ja nicht, um denen zu sagen, was sie falsch gemacht haben und dass sie nach Rom zurück zu kehren haben, sondern er tut es,  weil er sich mit ihnen verbunden fühlt – durch den Herrn Jesus Christus. 
Weil er weiß: Das sind unsere Geschwister. Diese Kirche haben alle denselben Herrn, eben Jesus Christus. Sie feiern dieselbe Taufe und halten das Mahl, wie Jesus es im Abendmahlsaal getan hat. Sie lesen alle aus demselben Neuen Testament. Und alle beten um denselben Hl. Geist.

Liebe Schwestern und Brüder,

da ist ein neuer Blick – ein liebevollerer Blick für einander als das früher war. Da ist man nicht mehr Konkurrenz, sondern da sind wir Geschwister.
Da legt man es nicht mehr drauf an, der anderen Kirche die Mitglieder wegzumissionieren, sondern man achtet die Entscheidung eines jeden Einzelnen, die ihn in seine jeweilige Kirche geführt hat.

Und wir lernen, nicht mehr von Spaltung zu sprechen, sondern von Vielfalt. Und das Ziel aller Bemühungen besteht nicht darin, diese Vielfalt zu beseitigen, sondern diese Vielfalt zu versöhnen – so dass es keinen Streit mehr gibt, sondern alle das suchen, was verbindet und vereint.

Es gibt diese schöne Geschichte von John Wesley (1707-1788), dem Begründer der evangelisch-methodistischen Kirche. Er hatte einen Traum. Er kam an das Portal zur Hölle und fragte: »Was für Leute gibt es denn bei euch? Katholiken?.« Antwort: »Ja, viele.« »Auch Anglikaner?« »Antwort: »Ja, viele.« »Auch Lutheraner, Reformierte, Baptisten, Presbyterianer, Orthodoxe?« Immer kam die gleiche Antwort: »Ja, viele.« »Etwa auch Methodisten?« »Ja, viele.« Betrübt ging Wesley weiter und kam an das Himmelsportal. Er klopfte bei der Auskunft und stellte die gleichen Fragen: »Sind hier Katholiken?« Antwort: »Nein, kein einziger.« »Anglikaner?« »Nein, kein einziger.« »Lutheraner, Reformierte, Baptisten…?« Und immer die gleiche Antwort: »Nein, kein einziger.« Zaghaft fragte er am Schluß: »Aber doch Methodisten?« Antwort: »Nein, kein einziger.« Erschrocken wollte Wesley nun wissen: »Ja, was für Leute sind denn im Himmel?« Antwort: »Hier gibt es nur Christen.«

Im Himmel sind alle Christen. 

Vielleicht  müssen wir mehr lernen, die richtigen Fragen zu stellen – damit auch alle eins sein können – und nicht Fragen stellen, die uns immer wieder neu voneinander trennen und die Kirchen von neuem spalten.

Wenn wir fragen: Wer ist Protestant? Dann wird nur ein Teil die Hand heben. Wenn wir aber fragen: Wer ist getauft? Dann werden alle Christen die Hand heben.
Wenn wir fragen: Wer ist Katholik? Dann werden wieder nur einige die Hand heben. Aber wenn wir fragen: Wer ist Christ? Dann werden wieder alle die Hand heben können.
Fragen wir doch: Wer betet das Gebet des Herrn, das Vaterunser? Denn dann können sich wieder alle melden.

Und lernen wir doch, dass mit dem Wort von der „katholischen“ Kirche in unserem Glaubensbekenntnis ursprünglich überhaupt nicht die römisch-katholische Kirche gemeint war, denn die gab es damals so noch gar nicht, sondern dass eine Kirche gemeint ist, die "allumfassend" ist, also den ganzen Erdkreis umspannt - dann müssen auch wir den Kreis schon gar nicht mehr so eng ziehen.
Denn Herr der Kirche ist und bleibt ja nun mal Jesus Christus - und sonst niemand. Und wenn einer die Kirche einen kann, dann ist es Gott selbst. 

Jesus betet um die Einheit. Es ist sein Gebet. Und wenn er den Vater bittet, dann wird der Vater ihn erhören.
Und deshalb dürfen wir sicher sein: Wir sind auf dem Weg zur Einheit.

Aber wir sollten uns der Erhörung des Gebets Jesu nicht in den Weg stellen - nur weil wir andere Vorstellungen von der Einheit haben als der Herr. Denn Gottes Geist weht ja bekanntlich wie ER will - und nicht, wie wir es ihm vorschreiben.

Und so könnte es tatsächlich sein, dass Gott in seinem Himmel schon längst viel weiter ist wenn es um die  Einheit geht, als wir uns das hier auf Erden vorstellen.
Denn er ist nicht ängstlich und nicht kleinlich - sondern sein Herz ist weit und seine Liebe kennt keine Grenzen..
Amen.

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch