Predigt von Richard Baus zum 9. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 7,1-10

Liebe Schwestern und Brüder,

der Dialog zwischen den Religionen ist ein wichtiges Thema in unseren Tagen.
Wie gehen z.B. Christen und Muslime miteinander um? Was fördert das Verständnis und den Frieden untereinander – und was führt zu Verdächtigungen und Unfrieden?

Das ist kein neues Thema. Schon in der Bibel taucht dieses Thema auf. Und auch im heutigen Evangelium haben wir so etwas gehört – in dieser Heilungsgeschichte.

Da spielt neben Jesus ein Hauptmann eine große Rolle. Einen Namen hat er nicht. Er ist einfach nur "der Hauptmann von Kafarnaum". Aber wir können ahnen, wer er ist: Er gehört zur römischen Besatzungsmacht in Israel, zu den Feinden der Juden also;  und dort ist er anscheinend ein „hohes Tier“.
Und: Er ist Nicht-Jude. Ein Mann also, der einer anderen Religion angehört - ein Heide, wie die Juden das nannten. Und das macht ihn noch einmal mehr zum „Feind“ in Israel.

Aber dann das Erstaunliche: Obwohl dieser Hauptmann eigentlich alle Kriterien erfüllt, die dazu führen können, dass er gehasst und gemieden wird  - er wird vom jüdischen Volk geliebt. So erfahren wir es gleich zu Anfang dieser Geschichte. Und das liegt wohl an seinem besonderen Verhalten, an seiner Sensibilität für die Menschen, unter denen er lebt.

Liebe Schwestern und Brüder,

mit wie viel Sensibilität muss dieser Mann begabt und ausgestattet gewesen sein, denn er, der für die Juden ja „nur“ ein Heide ist, ein „Hund“, so wie sie die Heiden nennen,  und auch noch ein Staatsfeind, hat für die Frommen von Kafarnaum eine Synagoge gebaut.

Wieviel Respekt muss er vor diesen Leuten gehabt haben, dass er weiß, dass diese Menschen, die sein Volk besetzt hält,  das Recht auf Ausübung ihres Gottesdienstes haben - weil Menschen ohne Glauben nicht leben können.
Und mit dieser Haltung gewinnt er Freunde in Kafarnaum. Er ist geachtet und beliebt.

Aber jetzt hat dieser Hauptmann selber ein Problem: Einer seiner Diener ist todkrank, einer, den er schätzt; einer, der ihm so viel Wert ist, dass er alles unternimmt, um ihm zu helfen. Und der einzige, der wohl noch helfen kann, ist dieser Jesus, von dem er gehört hat.

Liebe Schwestern und Brüder,

an dieser Stelle erfahren wir wieder etwas von diesem Respekt, den der römischen Hauptmannes Jesus gegenüber aufbringt: Er läßt Jesus nicht einfach abholen, er bestellt ihn nicht ein, wie man das in einem besetzten Land tun könnte, sondern er schickt Leute, die Jesus bitten sollen, doch zu kommen; und zwar jüdische Älteste, also angesehene und gewählte Mitglieder der Synagoge.

Aber nicht nur das. Als Jesus auf dem Weg zu seinem Haus ist, da schickt er ihm Freunde entgegen, die diesen Satz sagen, der so wunderschön und voller Glauben ist, dass wir ihn heute noch in jeder hl. Messe wiederholen: Ich bin nicht wert, dass du mein Haus betrittst. Sprich nur ein Wort, dann muss mein Diener gesund werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Hauptmann weiß, dass Jesus sein Haus eigentlich gar nicht betreten darf. Ein frommer Jude darf das Haus eines Heiden nicht betreten; das Gesetz verbietet das;  denn damit würde er sich verunreinigen; er würde vor den anderen Juden als Sünder dastehen.

Und genau das will dieser Hauptmann Jesus ersparen. Und deshalb geht er auch nicht selbst zu Jesus, sondern er schickt Freunde. Denn es würde auch kein gutes Licht auf Jesus werfen, wenn er sich mit einem Heiden auf der Straße sehen lässt - und wenn er einem Heiden dann auch noch hilft. Um Jesus alle Peinlichkeit zu ersparen, da nimmt der Hauptmann sozusagen alle „Schuld“ auf sich: Ich bin gar nicht wert, dass Du mein Haus betrittst.  Er selbst nimmt es auf sich, der „Unwürdige“ zu sein.

So viel Rücksicht! So viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität - um Jesus vor seinen eigenen Glaubensbrüdern zu schützen.

Aber dieser sensible Mensch hat dennoch einen Ausweg parat, so dass Jesus ihm trotzdem helfen kann:
Als Hauptmann weiß er um Befehlsstrukturen. Wenn einer, der etwas zu sagen hat, etwas befiehlt, dann wird es auch ausgeführt. Das ist bei ihm so - und dann muss das auch bei Jesus so sein. Denn für den Hauptmann besitzt Jesus eine absolute Hoheitsstellung. Für ihn ist Jesus der Herr, einer der von Gott kommt. In Jesus ist für diesen Hauptmann Gottes Kraft und Gottes Macht präsent.

Und wenn dieser Jesus, der Herr, auch nur ein Wort spricht, dann muss dieses Wort ausgeführt werden. Anders kann es doch gar nicht sein! Oder?
„Sprich nur ein Wort und mein Diener ist gesund.“ Nur ein Wort - und mehr ist gar nicht notwendig.

Und das ist eigentlich ein Glaubensbekenntnis. Ein Glaubensbekenntnis aus dem Mund eines sogenannten „Ungläubigen“. Ein Glaubensbekenntnis, das selbst Jesus zum Erstaunen bringt.  Denn einen solchen Glauben hat er selbst im eigenen Volk noch nicht gefunden. Der Glaube eines Heiden, der sogar Jesus regelrecht „umhaut“ - so dass Jesus gar nicht anders kann als den Wunsch zu erfüllen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Dein Glaube hat dir geholfen“, so hören wir Jesus öfter im Evangelium sprechen; und einige Male spricht er so auch zu Nicht-Juden.
Und wir dürfen daraus lesen, dass Glauben für Jesus wohl nicht heißt: alles zu wissen, was in frommen Büchern steht; nicht alles nachbeten zu können, was in einem Katechismus steht, sondern eine Hoffnung zu haben, meine eigene Hoffnung darauf, dass da ein Gott ist, der mich hört; dass da ein Gott ist, auf den ich alles werfen kann – und Vertrauen zu haben, dass dieser Gott mich hört - egal wie ich ihn nenne. Egal welchen Namen ich für ihn habe.
Es geht nicht um den Glauben, den eine Glaubensbehörde in Rom absegnen würde, sondern um das, was ich selbst diesem Gott zutraue und wie ich mich ihm anvertrauen kann.

Und wenn dieses Vertrauen auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn. Es ist ja da. Und das genügt.

Spannend, dass eine solche „Heiden-Geschichte“ im Evangelium steht - und ein „Heide“ so gut darin wegkommt.

Nun, als das Evangelium aufgeschrieben wurde, da befand sich die junge  Kirche, die sich gerade ausbreitete,  in der Auseinandersetzung mit Anders-Gläubigen, mit Menschen, die für die Juden einfach nur „Heiden“ waren.

Und dieser jungen Kirche wollte der Evangelist wohl sagen: Zieht den Kreis nicht zu klein! Macht Eure Grenzen nicht zu früh dicht, wenn es um den Glauben geht. Seid nicht überheblich in Eurer eigenen Glaubenssicherheit.
Denn Gott ist größer als ihr denkt; er hat mehr Weite als ihr es euch vorstellen könnt, mehr Weite als eine Kirche es vielleicht manchmal zulassen will - und er ist den Menschen näher als ihr glaubt - auch denen nahe, die ihr vielleicht argwöhnisch betrachtet, weil sie anders leben, anders beten und einen anderen Namen haben für diesen Gott.

Aber Gottes Heil ist überall.
Denn er ist weder Christ, noch Jude, noch Moslem – sondern er ist Gott,
und zwar der Gott aller Menschen.

Und wenn wir es lernen, einander genau deshalb zu achten, weil er der Gott aller Menschen ist; 
wenn wir einander genau deshalb respektieren, wegen unseres Gottes und miteinander im Dialog bleiben, dann kann Gott auch unser Friede sein.
Lernen dürfen wir das von einem heidnischen Hauptmann.

Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch