Predigt von Richard Baus zum Fest Allerheiligen

Mt 5, 1-12a

 
Liebe Schwestern und Brüder,

gerade haben wir die Seligpreisungen nach dem Matthäus-Evangelium gehört.
Ein schönes Jesus-Bild, das der Evangelist uns da malt: Ein Jesus, der die Armen und Hungernden in den Blick nimmt; ein Jesus, der ein Herz hat für die Trauernden und Hintangesetzen.
Ein liebevoller Tröster für die Versager und Verachteten – für alle, die sich alleine wohl nicht mehr helfen können. Ja, ein Heiland für die ganze Welt. Einer, der den Nächsten liebt.

Und damit malt der Evangelist auch ein ziemlich neues Gottesbild -
zumindest neu für die Welt, in die dieses Christentum sich gerade ausbreitete – für die „Heiden“.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

bei diesen sogenannten „Heiden“ sahen die Götter so ganz anders aus. Bei den Griechen und Römern zum Beispiel gab es eine Gottheit für den Krieg. Eine für die Weisheit. Einen Gott für Schönheit und Kunst. Eine Göttin für die Erotik.
Für die Nächstenliebe gab es keinen Gott. 

Und die Lieblinge dieser Götter waren die Schönen, die Starken, die Durchsetzungsfähigen, die Erfolgreichen.

Schwache und Trauernde, Hungernde und Erfolglose, Menschen mit Handikap oder Ungebildete – die mussten schon selber sehen, wie sie zurechtkamen.
Um solche Menschen haben die Götter der Antike sich nicht gekümmert. Und die Menschen, die ja an diese Götter glaubten, auch nicht.

Da ist es schon revolutionär, wenn da nun ein Jesus kommt und einen ganz anderen Gott verkündet – und wenn er sich mit besonderem Erbarmen und besonderer Liebe all denen zuwendet, die sonst wo unter den Tisch gefallen sind – und genau denen den Himmel verspricht.

Ein Jesus, der aber auch von denen, die ihm nachfolgen wollen, genau dasselbe erwartet:

Seid barmherzig, wie Gott, euer Vater barmherzig ist.
Kümmert euch um die, die schwach sind und hungrig, die unfair behandelt oder unterdrückt werden.

Seid für die da, die sonst keinen haben - und seid ihnen Stütze und Hilfe - denn dann seid ihr Töchter und Söhne eures Vaters im Himmel, dann gehört ihr zu den Heiligen Gottes.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich denke, hier kann noch einmal neu deutlich werden, wer oder was Heilige sind.
Heilige, das sind nicht irgendwelche Sonderlinge, die eigentlich zu gut sind für diese Welt, sondern das sind Frauen und Männer, die mitten in der Welt stehen und die versuchen, diese Welt zu verändern.

Heilig wird ein  Mensch nicht, indem er die Naturgesetze außer Kraft setzen und wunderliche Dinge tun kann, die übermenschlich sind, sondern indem einer das tut, was ihm möglich ist - weil es menschlich ist:

Im zweiten Teil der Seligpreisungen wurden diese Dinge genannt:
Selig, die keine Gewalt anwenden, sondern die sich mit Liebe den Menschen zuwenden können - nicht mit Gewalt, sondern mit dem Herzen.

Selig, die Hunger und Durst haben nach Gerechtigkeit; Menschen, denen nicht alles egal ist, was in dieser Welt passiert, sondern die dafür eintreten, dass es Gerechtigkeit gibt; dass man Menschen nicht das wegnimmt, was Gott ihnen zugedacht hat - weil das den Interessen der Großen und Mächtigen dient, sondern die dagegen Protest machen. Und das hat mit Politik zu tun. Kirche muss auch politisch sein. Muss „nein“ sagen können, wenn es im unserer Welt unmenschlich wird, unmenschlich und gottlos, nur damit bei anderen die Kasse stimmt.

Selig die barmherzig sind, so hieß es dort. Denn nur die werden Erbarmen finden.
Barmherzigkeit ist einer der Wesenszüge Gottes. Barmherzigkeit, ist noch größer ist als die Gerechtigkeit, weil dort auch noch die Liebe mit ins Spiel kommt.
Gerechtigkeit, die kann man erkämpfen - und dafür muss man auch kämpfen.
Aber Barmherzigkeit, die kann man nur schenken - wenn das Herz noch größer ist als das Gesetz. Wenn die Liebe noch größer ist als das Rechnen und Abrechnen. Denn Barmherzigkeit schenkt neue Anfänge - dort, wo die Gerechtigkeit schon längst an ihre Grenzen gekommen ist.
Aber die kann nur einer schenken, der selbst barmherzig ist.

Selig, die Frieden stiften, so haben wir gehört. Was gibt es Schöneres als Menschen, von denen Frieden ausgeht. Menschen, um die man nicht einen Bogen machen muss, weil man schon weiß, dass das erste Wort, dass sie sagen werde, eine Gehässigkeit oder eine Boshaftigkeit ist.
Sondern wenn es ein Mensch ist, der wohlwollend ist. Wohlwollend und wohltuend - und von dem man anders weggegangen ist als man gekommen ist: Nämlich freudiger, beschenkter und fried-voller.
Menschen, die ein Stück des Himmels in sich tragen, weil sie sich von Gott haben berühren und erfüllen lassen.

Menschen, die dadurch auch die Kraft haben, es auszuhalten, dafür belächelt oder verspottet zu werden - oder gar verfolgt. --- weil ihnen dieser Himmel, den sie in sich tragen, wichtiger ist als das Lob irgendwelcher Menschen, die sich groß aufspielen und meinen, sie müssten die Welt regieren.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

unsere Heilige, das sind Menschen, die sich anstecken lassen von diesem barmherzigen und liebevollen Jesus, der sich nicht auf die Seite der Mächtigen schlägt, sondern auf die Seite der Schwachen;
der nicht mit den Siegern und Gewinnern aufs Foto will, sondern mit den Verlierern und den Zukurzgekommenen.

Und dessen Herz nicht beim Anblick der Schönen und Erfolgreichen höher schlägt, sondern dessen Herz für die Kleinen und Schwachen schlägt.
Und der die in die Mitte stellt, die die anderen schon längst an den Rand gedrängt haben.

Heiligkeit, die der Herr meint, hat sicher ganz wenig zu tun mit überhöhter Frömmigkeit, mit radikaler Sündlosigkeit oder übernatürlicher Reinheit, aber dafür ganz viel mit Liebe, mit Barmherzigkeit und Geduld, mit Bereitschaft zum Teilen und Schenken und Verzeihen -

auch wenn man sich dabei, wie es der Papst einmal sinngemäß formuliert hat, mal die Hände schmutzig macht und wenn die Karosserie der Kirche mal ein paar Beulen abbekommt.

Hauptsache, durch einen Menschen ist ein bisschen mehr an  Liebe, ein bisschen mehr Barmherzigkeit und ein bisschen mehr Frieden in die Welt gekommen.

Und dann ist er mit Sicherheit ein Heiliger.

Amen

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch