Predigt von Richard Baus zum Neujahrstag, 1.1.2016

Lk 2, 16-21

Liebe Schwestern und Brüder,

an diesem Neujahrsmorgen klingt noch einmal die Weihnachtsgeschichte an - und es ist von den Hirten die Rede, die nach Bethlehem gegangen sind, um das Kind zu schauen.

Das ist eine der „Merkwürdigkeiten“ der Weihnachtsgeschichte: Die Tatsache, dass die Engel die Botschaft von der Geburt des Kindes von Bethlehem zuerst den Hirten verkünden.

Warum ist das merkwürdig? Nun, weil Hirten in der damaligen Zeit keine „Vorzeigemenschen“ waren. Im Gegenteil. Hirten gehörten eigentlich zu den Randfiguren der Gesellschaft --- denn sie konnten ja die viele religiösen Vorschriften, auf die ein frommer Jude verpflichtet war,  nicht erfüllen - wegen ihres Lebens auf den Feldern. Und sie konnten nicht in die Synagoge oder in den Tempel gehen. Deshalb zählte man sie zu den offensichtlichen „Sündern“. Sie waren Menschen, deren Dienste man zwar in Anspruch nahm, aber um die man einen großen Bogen machte. Mit denen setzte man sich nicht an den Tisch. Keine gute Gesellschaft! Und genau denen wurde nun zu allererst die Botschaft der Geburt des Retters verkündigt.

Liebe Schwestern und Brüder,
in der Tat merkwürdig: Die Botschaft der Engel wurde nicht in den Synagogen oder im Tempel verkündet, nicht den sog. Guten und Frommen, sondern diesen Hirten.
Euch ist heute der Retter geboren!“ so jubeln die Engel.
Euch, die ihr schief angesehen und verachtet seid. Um Euretwillen ist Gott in die Welt gekommen. Um Euch zu retten und heil zu machen wird Gott ein Mensch - in diesem Kind von Betlehem, in diesem Kind im Stall.

Liebe Schwestern und Brüder,
durch die Engel meldet sich ein Gott zu Wort, der wohl nur ein Ziel hat: Die Kleinen zuerst - und dann die Großen.

Die Sünder zuerst - und dann die Guten.
Die, die immer an den Rand geschoben werden, zuerst - und dann die, die eh schon in der Mitte stehen.

Und das scheinen diese Hirten zu begreifen, denn als sie alles gesehen haben und wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren, da rühmen und loben sie Gott, sie freuen sich - denn sie haben eine wunderbare Erfahrung gemacht:

In diesem Kind ist ihnen Gott begegnet. Und dieser Gott hat ihnen nicht, wie die Glaubenswächter ihrer Zeit, den Kopf zurechtgerückt, sondern er hat sie in diesem Kind angelächelt. Er hat ihr Herz berührt.

Er hat sie spüren lassen, wie wichtig sie ihm sind; so wichtig, dass sie die allerersten waren, die die Heilsbotschaft hören durften.
Ja, in diesem Kind ist Gott ihnen gnädig und barmherzig begegnet - und das verändert sie. Sie gehen anders zurück als sie gekommen sind. Gott hat ihnen die Würde geschenkt, die die Vorschriften und Gebote der Menschen ihnen genommen hatten. Sie sie nun „Menschen seiner Gnade“. Sie sind von Gott angesehen und geliebt. Und so können sie Gott rühmen und loben.

Liebe Schwestern und Brüder,
was für ein wunderschönes Bild! Wenn wir das auf unsere Kirche übertragen, dann hieße dass: Da gehen Menschen anders aus der Kirche raus als sie reingegangen sind: Erlöster.  Befreiter. Weil man ihnen eine gute Botschaft zugesprochen hat... Weil sie Barmherzigkeit erfahren haben. Und? Ist das so? 

Liebe Schwestern und Brüder,
Noch mal zurück zu den Hirten. Gott hat sich ihnen geschenkt, und zwar so wie sie waren. Sie mußten nicht erst was tun, nicht erst Vorschriften erfüllen, nicht erst zur Beichte gehen oder sonst was. Sondern sie konnten einfach hingehen und schauen - und sich beschenken lassen von Gottes.. bedingungslos, gratis - einfach aus Liebe.

Das ist der Beginn der frohen Botschaft. So steht es am Anfang des Lukas-Evangeliums, des Evangeliums der Barmherzigkeit. Und die Frohe Botschaft lautet: 
Da ist ein Gott für die Sünder. Ein Retter. Einer, der sich aufmacht, um die Verlorenen zu suchen - damit sie ihn finden können. Und zwar in einem Stall, in einer Krippe, auf Heu und auf Stroh. Dort, wo die Hirten mit ihren Schafen sind, wenn sie nicht auf der Weide sind. Da sind sie zu Hause.
D.h. doch: Gott kommt zu ihnen - ins Haus.

Niederschwelliger geht es nicht mehr.
Und genau das ist Barmherzigkeit. Das ist Liebe. Das ist Gottes Barmherzigkeit und Liebe.
Und diese Barmherzigkeit und Liebe, wird das ganze Leben dieses Kindes von Betlehem durchziehen. Ab jetzt heißt es für Jesus immer: Die Kranken zuerst. Zuerst die Schwachen. Zuerst die Sünder - und dann die anderen, die, die keinen Retter brauchen, weil sie sich alleine helfen können.

Und wenn Jesus so ist, dann muß seine Kirche doch auch so sein - dann müssen wir doch so sein -- dort, wo wir leben - und wo Gott uns braucht, um genau diese frohe Botschaft den Menschen heute zu zeigen und erfahrbar zu machen.

Und dazu schenkt uns Gott nun dieses Neue Jahr - und das als Heiliges Jahr - als Jubiläum der Barmherzigkeit.

Als Zusage und als Aufgabe.
Damit auch von uns Menschen anders weggehen können als sie gekommen sind - weil sie bei uns und durch uns Barmherzigkeit erfahren haben.
Gottes Barmherzigkeit, die in uns Mensch geworden ist.

Amen

 

 

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch