Predigt zur Ewigen Prozess von Schwester Marina Buding (gehalten von Schwester M. Michaele Rohde)

Lesung: Eph 1,2 – 1,14, Evangelium: Mk 1,14 – 20 

 

Liebe Sr. Marina,

liebe Verwandte, Bekannte und Freunde von Sr. Marina,

liebe Schwestern und Brüder,

den Texten aus dem Epheserbrief und dem Markus-Evangelium, welche wir soeben gehört haben,

möchte ich eine Begebenheit des Hl. Franziskus hinzufügen, die für mein Erleben, wesentliche Elemente dieser Texte aufgreift.

 

Es wird berichtet, der Heilige von Assisi sei an einem kalten Wintertag mit einem seiner Brüder durch tiefen Schnee gewandert. Der Bruder habe unter der eisigen Kälte und Mühsal des Gehens sehr gelitten und Franziskus sein Leid geklagt.

Da habe ihm der Heilige gesagt: „Lieber Bruder, geh hinter mir her und tritt in meine Fußstapfen.“ Der Bruder tat so. Von da an konnte er leichten Fußes seine Schritte gehen.

Ich glaube, diese Erfahrung kann jede/r von Ihnen nachvollziehen. Wie gut tut es bei hohem Schnee, wenn schon jemand vor uns eine Spur gebahnt hat?

Wohl nicht umsonst weist Franziskus seine Brüder immer wieder darauf hin, Jesu Fußspuren „nachzuwandeln“.

Für Franziskus fand im Wort des Evangeliums - der frohen Botschaft - Begegnung mit Jesus Christus statt, eine Begegnung, die lebensspendend war und daher auf andere ausstrahlte.

Was heißt dies aber konkret in der Nachfolge Jesu, denn darum geht es ja letztendlich?

Wohl nicht von ungefähr ist der Berufungsgeschichte, die wir soeben gehört haben, der kurze Abschnitt mit dem Aufruf Jesu vorangestellt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Die meisten von uns verstehen diesen Aufruf wohl als Aufforderung           Buße zu tun Sünden zu bereuen etc.

Doch dann wäre es eher eine Droh- als eine Frohbotschaft.

Schauen wir uns diesen text vom griechischen Ursprung her an, dann steht da eigentlich: „Jetzt ist der entscheidende Augenblick!“ (von „Zeit“ ist keine Rede!) „Das Reich Gottes ist nahe!“ Wörtlich übersetzt: „… es ist in deiner Hand befindlich“  „NAHE-Sein“ ist also eher räumlich / körperlich zu                verstehen, ein wesenhaftes Nahe-Sein Gott ist uns persönlich nahe!

Dieses „Nahe-Sein Gottes“ muss Jesus mit seinem ganzen Wesen ausgetrahlt haben: durch die Art seines Auftretens, seiner Worte, Gesten, die Art, wie ER Menschen anschaute.

Jesus war auf eine Art von Gott erfüllt und hat so von IHM gesprochen, dass man es IHM glaubte.

Er ist ein Mensch gewesen, der mit SEINER Anwesenheit einen Raum des Vertrauens entstehen ließ, indem jeder und jede „ICH“ sein konnte. In Seiner Gegenwart haben Menschen zu sich selbst gefunden und eine Ahnung bekommen, zu welcher Freiheit und Weite sie berufen sind.

Genau diese lebensspendende Begegnung hat Franziskus in der Begegnung mit dem Wort Gottes erfahren und auch später M. Rosa, die vor genau 153 Jahren, am 13.03.1863, unsere Gemeinschaft gründete. Beide, Franziskus und M. Rosa,

waren in einer Tiefe berührt, d. h.: sie haben sich in einer Tiefe berühren lassen, dass diese lebensspendende, liebenden Austausch ausstrahlt und andere Menschen, Männer und Frauen, eingeladen hat, sich intensiver auf diese Fußspuren Jesu Christi einzulassen.

„Kommt her! Folgt mir nach!“ so ruft Jesus seine Jünger in seine Nachfolge oder näher vom griechischen her übersetzt: „Auf, mir nach, hinter mich …“

Folgt meinen Fußspuren, dann ist der Weg nicht so mühsam, trotz mancher Hindernisse! Denn ihr seid niemals mehr allein. EINER geht euch voraus!

Er kennt den Weg!

Er erwartet keine besonderen Leistungen, er fordert nichts Übermenschliches: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen!“, so lesen wir im Markus-Evangelium, d. h. Jesus holt die Fischer genau bei ihren Fähigkeiten, die sie sich in ihrem Berufszweig angeeignet haben, ab.

Diese Fähigkeiten, wie Geduld, Wachsamkeit, Ausdauer, ein Gespür dafür, den anderen nicht durch Unachtsamkeit zu verschrecken, werden die Jünger auch in ihrem „neuen Beruf“ brauchen, aber sie bekommen eine andere Qualität. Es wird Teil ihrer Haltung und hört auf, nur für berufliche Zwecke wichtig zu sein.

In SEINEN Spuren gehen, hinter IHM her, heißt sich wandeln zu lassen zu dem Menschen, der ich im tiefsten bin.

Im Zulassen SEINER Liebe,

im mich herausrufen lassen auf einen Weg,

der den Alltag mit seinen Herausforderungen nicht leugnet,

darf ich spüren und erfahren, dass ich auf diesem Weg nicht allein bin.

Je mehr ich SEINE Liebe zulasse, kann ich eine Freiheit erfahren, die andere einlädt und ermutigt, selber Schritte zu wagen,

denn „… ER hat mich / uns erwählt, vor der Erschaffung der Welt“, wie es im Epheser-Brief heißt, und zwar jeden Menschen

und ER lässt uns die Freiheit zu antworten, in welcher Weise jeder einzelne SEINEN Spuren folgen will.

 

Liebe Sr. Marina,

Du hast Dich auf diesen Weg der Nachfolge Jesu eingelassen.

Mit uns als Gemeinschaft bist Du in der Zeit der Ausbildung mit zunehmendem Vertrauen, SEINEN Fußspuren gefolgt und hast dabei erfahren dürfen, was „Jesus-Nahe-Sein“ bewirkt, inmitten der Herausforderungen, die der Alltag stellt.

Du hast erfahren dürfen, was geschieht, wenn Du mit einem offenen Herzen, offenen Händen und einem offenen Ohr, DEM folgst, DER Dich mit Augen der Liebe anschaut.

Du hast in diesem Anblick, die Einladung gespürt, SEIN „Nahe-Sein“ weiterzuschenken und den Worten des Evangeliums Gestalt zu geben, so dass Menschen, die sich am Rand des Lebens fühlen, die einsam sind, die eigentlich alles haben und doch unzufrieden sind mit ihrem Leben, berührt werden von einer Liebe, die wärmt, Geborgenheit schenkt und ermutigt, neue Schritte zu wagen.

Es ist dies eine Liebe, die Sinne öffnet, für DEN, DER den Weg kennt und DER selbst zum Weg geworden ist, damit wir in SEINEN Fußspuren die Herausforderungen des Alltags nicht nur meistern können, sondern spüren dürfen, das in jeder Spur SEINE liebende Gegenwart uns begegnet,     anblickt, umhüllt.

Diese Erfahrung, liebe Marina, wünsche ich uns allen, aber heute, in besonderer Weise Dir.

Ich wünsche Dir, dass Du Jesu Fußspuren immer deutlich erkennen kannst und dass Du Menschen begegnest, die Dir zur Seite stehen, wenn diese Spuren undeutlich werden, Du sie aus dem Blick verlierst.

Sr. Michaele Rohde

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch