Predigt von Richard Baus zum 2. Sonntag nach Weihnachten, Lesejahr B

Joh 1,35-42

  
Liebe Schwestern und Brüder.

»Im Anfang war das Wort – und das Wort war bei Gott – und das Wort war Gott… In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen… Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«. So haben wir gerade noch einmal aus den Anfangsversen des Johannesevangeliums gehört.

Hohe Theologie ist das, hochgeistiges und hochgeistliches Reden von der Menschwerdung Gottes.
Das ist Weihnachten – ganz ohne Krippe und ohne Lichterbaum.

Es ist gut, dass es diesen „dürren“ Johannestext gibt, denn wenn wir nur die Bethlehem-Geschichte des Lukas hätten, könnte vielleicht verloren gehen, dass die Geschichte von der Geburt Jesu im Stall ursprünglich eine Protestgeschichte  ist.

Erinnern wir uns noch mal dran, liebe Schwestern und Brüder, dass die ersten Anhänger dieses Jeschua – wie Jesus in einer eigenen Sprache hieß – überhaupt kein Interesse daran hatten, etwas über seine Geburt zu erzählen.
Denn für sie war etwas anderes viel wichtiger: All die Dinge, die sie mit dem erwachsenen Mann Jesus noch selbst erlebt hatten:

Zum Beispiel, dass diese Jesus keine Berührungsängste vor Kranken und Ausgestoßenen hatte, sondern dass er auf sie zuging, sie aus ihrer Einsamkeit herausholte und heilte.
Dass er Frauen und Kinder nicht … wie damals üblich – als Menschen zweiter Klasse ansah, sondern liebevoll mit ihnen umging.
Dass er Sünder nicht nach ihren Taten und ihrem Ruf beurteilte, sondern sie bedingungslos akzeptierte, so dass sie die Chance bekamen sich und ihr Leben zu ändern.
Dass er sich nicht blenden ließ von frommem Getue und Gehabe, sondern den Menschen bis auf den Grund ihres Herzens sah.
Dass er das komplizierte religiöse Leben auf zwei Gebote beschränkte: Du sollst Gott lieben, deinen Herrn - und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Dass er den Traurigen, den Leidenden und Verfolgten den Himmel versprach – und nicht den Erfolgreichen und Gesunden…
– und dass er Macht hatte über den Tod,  selber aber dem Tod nicht ausgewichen ist.

Das war den Menschen im 1. Jahrhundert wichtig: Sein kurzes Leben in der Öffentlichkeit, seine Heilungen, die Predigten und Geschichten – und dann vor allem seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung, die zeigten: In ihm ist Gott erschienen – auf dieser Erde – ein Gott, der stärker ist als alles. In ihm ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt – und er ist das Licht mitten im Todesdunkel dieser Welt.

Was die ersten Zeugen feierten, Sonntag für Sonntag, das war die Auferstehung. Ihr Fest hieß Ostern. Wer sie dagegen nach den Anfängen dieses Jeshua befragte, erhielt nur knappe Antworten, so zum Beispiel bei Paulus: »Obwohl er göttlichen Geschlechts war, gab er alles dran und wurde ein Mensch.«

Aber dann, liebe Schwestern und Brüder, traten Irrlehrer auf. Raffiniert und zynisch behaupteten sie: Dieser Jesus war gar kein richtiger Mensch. Er war nur ein als Mensch verkleideter Gott, ein Schein-Mensch, der nur ein kurzes Gastspiel hier gab, um die Seelen, die hier in der Finsternis sind, zu befreien –
denn, so sagten sie: die Welt, das Fleisch und die Sinnlichkeit, das alles ist vom Teufel.
Heil gibt es nur oben im Licht. Alles andere, die Welt, das Fleisch, der Körper, der Mensch, all das ist böse. Wie könnte Gott da selbst Fleisch annehmen, wie könnte Gott da ein Mensch werden!? Dann wäre er ja auch „schlecht“.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

solche Behauptungen trafen die frühen Christen ins Mark ihres Glaubens. Wenn Gott gleichsam nur in einem menschlichen Kostüm aufgetreten wäre, dann wäre er nicht wirklich Mensch geworden – und dann hätte er ihr Elend, ihre Krankheiten und Nöte – und auch ihr Sterben gar nicht mit ihnen geteilt und nur so getan als ob. Er wäre sich zu gut und zu schade gewesen, selbst Mensch zu sein. Und das kann doch wohl nicht sein. Ihr Gott liebt doch die Menschen. So sehr, dass er sich ihnen gleich gemacht hat.

Und dann begannen sie, seine Geburt zu betonen und zu beschreibenaus Protest. Aus Protest gegen diesen Irrglauben.
Die Weihnachtsgeschichte, die Geburt im Stall, der Säugling in Windeln, all das ist ein energischer Widerspruch gegen einen Gott in einem Scheinleib.
Es ist das Bekenntnis: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt – in einer Welt, die von Anfang an Gottes Welt ist.
Dieser Jesus ist ganz und gar ein Mensch mit leiblichen Eltern und Geschwistern, namentlich bekannt und eingetragen im Stammesregister. Kein verirrter Lichtfunke, sondern gezeugt, Teil dieser Schöpfung, und unser Bruder bis ins letzte.

Es sind 2000 Jahre seitdem vergangen, aber die Irrlehre, Jesus doch lieber nur im Himmel anzusiedeln und nicht auf der Erde, ist immer noch ungebrochen.
Die Irrlehrer von damals treten in modernen Gewändern auf und ihre Forderungen umgeben uns auf Schritt und Tritt:

Die Kirche sei für das Jenseits da, so sagen sie; hier auf der Erde soll sie ihre Hände aus dem Spiel der Politik lassen, davon verstehe sie nichts. 

Erst im Himmel seien wir alle gleich, aber auf der Erde müssten nun mal Trennungen sein – zwischen Farbigen und Weißen, zwischen Deutschen und Ausländern, Priestern und Laien - Frauen und Männern. Auch zwischen katholisch und protestantisch.

Wir seien doch noch nicht so ganz erlöst -- und wehe, wir machten es uns zu leicht, und und und -
und manche irrige Meinung kommt unter Umständen sogar mitten aus der Kirche…...

Gegen all das ist Weihnachten der fröhliche und energische Protest: Das Wort ist Fleisch geworden: Es heißt Jesus und war ein Jude. Er war und ist ganz und gar Menschenbruder.

Wer ihn im Unterdrückten und Leidenden in der sogenannten „Welt“ nicht sucht, der wird ihn auch hier in der Kirche im hl. Brot nicht finden.
Wer für diese Welt, für Frieden und Gerechtigkeit nicht Mitverantwortung übernimmt und dafür nicht aktiv wird, der wird auch die neue Welt Gottes nicht erleben.
Und wer sich nicht darüber freut, dass er Mensch ist und einen Leib hat, der wird Gott nicht bei sich aufnehmen können.

Aber wer Jesus ganz und gar vertraut – und wer mit ihm Gott aufnimmt, denen gibt Er das Recht, sich selbst Söhne und Töchter Gottes zu nennen.
  

Amen

  
(vgl. Hans Dieter Osenberg, SB, Weihnachten 1985, SR1)

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