Predigt von Richard Baus zur Feier der Osternacht, Lesejahr B

Mk 16,1-7   

  
Liebe Schwestern und Brüder,

In der Karwoche haben wir in den Evangelien viele Erzählungen gehört, in denen Männer die Hauptrollen gespielt haben. Und wenn man die recht betrachtet, waren das Geschichten, in denen viel die Rede war von Verrat und Verleugnung, von Geißelung, Spott, Kreuzigung und Tod. Da gab es viel Gewalt.

Gott sei Dank gibt es in den Evangelien aber auch andere Rollen – und gerade die Ostergeschichte dieser Nacht erzählt davon.
Denn da sind auch noch diese Frauen, die sich aufgemacht haben und zum Grab gehen. In allen Evangelien kommen sie vor; alle Ostererzählungen kennen sie.
Und schon ganz frühe Osterikonen haben dieses Motiv übernommen und sie malen diese Frauen mit ihren Salbgefäßen in der Hand.
Sie sind früh dran, »frühmorgens, als gerade die Sonne aufging«, so heißt es in unserem Text. 

Viel können sie nicht mehr tun, das wissen sie.  Dieser Jesus ist tot. Da ist alles aus und vorbei. Sie wissen nicht einmal, wie sie den schweren Stein vom Grab wegrollen sollen. Ziemlich aussichtslos das Ganze.
Aber sie lassen sich nicht abschrecken von all dem; sie können nicht die Hände in den Schoß legen, sondern sie wissen: Hier sind sie gefragt. Hier ist ihr Platz

In der frühen Kirche stehen diese Frauen symbolisch für den wachen Sinn der Kirche.  Und damit für eine Kirche, die nicht einfach aufgibt, sondern noch etwas tun will, noch das tun will, was zu tun ist:
Wenigstens diesem geschundenen und toten Leichnam zu einem würdigen Begräbnis zu verhelfen. Ihn zu salben und liebevoll zu bestatten --  um noch ein letztes Werk der Liebe und der Caritas zu vollbringen. 

Und das Evangelium will uns wohl mit diesen Frauen sagen:
Wo eine solche Liebe noch einen Platz hat, da ist noch nicht alles aus und vorbei.
Wo eine solche Liebe noch lebendig ist, da können noch Wunder geschehen. Da kann man noch einen Engel wahrnehmen und eine ganz neue Botschaft hören.

Denn diesen Frauen geschieht etwas ganz Unerwartetes:
Diese Frauen, die so ganz auf Beerdigung eingestellt sind,
die gekommen sind, um einen Toten zu balsamieren und zu konservieren, damit sich sein Leib noch so lange wie möglich hält  -- die können mit einem mal all ihre Salben und ihren ganzen Balsam stehen und liegen lassen und etwas ganz anderes machen:
Sie können diesen Friedhof verlassen, hinter sich lassen –
und die Botschaft vom Leben in die Welt hinaustragen.
   

Wie spannend, liebe Schwestern und Brüder.

Damit diese Frauen, die für den wachen Sinn der Kirche stehen, wirklich das auch tun können, was getan werden muss, müssen sie höchst flexibel sein:
Sie müssen nämlich bereit sein, alles, was sie sich so geplant und sich vorgenommen hatten, einfach stehen und liegen zu lassen - dann etwas ganz anderes tun – das Gegenteil von dem, was sie vorhergedacht haben – weil sie diesen Engel gehört haben

Sie konservieren nicht mehr einen, der seit drei Tagen tot ist,
sondern sie verkünden einen, der höchst lebendig ist

und der ihnen vorausgeht. Der bereits dort ist, wo sie erst einmal hinkommen müssen.

Und um den Herrn dort zu finden, müssen sie Veränderung zulassen und sich bewegen:
sie müssen den Friedhof und ihre Salbtöpfe verlassen und sich auf das Neue einlassen – nicht mehr auf einen Toten, sondern auf einen Lebendigen.
Und das raffen sie. Denn sie eilen weg und machen sich auf den Weg --- auf den Weg zum Leben.

   
Liebe Schwestern und Brüder,

diese Frauen sind in der Tat flexibel. Sie können lernen und sich umstellen.
Sie lernen:
Ostern heißt: nicht festhalten, sondern loslassen.
Ostern heißt: nicht einbalsamieren und konservieren, nur damit alles bleibt wie es ist,
sondern Veränderung wagen – damit Neues möglich wird. Und zwar Leben.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

diese Frauen sind in der Tat das Symbol für eine neue und wache Kirche,
Symbol für die Kirche des Auferstandenen, für den,
den kein Grab mehr halten kann, sondern der im Leben wohnt. 

Und deshalb muss diese Kirche, wenn sie wirklich Kirche des Auferstandenen sein will und nicht die Kirche eines „Konservierten“, wie diese Frauen lernen, sich vom Leben berühren lassen und selbst lebendig sein.
Die Kirche eines auferstandenen Herrn kann dich nicht damit zufrieden geben, Altes zu bewahren.
Die Kirche eines lebendigen Herrn wird niemanden brauchen, der ängstlich Dinge bewacht, die schon längst tot und begraben sind.
Die Kirche unseres Herrn Jesus Christus darf sich nicht damit begnügen, Totes immer wieder neu zu salben und zu betonen wie wichtig das ist und wie lange wir das jetzt schon so machen,
und sie darf sich nicht darauf verlegen, nur Traditionen hoch zu halten und immer nur zu betonen, wie wertvoll sie sind. 

Denn nicht alles, was alt ist, ist deshalb schon wertvoll.
Und nicht alles was wir für „heilig“ erklären, ist deshalb auch schon wirklich heilig.
Denn ich fürchte, manchmal wird etwas nur deshalb für „heilig“ und somit auch für unveränderbar erklärt, damit wir nichts Neues anfangen müssen --- weil wir Angst haben, neue Schritte zu wagen; weil wir Angst haben, uns auf Neues einzulassen.

Denn Neues ist nicht kalkulierbar. Da weiß man am Anfang noch nicht, was am Ende dabei herauskommt. Also lieber alles lassen wie es immer schon war…

Aber mit einer solchen Angst wird es niemals Ostern, weder in der Kirche, noch in der Welt, sondern da bleibt es Karfreitag.
Wer alles nur so belassen will, wie es war, weil seine Angst vor Neuem größer ist als die Liebe zum Leben, der lebt halt auf einem Friedhof.

Aber Kirche soll keine Friedhöfe verwalten, sondern das Leben in den Blick nehmen; sie muss dem Herrn folgen, der ihr voraus-geht – und zwar ins Leben hinein vorausgeht.
Und deshalb muss die Kirche Leben möglich machen. Leben - aber nicht erst im Jenseits, sondern heute und hier. Leben für alle!

Und dazu braucht Gott Menschen, Einzelne, Familien und Gemeinschaften, die diesen wache Sinn für das Leben haben -
Menschen, die zu Vergebung und Friedfertigkeit fähig sind, zu Liebe und Barmherzigkeit.
Menschen, die das Gespür haben für die Not anderer.

Menschen, die so wach sind, dass sie an einem Grab auch den Engel sitzen sehen können, der ihnen Beine macht, damit sie alles Tote hinter sich lassen und den Mut haben zu ganz ungewohntem Tun –
zu Dingen, die sie vorher nicht getan haben – 
vielleicht weil sie ja gedacht haben, das dürften sie nicht….
oder weil man ihnen gesagt hat, Gott wolle das nicht…
Weil man ihnen immer, wenn sie gespürt haben, da müsse man nun doch etwas ändern, damit die Kirche auch noch für morgen taugt und auch das Morgen noch menschlich gestalten kann, gesagt hat, die Kirche habe ja nicht die Vollmacht, was zu ändern…

Wir kennen alle die Sätze, die man uns sagt, nur damit alles beim Alten bleibt.
Gerade in den letzten Wochen haben wir davon genug zu hören bekommen, als es z.B. um die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ging.
Nein, der Stein muss vor dem Grab bleiben! Nichts bewegt sich.

Aber nur mit dem neuen Tun beginnt auch eine neue Welt, wenn man den Stein, der das Leben einschließen will, wegrollt. Damit die Welt zu einer österlichen Welt werden kann.
Eine Welt, in der das Leben stärker ist als der Karfreitag, und stärker als der Tod.

»Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung«, so heißt es in einem geistlichen Lied. »Manchmal feiern wir mitten im Streit… – und mitten im Tod ein Fest der Auferstehung«, so heißt es weiter. Mitten drin, dann, wenn eigentlich keiner es erwartet.
Das geschieht immer dann, wenn Menschen nicht in die alten Muster zurückfallen,
in denen nur Traditionen heilig sind – und nicht das Leben, das HEUTE leben will..

Wenn Menschen nicht mehr sagen  „Da ist nichts mehr zu machen“, - oder: „Es muss alles bleiben wie es war, weil Gott das so will“,
sondern wo sie mit einem »wachen Sinn für das Leben« aufbrechen und fragen:
Wer braucht denn JETZT unsere Hilfe? Wem müssen wir HEUTE ein gutes Wort sagen? 

Wem dürfen wir 2021 nicht länger die Gesetze und Vorschriften von früher um die Ohren hauen, damit das Grab auch schön zu bleibt, in dem er sitzt --- sondern wem müssen wir den Stein wegrollen, damit für ihn mehr Leben möglich wird – auch in unserer Kirche?

Wo brauchen Menschen einen  Engel, der ihnen Beine macht…? Wo brauchen sie uns?

Aber wo das geschieht, wo Menschen das riskieren, wo sie Steine wegrollen und anderen zum Leben verhelfen, da werden sie beschenkt, von Gott geschenkt – und zwar mit der Erfahrung eines neuen Lebens,
mit der Erfahrung von Ostern.

Das wünsche ich uns allen heute:
Diesen wachen Sinn für das, wozu der Auferstandene uns sendet  – und dann den Mut, es auch zu tun:
ein neues Handeln,  so dass mehr Leben möglich wird …
damit Ostern eben nicht nur ein Fest bleibt, das wir nur feiern, weil es grade im Kalender steht, 
sondern weil wir es zum Leben brauchen -
und weil Gott uns dieses Fest schenkt – 

damit auch wir wirklich zum Leben kommen,
---- nicht erst im Jenseits, sondern JETZT, HIER und HEUTE.    


Amen

 

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