Predigt von Richard Baus zum Neujahrsmorgen, Lesejahr C

 Lk 2,16-21

 
Liebe Schwestern und Brüder,

an diesem Neujahrsmorgen klingt noch einmal die Weihnachtsgeschichte an - und es ist von den Hirten die Rede, die nach Bethlehem gegangen sind, um das Kind zu schauen.

Das ist eine der „Merkwürdigkeiten“ der Weihnachtsgeschichte: Die Tatsache, dass die Engel die Botschaft von der Geburt des Kindes von Bethlehem zuerst den Hirten verkünden.

Warum ist das merkwürdig? Nun, weil Hirten in der damaligen Zeit keine „Vorzeigemenschen“ waren. Im Gegenteil. Hirten gehörten eigentlich zu den Randfiguren der Gesellschaft

--- denn sie konnten ja die viele religiösen Vorschriften, auf die ein frommer Jude verpflichtet war, nicht erfüllen - wegen ihres Lebens auf den Feldern. Und sie konnten nicht in die Synagoge oder in den Tempel gehen. Deshalb zählte man sie zu den offensichtlichen „Sündern“. Sie waren Menschen, deren Dienste man zwar in Anspruch nahm, aber um die man einen großen Bogen machte. Mit denen setzte man sich nicht an den Tisch. Keine gute Gesellschaft!
Und genau denen wurde nun zu allererst die Botschaft der Geburt des Retters verkündigt.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

in der Tat merkwürdig: Die Botschaft der Engel wurde nicht in den Synagogen oder im Tempel verkündet, nicht den sogenannten Guten und Frommen, sondern diesen Hirten.
Euch ist heute der Retter geboren!“ so jubeln die Engel.
Euch, die ihr schief angesehen und verachtet seid. Um Euretwillen ist Gott in die Welt gekommen. Um Euch zu retten und heil zu machen wird Gott ein Mensch - in diesem Kind von Betlehem, in diesem Kind im Stall.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

durch die Engel meldet sich ein Gott zu Wort, der wohl nur ein Ziel hat: Die Kleinen zuerst - und dann die Großen.

Die Sünder zuerst - und dann die Guten.
Die, die immer an den Rand geschoben werden, zuerst - und dann die, die eh schon in der Mitte stehen.

Und das scheinen diese Hirten zu begreifen, denn als sie alles gesehen haben und wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren, da rühmen und loben sie Gott, sie freuen sich - denn sie haben eine wunderbare Erfahrung gemacht:

In diesem Kind ist ihnen Gott begegnet. Und dieser Gott hat ihnen nicht, wie die Glaubenswächter ihrer Zeit, den Kopf zurechtgerückt, sondern er hat sie in diesem Kind angelächelt. Er hat ihr Herz berührt.

Er hat sie spüren lassen, wie wichtig sie ihm sind; so wichtig, dass sie die allerersten waren, die die Heilsbotschaft hören durften.
Ja, in diesem Kind ist Gott ihnen gnädig und barmherzig begegnet - und das verändert sie. Sie gehen anders zurück als sie gekommen sind. Gott hat ihnen die Würde geschenkt, die die Vorschriften und Gebote der Menschen ihnen genommen hatten. Sie sie nun „Menschen seiner Gnade“. Sie sind von Gott angesehen und geliebt. Und so können sie Gott rühmen und loben.

Das ist der Beginn der frohen Botschaft. So steht es am Anfang des Lukas-Evangeliums, des Evangeliums der Barmherzigkeit. Und die Frohe Botschaft lautet:  

Da ist ein Retter. Da ist einer, der sogar noch die Sünder liebt - ohne Ende. Einer, der sich aufmacht, um die Verlorenen zu suchen - damit sie ihn finden können. Aber nicht in abgehobener Spiritualität, nicht in der Höhe gelungener Meditation und nicht in der Tiefe druckreifer Gebete - nein, in einem Stall, in einer Krippe, auf Heu und auf Stroh. Dort, wo die Hirten mit ihren Schafen zu Hause sind, wenn sie nicht auf der Weide sind. 
Ja, nicht sie müssen Gott suchen, sondern Gott kommt zu ihnen - ins Haus, frei Haus.

Niederschwelliger geht es nicht mehr. 

Und genau das ist Barmherzigkeit. Das ist Liebe. Das ist Gottes Barmherzigkeit und Liebe. 

Und diese Barmherzigkeit und Liebe, wird das ganze Leben dieses Kindes von Betlehem durchziehen. Ab jetzt heißt es für diesen Jesus immer: Die Kleinen zuerst. Die Kranken und Versager zuerst. Zuerst die Schwachen Zuerst die Sünder - und dann die anderen, die, die keinen Retter brauchen, weil sie sich alleine helfen können.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist die Zusage, die das Evangelium uns macht - heute, am 1. Tag eines Neuen Jahres.

Aber dort liegt auch die Aufgabe, die das Evangelium uns stellt:
Dass WIR so sind wie dieses Kind im Stall, wir als einzelne - und wir zusammen als Kirche:
Das wir die sind, die diese frohe Botschaft den Menschen heute zeigen und erfahrbar machen --
als Menschen seiner Gnade
durch die Art und Weise, wie WIR Menschen behandeln,

wie WIR mit Menschen umgehen,

dass auch WIR wie dieser Gott damals von unseren hohen Rössern heruntersteigen und MENSCH WERDEN -
Mensch für die Menschen

damit auch von uns Menschen anders weggehen können als sie gekommen sind: erlöster, befreiter und froher- weil sie bei uns und durch uns Barmherzigkeit erfahren haben. 
Gottes Barmherzigkeit, die in uns Mensch geworden ist.

 
Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch