Predigt von Richard Baus zum 19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Lk 12,32-48

  
Liebe Schwestern und Brüder,

um das Anliegen dieses Evangelienabschnittes richtig verstehen zu können, muss man sich daran erinnern, dass die ersten Christen in der sogenannten „Naherwartung“ lebten:
Man war der festen Überzeugung, dass sich die Wiederkunft des Herrn -und damit auch das Endgericht- in naher Zeit ereignen würde --- so dass alle es noch miterleben würden. 

Aber dann stellte man langsam fest: Das Ende kam nicht! Die Zeit lief einfach weiter, Monat um Monat, Jahr um Jahr – und nichts passierte. Keine Wiederkunft des Herrn. Kein Endgericht. Und dann gab es wohl die ersten Ermüdungserscheinungen in den Gemeinden:
Man wartete nicht mehr auf die Wiederkunft, nicht mehr auf den Jüngsten Tag, sondern man begann, sich in der Welt einzurichten, das heißt so zu leben wie die anderen auch.
Und so mussten der Evangelist, als er seine Frohe Botschaft aufgeschrieben hat, die Gläubigen ermahnen.

Seid wachsam! Lasst Eure Lampen brennen! so sagt er.
Werdet nicht müde, sondern lebt weiter in der Erwartung. Lebt wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der nur mal eben auf einer Hochzeit ist -- und der jeden Moment nach Hause kommen kann.

Und vor allem: Seht zu, wie ihr lebt und was ihr tut! Schaut genau hin, womit ihr eure Tage verbringt – damit der Herr euch bei seiner Ankunft auch beim richtigen Tun antrifft.

  
Liebe Schwestern und Brüder,

an dieser Stelle müssen wir sicher fragen: Was ist denn das richtige Tun, wenn der Herr zurückkommt? Worüber wird der Herr sich freuen, wenn er nach Hause kommt?

Nun, unser Evangelium benennt da etwas, woran wir vielleicht erst an zweiter Stelle gedacht hätten.
Anscheinend ist es nicht das Gebet, nicht die Feier der Gottesdienste, sondern die Nächstenliebe, die Caritas.

Vielleicht haben Sie es noch im Ohr. Da hieß es nicht: Selig, wen der Herr beim Beten antrifft, wenn er heimkommt, sondern: Selig, wen der Herr dabei antrifft, dem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuzuteilen.

Das heißt auf gut deutsch: Selig, wen der Herr dabei antrifft, zu den Menschen gut zu sein; ihnen das zu geben, was sie zum Leben brauchen. Den wird er zum Verwalter seines gesamten Vermögens machen.

Spannend. Der Evangelist hat wohl keine Angst, dass zu wenig gebetet würde, sondern eher, dass die Nächstenliebe zu kurz kommt.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

wir dürfen schon davon ausgehen, dass diese Christen fromm waren, dass sie regelmäßig gebetet und Gottesdienste gefeiert haben.
Aber genau das taten die Menschen um sie herum auch. Die großen Tempelanlagen und die vielen Götterfiguren in so vielen antiken Städten geben Zeugnis davon. Das waren alles fromme Leute. Keine Frage.
Aber bei diesen Christen sollte es noch etwas anderes geben, etwas, was über die „Frömmigkeit“ hinausging: einen neuen Lebensstil, der mit dem Gottesbild dieser Christen zu tun hat. Eben die Caritas. Die Diakonie.

Ja, diese Christen unterschieden sich von anderen Religionen schon durch ihren besonderen Umgang mit den Schwachen und Kleinen. Bei diesen Christen zählten eben nicht nur – wie sonst überall - die Starken, die Reichen und Großen, sondern auch die Kleinen, die Schwachen, die Kranken, Witwen und Waisen und die Sklaven.
Keiner wurde ausgegrenzt. Denn, so wussten sie: Gott hat sich doch auf die Seite genau dieser Kleinen, Schwachen und Armen gestellt.
Denn davon erzählt dieses Lukas-Evangelium von Anfang an:

Dieser Gott der Christen hat seinen hohen Himmel verlassen - und wird ein Mensch – nicht in einem Palast, sondern in einem Stall.
Er hält nicht an seiner Macht fest, sondern wird ein schwaches Kind. Das Kind armer Leute – wie wir es jedes Weihnachtsfest feiern. Und an Weihnachten hören wir auch, dass die ersten, denen diese Frohe Botschaft verkündet wird und die es mit eigenen Augen sehen dürfen, auch nicht die Klugen, nicht die Angesehenen und die Erfolgreichen sind, sondern Hirten. Das waren damals Menschen dritter Klasse.
Und genau zu solchen Menschen weiß sich dieses Kind von Betlehem dann als erwachsener Mann gesandt: zu den Kranken, zu den Hilfsbedürftigen, zu den Sündern und Ausgestoßenen.

Und wenn Gott sich in Jesus Christus so auf die Seite der Schwachen und Geringen schlägt, dann müssen es diejenigen, die sich nach ihm „Christen„ nennen, genau so machen. Das ist deren Auftrag.
Und so dürfen sie nicht nachlassen, den Knechten und Mägden, den jeweils „Kleineren“ das zu geben, was sie brauchen, um leben zu können: Nahrung, Zeit, Aufmerksamkeit und ein gutes Wort zur rechten Zeit.

Denn wer das tut, so sagt es unser heutiges Evangelium, der hat den Herrn verstanden -- und den wird der Herr, wenn er heimkommt, am Tisch Platz nehmen lassen; er wird sich selbst die Schürze umbinden und ihn bedienen.

Wohl denen also, die der Herr dabei antrifft, wenn er kommt oder wie wir auch übersetzen können: Selig, die der Herr dabei antrifft.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ja, das ist eine Seligpreisung, die wir da gerade gehört haben.
Eine Seligpreisung – die aber nicht  irgendwelchen „Spezialisten“ gilt,
sondern sie gilt allen Menschen,
allen, die anderen dienen können -

Menschen wie Mutter Rosa und Bruder Jakobus,

aber auch Menschen wie wir.

Ja, auch wir gehören zu den „Seligen“-

dann, wenn wir anderen das geben, was sie zum Leben brauchen.

 
Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch