Predigt von Richard Baus zum 21. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Lk 13,22-30 (und Jes 66, 18-21)

 
Liebe Schwestern und Brüder,

von den Ersten und den Letzten war da die Rede.
Und von dem Haus, in das am Ende die Letzen hineinkommen – und nicht die Ersten, die sich das doch ausgerechnet hatten.
Wer ist damit gemeint?

Nun, es lohnt sich sicher, einmal genau hinzuschauen, in welche Situation hinein dieses Evangelium aufgeschrieben wurde. Was damals los war, als Lukas es aufgeschrieben hat?

Unsere Bibelwissenschaftler können uns das ziemlich genau sagen:
Da müssen wir uns eine Gemeinde vorstellen, in der Christen lebten, die noch den Anfang mitbekommen hatten. Inzwischen alte Männer und Frauen, die Jesus vielleicht selbst noch erlebt hatten. Christen der ersten Stunde. Die „Ersten“ also.

 

 

Und da gab es auf der anderen Seite Christen, die aus so ganz anderen Lebenszusammenhängen kamen: Frauen und Männer, die vor ihrer Bekehrung und vor ihrer Taufe Heiden waren, die den Göttern Roms oder den Göttern Griechenlands geopfert hatten. Fremde, denen man nicht so wirklich traute. Die „Letzten“ also, die den „Ersten“ nie gut genug waren.

Diese „Ersten“ nannte sich selbst gerne die "Brüder Jesu" - und sie konnten unausstehlich sein:
* bei allen Entscheidungen meinten sie, sie müssten gehört werden
* überall wollten sie das letzte Wort haben
* sie passten auf, dass sich auch ja nichts veränderte
* und vor allem waren sie fest davon überzeugt, dass sie mit Sicherheit in den Himmel kommen würden -
denn sie hatten den Herrn ja noch gekannt, 
sie hatten doch mit ihm gegessen und getrunken ----
Was sollte ihnen da passieren?!?!? 

Im Gegensatz zu ihnen waren diese anderen, diese Fremden doch nur Christen 2. Klasse. 
Die sollten sich erst mal bemühen, durch die enge Tür zu kommen - und dann können sie mitreden.

 
Aber, liebe Zuhörer und Zuhörerinnen,

ich denke, Sie spüren es: Es geht in unserem Text gar nicht  um diese  Fremden, nicht um die, die als Letzte zu den Christen hinzugekommen sind,  sondern der Evangelist nimmt die anderen in den Blick: die Ersten, jene „Altgedienten“, die fast schon überheblich in ihrer Überzeugung waren, ihnen könnte doch nichts mehr passieren, weil sie doch die wahren Frommen und die einzig Guten sind. 

Diese „Ersten“, die so festgefahren und im Guten verhärtet waren, dass sie es auch dem Herrn gar nicht mehr „erlaubten“, seine Kirche so zu gestalten und auszubreiten, wie ER es für gut heißt und wie es das „Jetzt“ erfordert, damit Kirche weitergeht und Zukunft hat, sondern es sollte bleiben, wie es war – und wie sie es für gut empfanden.

Ja, die sind hier angesprochen und die sind angefragt. 
Und denen sagt der Evangelist: Meint nur nicht, es würde genügen, den Herrn zu kennen. Meint nicht, es würde genügen, den Herrn mal gehört und gesehen zu haben, sondern lebt das, was ihr an ihm gesehen und von ihm gehört habt:
Lebt seine Liebe, übt seine Barmherzigkeit – und freut euch an der Weite seines Herzens, die niemanden ausschließt.

Denkt doch nicht, das Reich Gottes wäre nur dort, wo ihr seid und wo ihr versucht, Kirche zu sein. Das Reich Gottes ist doch viel größer als die Kirche;
und am Tisch des Herrn ist nicht nur Platz für Euch, sondern noch für ganz andere.

 

 

Denn der Herr überschreitet alle Grenzen - für ihn ist niemand fremd - und er sammelt sein Volk von überall her zusammen, selbst von dort, wo ihr es nie vermutet hättet.

 

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ja, der Evangelist spricht hier deutliche Worte – damals und auch zu uns heute. Denn solche „Ersten“, die gibt es ja heute in unserer Kirche auch noch zu genüge…

Aber diese deutlichen Worte sind sicher nicht als Drohung gedacht, denn Evangelium ist immer Froh-Botschaft und nie Droh-Botschaft.

Der Text ist für mich vielmehr eine Ermutigung, die sagen will:
Nennt euch doch nicht nur Christen, sondern seid Christen.
Gebt Euch nicht damit zufrieden, dass Ihr früher mal was Gutes getan habt, sondern tut auch heute Gutes, damit man euch daran auch heute als Christen erkennen kann – hier und jetzt.

Und vor allem: Lasst in euren Herzen einen Gott zu, der nicht nur auf gestern schaut, sondern auch auf morgen.
Einen Gott, den man nicht mit ein paar frommen Aktionen einwickeln und bestechen kann; einen Gott, der nicht verdient werden will, sondern einen Gott, der sich uns schenken will …
und der so frei ist, dass er selbst wählen kann, wer bei ihm die Ersten und wer die Letzten sind.

 

 

Ein Gott, von dem die Froh-Botschaft uns zusichert: 
Keine Angst. Bei Gott kommt keiner zu kurz, auch die Ersten nicht und auch nicht die Letzten. Denn dieser Gott sucht alle, auch uns – ob wir uns nun selbst zu den Ersten oder zu den Letzten zählen - und er wird auch uns finden –

selbst mitten in all unserem Versagen, mitten in all unserer Schwachheit und in unserem Unglauben ---

und er lässt uns herbeiholen von Osten und Westen und aus all den anderen Richtungen, in die wir uns so in unserem Leben verlaufen haben, damit auch wir am Ende mit ihm am Tisch sitzen können.

Und wenn es dort heißt: Bemüht Euch mit allen Kräften - dann geht es nicht um Leistungen, die wir erbringen müssen und nicht um Stress, den Gott uns macht, sondern dann geht es um den Glauben:
Bemüht Euch mit allen Kräften, dass Eure Herzen offen sind für einen Gott, der nicht abrechnet und nicht aufrechnet, sondern der liebt.
Der so viel Liebe hat, dass für ihn die Letzten auf einmal Erste sind.
Und der am Ende seine Tür für alle öffnet,  weil seine Liebe so ganz ohne Grenzen ist. 

 
Amen.

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch