Predigt von Richard Baus zum 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Sir 3,17-18.20.28-29
Lk 14,1.7-14

 
„Benimm-Regel für die Pharisäer“, so könnte man über dieses Evangelium schreiben. 

Aber, liebe Schwestern und Brüder,

die Pharisäer werden das alles ja heute Morgen nicht hören, denn die sind ja nicht hier.
Aber wir sind hier, Christinnen und Christen.
Und deshalb ist der Text vielleicht ja auch eine „Christenlehre“ für uns heute.

Gewiss, in den Ohren der Menschen von heute klingt es sicher nicht gerade „chic“, was der Evangelist uns hier verkündet: Sich hinten anstellen; sich selbst freiwillig gleich auf den letzten Platz zu setzen, damit andere vorne sitzen können. Nur Leute einzuladen, von denen man nie und nimmer wieder etwas zurückerwarten kann. 

Ist das nicht ziemlich weltfremd und von gestern?
Ist man da nicht dauernd der Dumme?
Und klingen da Ratschläge aus anderen Büchern nicht viel besser:
Z.B. Die Kunst ein Egoist zu sein.
Erfolg im Leben durch Selbstverwirklichung.
Lebe Dein Leben – ohne Rücksicht auf Verluste!?
Anleitungen, wie man so richtig durchstarten kann, um dann bestimmt auf den vordersten Plätzen zu landen.
Warum soll das bei uns so anders sein?

 
Liebe Schwestern und Brüder,

ich glaube nicht, dass die Kirche weltfremd ist, wenn sie uns heute Morgen diese Texte vorlegt. Eher im Gegenteil. Sie legt uns diese Texte vor, weil sie die Welt kennt.
Weil sie nur zu gut weiß, dass man einen vorderen Platz nur dann einnehmen kann, wenn man vorher einen anderen von dort weggedrängt hat.
Weil sie genau weiß, dass mancher nur deshalb so hoch aufsteigen konnte, weil er kräftig nach unten getreten hat.

Und weil die Kirche weiß, dass sich eine Welt nicht zum Besseren verändert, wenn die Reichen sich nur mit den Reichen beschäftigen - und die Armen dabei hinten runterfallen.

Deshalb soll es bei uns anders sein!

 
Liebe Schwestern und Brüder,

daher diese Christenlehre: Passt auf, dass ihr, die Christen, am Ende nicht genau so seid wie all die anderen. 

Und daher die eindringliche Mahnung: Lebt anders! Seid als Christen eine Alternative zu dieser oft so unbarmherzigen Welt.

Lebt so, dass sich durch euch die Welt positiv verändert. Durch eure Art zu leben:
Achtet nicht nur auf euch, sondern auch auf eure Mitmenschen.
Erringt eure Erfolge nicht auf Kosten der Schwächeren, sondern teilt euer Leben -
teilt Euer Leben auch mit denen, die euch sicher nichts dafür zurück schenken können, aber die durch euch Anteil an mehr Leben bekommen. 

Ja, wenn Ihr anders lebt, dann wird sich die Welt verändern, zumindest dort, wo ihr seid. Und dann wäre das tatsächlich eine Alternative.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

nun steht da aber am Ende unseres Evangeliums dieser Satz: Es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Klingt das nicht doch so, als ginge es auch bei allem alternativen Leben am Ende dann doch gar nicht so sehr um die Armen und um die Geringen, denen man geholfen hätte, sondern doch nur drum, dass wir irgendwiedafür  belohnt werden?

Geht es am Ende dann nicht doch um die „ersten Plätze“ – zwar nicht auf dieser Erde, sondern halt im Himmel?

Nein, ich bin sicher: Genau das ist nicht gemeint. Es geht schon darum, den Armen, Kranken und Schwachen beizustehen – und zwar einzig und allein um ihrer selbst willen

Denn den Himmel können wir uns nicht erkaufen; sondern den kann ganz alleine Gott schenken.
Und dort gibt es auch keine besseren oder schlechteren Plätze, denn dort wird Gott selbst allen alles.

Und dennoch wird es eine „Vergeltung“ geben, sagt der Herr.

Nun, vielleicht besteht die „Vergeltung“ ja gar nicht in einer besonderen „Belohnung“, denn im Himmel werden ja eh alle gleich sein. Da gibt es keine Bevorzugungen mehr.

Vielleicht besteht diese „Vergeltung“ ja ganz einfach in der Freude.
In der Freude darüber, dass wir bei der Auferstehung erkennen und entdecken, wie nahe wir doch Gott schon in unserem Leben waren, als wir versucht haben, „alternativ“ zu leben – so anders als „die Welt“, wo es wichtig ist, auf einem der ersten Plätze zu sitzen und vorne mitzumischen

Vielleicht besteht die Vergeltung in der Tat in der Freude und der Genugtuung darüber, dass wir schon in dieser Welt ein Leben nach der Art Gottes geführt haben – nach der Art und Weise, wie Jesus es gezeigt und selbst gelebt hat:.

Als Mensch für die Menschen.
Als Retter und Heiland.
Nicht auf dem hohen Ross, sondern auf einem Esel.
Nicht als Herr, sondern als Bruder.
Nicht auf einem hohen Thron ganz vorne bei den Ersten, sondern am Kreuz ganz hinten bei den Letzten.
Schlicht, barmherzig und voller Liebe.
Darum geht es in der heutigen Christenlehre: Dass wir es dem Herrn nachmachen
Aber nicht um uns klein zu machen.  Nicht, um uns unsere Erfolge zu vermiesen und uns ein schlechtes Gewissen zu machen.

Nein, es ist eine Einladung!
Die Einladung, anders zu leben.

Und zwar nach der Art Gottes:
nach der Art eines Gottes, der sich selbst ganz klein machen kann, um mitten unter den Menschen wohnen zu können.
Nach der Art eines Gottes, der seinen ganzen Himmel und seine ganze Herrlichkeit drangibt und der ein Mensch wird, um unser menschliches Leben mit uns teilen und uns seine Liebe schenken zu können.

Ein Gott, der genau so ist, wie Jesus ihn uns vorgelebt hat – damit wir von IHM lernen können… eben dieses „andere“ Leben. 

Das Leben nach der Art Gottes, das die ganze Welt verwandeln kann.
Und wo wir das versuchen, da geschieht dieses Wunder der Verwandlung mitten unter uns.

 
Amen

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch