Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Phlm 9b-10.12-17

 
Liebe Schwestern und Brüder,

haben Sie noch die Lesung aus dem Brief an Philemon im Ohr?
Paulus schreibt diesen Brief aus dem Gefängnis heraus.
Dort im Gefängnis hat er Onesimus kennengelernt, einen Sklaven, der diesem Philemon weggelaufen ist.
Vermutlich hat Onesimus einen Diebstahl begangen und ist aus Angst vor der Strafe seinem Herrn davongelaufen. Aber man hat ihn aufgegriffen und ins Gefängnis geworfen, in dasselbe Gefängnis, in dem auch Paulus wegen seines Glaubens gefangen gehalten wird.

Und zwischen Paulus und Onesimus hat sich nun im Gefängnis eine freundschaftliche Beziehung entwickelt: Onesimus ist Paulus, dem inzwischen altgewordenen Mann, zur Stütze geworden. Anscheinend hilft er Paulus, wo er nur kann.
Und so ist er Paulus so ans Herz gewachsen, dass er ihn eigentlich bei sich behalten will – aber das geht nicht, denn er „gehört“ ja nicht ihm, sondern seinem Herrn.

Aber da ist wohl noch mehr: Aus der Formulierung „mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin“, dürfen wir herauslesen, dass Paulus Onesimus zum christlichen Glauben bekehrt hat. Er hat ihn getauft.

Und genau dadurch, dass sie nun beide Christen sind, sind sie in ein neues Verhältnis zueinander getreten. Da gibt es jetzt kein oben und unten mehr, nicht mehr Sklave und Herr, sondern sie sind Verwandte, verwandt und verbunden durch den Glauben an Jesus Christus, der uns alle zu Schwestern und Brüder macht.

Und so bittet Paulus nun den Philemon, dass auch er in ein neues Verhältnis zu Onesimus tritt: dass er ihn nicht mehr als Sklaven, den er nach Belieben für seine Schuld bestrafen und weiter verkaufen kann, in sein Haus aufnimmt, sondern als Bruder. Als geliebten Bruder, denn das, so redet Paulus ihm weiter ins Gewissen, ist Onesimus doch nun auch für ihn – und auch für den Herrn.
„Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst“.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

da fordert Paulus dem armen Philemon ganz schön heraus mit seiner Bitte.
Schließlich hat Onesimus seinen Herrn bestohlen; er hat Schuld auf sich geladen. Kann Philemon da nun so einfach darüber hinweggehen und tun als wäre nichts gewesen??

Nun, genau darum geht es wohl genau nicht – ums Tun, als wäre nichts gewesen. Paulus weiß, was Schuld ist und dass man da nicht einfach drüber weggehen kann.

Aber Paulus weiß auch, was es heißt, im Glauben miteinander verbunden zu sein. Was es heißt, durch Gott miteinander verbunden zu sein.
Paulus weiß, dass Gott uns mit anderen Augen anschaut als wir Menschen das tun.
Vor Gott sind wir nicht – wie das vielleicht vor einem Gericht wären - einfach nur die Summe unserer Schuld,
vor Gott sind wir nicht einfach nur die Summe unserer Fehler und Sünden,
sondern vor Gott sind wir doch auch noch dessen Kinder.
Kinder, die er liebt. Kinder, deren Namen er in seine Hand geschrieben hat und die er in sein Herz geschlossen hat.

Und weil Gott uns in sein Herz geschlossen hat, ist Gott auch zu einem neuen und anderen Handeln fähig als man es erwarten würde: Ja, Gott kann strafen --- aber Gott kann auch verzeihen.
Gott ist sicher gerecht --- aber er kann auch barmherzig sein.
Und eben diese Barmherzigkeit öffnet ganz neue Möglichkeiten – für Gott – und deshalb auch für uns Menschen.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

weil es bei Gott auch diese Barmherzigkeit gibt, ist Gott eben nicht aufs Strafen von Schuld und Sünden festgelegt, sondern er kann auch uns vergeben, er kann mit uns einen neuen Anfang machen – aus Liebe.
Und genau das ist Göttlich. Das macht Gott aus: Diese Barmherzigkeit, die aus der Liebe kommt; aus einer Liebe, die weit größer ist als alle menschliche Schuld.

Damit wird die Schuld nicht verharmlos, sie wird nicht unter den Teppich gekehrt, nach dem Motto „Schwamm drüber“, aber sie wird vergeben.
Weil da noch was anderes zählt: Eben diese große Liebe, zu der Gott fähig ist. Jene Liebe, die den Blick weitet – auf den ganzem Menschen hin und nicht nur auf sein Versagen hin.

Denn wir sind doch immer noch mehr als unsere Schuld,
mehr als  unsere Sünden. Wir sind doch nicht immer nur schlecht, sondern wir haben doch auch unser Gutes; da ist doch auch all das, was Gott in uns hineingelegt hat – was größer ist als wir und unsere Schuld - und was uns zu seinen Kindern macht – und damit wertvoll und schön.

Wie gesagt: In den Augen Gottes sind wir mehr als nur die Summe unseres Versagens. In seinen Augen wir sind auch –und sicher vor allem-  seine Söhne und Töchter –
und das macht uns untereinander zu Schwestern und Brüder.

Und das ist es, was Paulus dem Philemon ans Herz legt: Onesimus ist doch auch dein Bruder – durch die Taufe, durch den gemeinsamen Glauben. Und mit Geschwistern geht man anders um. 
Sklaven mag man vielleicht bestrafen, aber Geschwistern muss man doch auch verzeihen können.

Ja, mit diesen wunderschönen Worten seines Briefes nimmt Paulus den Philemon „gleichsam an der Hand und glaubt ihm vor, was zu tun ist. Und er zeigt Philemon genau den Ort, wo sich der Glaube jetzt zu bewähren hat“ (A. Suhl 36): In der neuen Annahme dieses Onesimus. In einer Annahme als Bruder. In einer Annahme, die von Barmherzigkeit und Vergebung geprägt ist – und die damit wieder neu Leben möglich macht.
Und nur diese neue Annahme allein kann neues Leben möglich machen. Und deshalb ist auch diese neue Annahme göttlich.

 
Liebe Schwestern und Brüder,

was Philemon da lernen soll, diese neue Annahme, dieses Handeln wie Gott, das sollen wohl auch wir lernen – denn sonst wäre dieser kleine Brief nicht in unsere dicke Bibel hineingekommen.

Auch wir sollen diese neue Annahme des anderen lernen, denn sie ist Bestandteil unseres christlichen Glaubens, eines Glaubens, der fähig macht zu einem neuen Blick auf den Menschen…
Weil Gott uns Menschen nicht richten will, sondern retten – und das geht nur durch Liebe und Barmherzigkeit.

Herausfordernd, oder?
Ja, unser Christentum ist in der Tat keine Dekoration für den Sonntag, sondern eine Herausforderung für den Alltag.

Und das jeden und jeden Tag neu.

Amen

 

Alles tun aus Liebe zu Gott, für Gott, mit Gott, um zu Gott zu gelangen.

Mutter Rosa Flesch